Ausgabe 
(25.12.1894) 104
Seite
815
 
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meine Orden wahrhaftig nicht in Unehren verdient, abernoch heute thut mir das Herz weh, wenn ich an desGroßbauern Liefet denket Ja, Freund," sagte er, undüber sein gefurchtes sehniges Gesicht zog ein Schattenbitteren Schmerzes,ja, Freund, es war ein herziges,liebes Ding, das kleine L'esel. Was soll ich Dir vielerzählen? Es war dieselbe traurige Geschichte, wie sienicht allein in unsern Thälern passirt. Der Großbauerwar der reichste Mann in der ganzen Runde, und ichbesaß nichts als meine Axt und meinen starken Arm.Und als ich des Sonntags nach der Kirche auf den Hofging, um um mein Liesel anzuhalten, da jagte er michmit Hohnlachen hinaus, und ich ging blutenden Herzensvon bannen. Für kein Geld wäre ich in mein Dorfzurückgekehrt, ich dacht' bei mir, machst's wie dein Vaterselig, der ist auch hinausgezogen und hat dem großenKaiser gedient und ist als Stelzfuß zurückgekehrt und hatnachher geheirathet. Trink' noch einmal, Bruder; ichwerde mein Dorf wohl nimmer sehen, und das Lieselhat mich längst vergessen. Sag' aber nicht, daß ichnichts davon verstehe; ich hab' mein Weh' mit mir herum-getragen viele Jahre lang, und oft wenn die Kugelngepfiffen haben, hab' ich an mein Liesel gedacht, ja heutenoch. Doch, was geht's Dich an? Legionäre, die sichfür einen Sou täglich todtschießen lassen, haben keinHerz im Leib!"

Der alte Söldner tegte die Arme auf die Mündungseines Gewehres, stützte sein Kinn darauf und schautewehmüthigen Blickes in die Ferne. Doch gleich daraufrichtete er sich auf, als schäme er sich der Regung undsagte scherzend zu seinem jungen Geführten:

Jst's nicht so, Kamerad, uns drückt der Schuh anderselben Stelle?"

Es ist möglich," sagte dieser verlegen,aber es istdoch etwas Anderes, was mich gerade heute niederdrückt.Sage, Alter, seit wie lange hast Du kein Weihnachtengefeiert?"

Weihnachten?" entgegnete der Schweizer rauh.Weihnachten? Was kümmert's mich? Es ist lange her,daß ich mich um solche Sachen bekümmert habe. Ichglaube auch nicht, daß unser Herrgott nicht lange miteinem alten Soldaten rechten wird, ob er die Festtage,die die gelehrten Herren in den Kalender gesetzt haben,richtig gehalten hat, und wenn er's thut, nun, unsereinerhat es nicht besser gesehen und gelernt."

Er wischte sich über die Augen, in denen ein ver-rätherischer Glanz schimmerte, und meinte dann:

Ja, wenn's denn wirklich so ist, daß sie heutedaheim in meinem Dörfchen die Tannenbäume anzünden,dann hätte ich auch eine Bitte an das Christkind: ichwollte, daß unser Herrgott mir ein selig Ende gebenmöcht', eine Kugel gerad' in das Herz hinein, damit esfrei würde von allem Schmerz und aller Qual, jadann wär's ruhig da drinnen!" Mächtig schlug er mitder flachen Hand sich vor die Brust und wandte sich ab,als fürchtete er, zu viel gesagt zu haben.

Es wurde immer später. Die Legionäre trugenHolz zusammen für das große Feuer, damit man nachtsgegen die Anfälle wilder Thiere geschützt sei.

Die Nacht war kühl, und aus den Sümpfen stiegder feuchte, fieberbringende Nebel. Der Schein des Feuerserleuchtete einen ziemlich weiten Umkreis und gab derbuntbewegten Scenerie ein wildes, seltsames Aussehen.Mehrere Soldaten hatten Trommeln in den Lichtschein

gerückt und spielten mit ihren schmierigen, fetten Karten;andere lagen und saßen in allen Stellungen um dieSpieler und machten nach jeder Partie ihre Bemerkungen.Alles leidenschaftliche, abenteuerliche Gesichter, denen manes ansah, daß sie mehr Schlachten mitgemacht, als Franken-stücke in den Taschen hatten.

