814
auch diese kleine Zahl war bis nach A'in-Sefra bei Tioutim Süden der 1,000,000 Einwohner zählenden ProvinzOran auf nur hundert Mann zusammengeschmolzen.
Und nun marschirte man schon seit zwei Tagen, ohneeinen Tropfen Wasser. Was nutzten die Lebensmittel,die man bei sich führte, wenn man nicht kochen konnte.Alles war zusammengetrocknet und ausgedörrt. Dochdas Essen war das Wenigste. Niemand dachte daran,Niemand hatte Hunger. Durst, brennender Durst, daswar der Dämon, der Alle quälte. Schon um 4 Uhrwar man von der letzten Haltestelle aufgebrochen, umwomöglich noch vor der größten Sonnenhitze das rettendeGebirge zu erreichen.
„Halteplatz mit Holz ohne Wasser," lautete aufder Karte die Bezeichnung des letzten Bivouaks. DasVorletzte war ebenso gewesen, und dabei hatte man amvorletzten Tage zwei Tagemärsche von je fünfunddreißigKilometer gemacht, um so schnell wie möglich die wasser-arme Gegend zu verlassen und in das Gebirge zu ge-langen.
Und nun marschirte man schon seit vier Stunden.Müde und matt schleppten sich die Soldaten dahin, mitdem hohen Tornister auf dem Rücken, der in der Hitzedoppelt fühlbar war.
So weit man sehen konnte, nichts als Himmel undSand und Sand und Himmel. Die Sonne war erstseit zwei Stunden aufgegangen und stand schon hoch amHimmel; sie sandte sengend ihre Strahlen hernieder.Der Himmel hatte eine aschgraue Farbe, und die Luftzitterte förmlich in wellenförmigen Bewegungen, währendder glühend heiße feine Staub durch alle Kleider bisauf die Haut drang und ein entsetzlich prickelndes Ge-fühl verursachte. Es war kaum noch möglich, vorwärts zukommen. Und gerade jetzt, jetzt galt es wachsam zu sein,denn die Araber kannten nur zu gut die gefahrvollenMärsche.
Endlich war das Gebirge erreicht, und entschlossenmarschirte man vorwärts. Aber glaubte man Schattenoder doch wenigstens etwas Kühle zu finden, so hatteman sich arg getäuscht.
Der Sand und Staub wurde durch das fort-währende Steigen und Bergabgehen nur um so heftigeraufgewirbelt: nicht nur die Sonne brannte von obenund der Sand von unten, nein, auch die Berge glichenriesigen Neflectoren, von denen die Sonnenstrahlen mitaller Macht zurückgeworfen wurden. Wie im Gluthofenmarschirten die Soldaten vorwärts, fast erstickt von demaufgewirbelten Staub, der die Kehle austrocknete undhalb verbrannte. Man marschirte wohl bald wiederzwei Stunden in den Bergen. Es galt mit äußersterVorsicht vorzugehen, denn jeden Augenblick war einUeberfall der Araber zu befürchten. Die Berge wurdenimmer gefahrdrohender, die Klippen immer gefährlicher.Es wird Halt gemacht.
„Gott sei Dank!" murmelten die bärtigen Krieger.„Gott sei Dank! Dschenien-Bu-Rezk, die so lang er-sehnte Quelle ist erreicht, und nun in's Bivouak!"
Munter ging der Vortrab zurück auf das Haupt-corps; nach kurzer Zeit war das Soldaten-Quarticr imFreien aufgeschlagen; die Gewehr-Pyramiden wurdenzusammengesetzt, und aus den Kochlöchern, die in Eileangelegt wurden, zog der qualmende Rauch gegenHimmel. Wachen zogen auf, um die ruhenden Kamera-den gegen einen Ueberfall der räuberischen Tuarcgs
während der Nacht zu beschirmen. Nach eingenommenerkarger Mahlzeit suchten sich die Mannschaften unter denPalmen ein schattiges Plätzchen, um die müden Gliederauszuruhen; andere hingegen reinigten das staubigeGewehr.
„Hollah, deutscher Bruder, warum so traurig?"sagte bei dieser Beschäftigung ein alter Legionär mitwetterhartem, kühnem Gesicht, dem man an seinen rauhenKehltönen sofort den Schweizer anhörte, zu einem jungenMann, der neben ihm stand und mechanisch sein Gewehrnachsah. „Hast Recht, schon 18 Tage unterwegs undnoch keine Patrone verschossen! Doch, Bruderherz, ver-treib' Dir die Grillen."
. Mit diesen Worten holte er aus seinem Brodbeuteleine ziemlich umfangreiche Absinthflasche heraus, thateinen herzhaften Zug und bot sie seinem Kameradenan; dieser nippte kaum und gab das Getränk mit kurzemDank zurück. —
„Was ist Dir denn?" fuhr er fort, indem er seinenWaffengefährten etwas aufmerksamer ansah; „bist dochsonst kein Kopfhänger. Wenn Du etwa das Fieberkriegen willst, dann geh' zum Pflasterschmierer und laßDir Pillen geben, die der Schitan (T .... l), aberkein ehrlicher Legionär verschlucken mag. Oder hast Duvielleicht einen Brief bekommen, und ist Dir daheim dieBraut untreu geworden? Laß sie laufen, das Weibs-bild, kriegst sie doch nicht mehr zu sehen Der Kuckuckmag alle Leute holen, die das unnütze Geschreibsel, dieBriefe fabriciren; ich hab' mein Lebtag noch keinen er-halten; das Geld sollte mir leid thun, das ich demPostillon zu verdienen gebe. Allerdings schreiben kannich nicht viel, und mit dem Lesen geht es auch verdammtholprig. Pah! bist noch ein junger Bursche und hastmehr von den Schreibereien gelernt, wie ich; alle Tagekann Dir das Glück blühen, kannst noch General wer-den! Deine Gesundheit!"
Wieder holte er die Flasche hervor und reichte siedem Kameraden, der kaum auf diese Worte gelauschthatte, die Flasche aber dennoch, um den gutmüthigenSchweizer nicht zu verletzen, mit trübem Lächeln ansetzte.
„Weißt', Junge," nahm dieser nach einer Pausedas Gespräch wieder auf, „weißt', häng' Dich nur nichtan ein Frauenzimmer. Das macht Dir den Kopf schwerund das Herz traurig, und nachher hast Du keine Courage,wenn's gilt. Ich hab' manch braven Burschen gekannt,der es weit hätte bringen können, aber da war oft einSchürzenband schuld, daß er nicht vorwärts konnte.Verlaß Dich drauf, es ist so, wie ich Dir sage!"
„Sprich nicht davon, Schweizer, das verstehst Dunicht; übrigens ist das auch nicht der Grund meinerTraurigkeit, wenn ich überhaupt traurig bin."
„Was? das versteh' ich nicht?" fragte der Alte,„Du meinst wohl, weil ich jetzt ein Gesicht habe, wie einealte Patrontasche, daß man keinem Mädel gefallen hat.Ich war früher ein so schmuckes junges Kerlchen, gerad'wie Du mit Deinem Milchgesicht, und des GroßbauernLiesel lächelte mir so freundlich zu, als ich noch Holz-knecht war in unseren Bergen. Es sind freilich an diezwanzig Jahre her, und ich hab' in der Zeit ein großesStück unseres Herrgotts schöner Welt gesehen. Ich habezwölf Jahre den Holländern in Indien gedient undmanches Abenteuer bestanden, das einen tödtlichen Aus-gang zu nehmen versprach; und mehrere Jahre diene ichschon der QäAion Ltran^äre hier in Algier und habe