Nicht umsonst ist diese Legion das tapferste RegimentFrankreichs . Nicht umsonst hat sie sich in fast allen Theilender Welt: bei Magenta und Sebastopol, in Algier undMexiko, Tunesien und Tonkin blutige Lorbeeren errungen.Nicht umsonst besitzt sie die höchsten Auszeichnungen, diemeisten Orden und Ehrenzeichen, wie sie kein zweitesRegiment in Frankreich auszuweisen vermag.

Sagte doch einst General Negricr bei einer Gelegen-heit in Tonkin:Gebt mir ein französisches RegimentInfanterie, so wage ich mich nicht zwei Meilen vor dieStadt; gebt mir aber eine Compagnie der Legion, somache ich die Tour durch ganz Tonkin."

Der junge Deutsche saß auf einem Baumstamm inder Nähe des Feuers und schaute trüben, finsteren Blicksin die Flammen. An seiner Seite lag der alte Schweizer ;er hatte den Kopf auf den Ellbogen gestützt und rauchteschweigend aus seinem kurzen Thonstummel. Beide warenin tiefe Träumereien versunken, beide schienen ähnlichenGedanken nachzuhängen.

Der Alte dachte an seine Liesel, und grimmig ballteer die nervige Faust, als er an den hohnlachenden Groß-bauer dachte, der seiner Armuth gespottet und sein treuesHerz voll Liebe verlacht hatte.

Ueber des jungen Fremdenlegionärs Gesicht zog weh-müthig der Schatten eines still verzehrenden Schmerzes,einer so tiefen unheilbaren Schwermuth, die nur derTod zu erlösen im Stande ist.

Ja, jetzt um diese Stunde läuteten zu Hause dieGlocken in dem nahen Städtchen, jetzt zog die Schaarder Andächtigen nach dem Kirchlein, wo der greisePriester ihnen verkündete, daß heut' der Gnadentagder ganzen Menschheit sei, an dem vor so viel hundertJahren in jener Herberge zu Bethlehem die Gottheck zudem armen Menschengeschlechte herabgestiegen sei, um eszu erlösen. Und er dachte an sein Mütterchen, wie siegebückt und schneeweiß geworden war vor Aerger undGram, in ihrer Ecke saß hinter dem großen Pfeiler,und wie sie jetzt das schwere Gebetbuch mit dem Messing-schloß wohl kaum noch in ihren zitternden Fingern haltenkonnte, und daß ihre trüben Augen, vom Weinen undNachtwachen geröthet, die großen Buchstaben nicht mehrerkannten. Da wurde ihm so weh um's Herz, mit sogewaltiger Bitterkeit übermannte ihn das Gefühl, daß erlaut aufschluchzte, sein Gesicht in die Hände verbarg undseinen Thränen freien Lauf ließ. Erschreckt fuhr er aufund sah um sich, ob einer seiner rohen Kameraden viel-leicht ihn bemerkt hätte; doch nur der Schweizer beobachteteihn ernsten, traurigen Blicks.

»Ja, ja, junger Bursche," tröstete er in seiner rauhenSoldatenart,es thut weh, ich glaub' Dir's, aber halt'nur aus! Wenn Du noch drei- oder viermal an DeinenLichterglanz zu Hause gedacht haben wirst, dann brennt'snicht mehr so, wenigstens nicht so schlimm."

Der junge Mann schüttelte heftig mit dem Kopfund machte eine abwehrende Handbewegung. Hier warenauch die bestgemeinten Trostworte nicht angebracht. Erverfiel wieder in seine Träumereien.

Jetzt heulte gewiß zu Hause der schaife Nord-Ost