Ausgabe 
(3.1.1896) 1
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wäreſt in der Hölle, welch' ein entſetzliches Unglück!Immer die Sünde, welche befleckt, immer Finſterniſſe,welche drücken, immer den Wurm welcher nagt, immerdas Feuer, immer die drückenden Ketten, immer fließendeThraͤnen, immer das Zähneknirſchen, immer in Geſell⸗ſchaft der Verworfenen, welche Gott läſtern, und dieTeufel, welche quälen, immer den Fluch Gottes, welcherzermalmt!

Die Aſtrologen.

Hiſtoriſcher Roman aus der Zeit des dreißigiährigen Krieges.Von Max Benno.

1.

Genug jetzt, Onkel! Schweig' von der heilloſenGeſchichte! Unſer Aerger beſſert ſie nicht. Der Teufelhat die Launen der Weiber gemacht.

Dieſe Worte ſtieß ein etwa dreißigjähriger, miitel⸗großer Mann unter ſeinem hellrothen Vollbart hervor,ergriff das volle Weinglas, welches vor ihm auf demTiſche ſtand, und führte es haſtig zum Munde. Dannſprang er auf und durchmaß mit langen Schrittenden Raum.

Er trug ein ledernes Koller, weite Beinkleider undhohe Stiefel; an der breiten Kuppel hing ein mächtigerStoßdegen mit vergoldetem Griff. Der weiße Spitzen⸗kragen, welcher den Hals umrahmte, ſtach grell ab gegendas dunkle Haupthaar und die wettergebräunte Hautfarbedes Mannes. Seinen Zügen verlieh der zornige Blickaus gelbgeränderten Augen einen faſt unheimlichenAusdruck.

Sein Gefährte, ein hagerer Mann in vorgerückternJahren, war ruhig hinter dem Tiſche ſitzen geblieben.Finſter ſtarrte er vor ſich hin. Endlich hoben ſich diebuſchigen Brauen, und er wandte ſich an den auf undab Wandelnden mit einem Tone, in welchem unverkennbarAerger ſich ausſprach.

Wenn Du die Sache ſo leicht aufgibſt, Fritz, liegtauch mir am Ende nichts mehr daran, obgleich danndas Opfer eines halben Lebens umſonſt gebracht iſt.Du begreifſt die Wichtigkeit und Tragweite meiner Pläne

gar nicht. Wären ſie gelungen, ſo dürfteſt Du dereinſtdas Haupt ſo hoch tragen, wie irgend ein Großer imReich. Und ich glaubte meiner Sache ſo ſicher zu ſein!Wer nur dem Mädchen den Kopf verdreht haben mag?

Der Satan! ich ſagte es Dir ja, fiel ihm derJüngere mit rohem Lachen ins Wort;der böſe Feind,welcher mich auf allen Wegen und Stegen wie einbrüllender Löwe verfolgt. Doch ſo wahr ich Fritz Donaldheiße und Wachtmeiſter des großen Friedländers bin,es ficht mich nicht an.

Er nahm den einförmigen Gang wieder auf; derAlte blickte ſtumm in das Glas.

Ganz gebe ich die Partie noch nicht verloren,ergriff der Letztere nach einer Weile wieder das Wort;am Ende ſetze ich meinen Willen trotz allem noch durch.Ging es im Guten nicht, dann hilft vielleicht bie Gewalt.Der Preis iſt ſo hoch, daß man vor keinem Mittelzurückſcheuen darf.

Thue, was Du willſt, erwiderte Donald, mitden Fingern ſchnippend;um ſo beſſer, wenn die Sacheſich ſchließlich noch macht. Mich findeſt Du ſtets zum

Nachdrud verboten.

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Zugreifen bereit. Doch ich hoffe nichts mehr. Ich habenun einmal kein Glück. Jedenfalls bringſt Du michmit keinen zehn Pferden mehr zu der langweiligenSippſchaft hinauf.

In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre, undder Wirth, ſein kleines Sammtkäppchen zwiſchen denFingern drehend, trat in das Zimmer.

Wie Euer Gnaden der Herr Hauptmann befohlen,wandte er ſich mit einer tiefen Verbeugung an denälteren Mann,habe ich den Braunen geſattelt; er ſtehtim Hof.

Gut, gut, Clemens, bemerkte dieſer ungeduldig,ich reite gleich weg. Führe den Gaul noch eine Zeitlang umher, damit er ſich nachher nicht zu ſchnell erhitzt.

Der Wirth verließ das Gemach und entſprach demBefehl, welcher mehr der Abſicht, den läſtigen Zeugenzu enifernen, als der Sorge für das Reitpferd entſprang.

Der Hauptmann erxhob ſich. Er reichte dem Neffendie Hand.Lebe wohl, Fritz, ſagle er,und entſchließeDich vorerſt zu nichts. Nach Verlauf einiger Tage be⸗kommſt Du von mir endgültigen Beſcheid. Ich hoffe,den Trotz der eigenſinnigen Dirne zu brechen, wenn mirnicht von irgend einer Seite abermals ein Strich durchdie Rechnung gemacht wird. Dann dankſt Du es mirſicherlich, daß ich das vielverſprechende Ziel mit mehrAusdauer verfolgte, als Du.

Der junge Mann erwiderte nichts. Mit einerMiene, die kein allzu großes Vertrauen in die Zuverſichtdes Onkels zeigte, folgte er langſam, als jener in denHof hinausſchritt. Letzterer zog ſich in ziemlicher Breiteam Wirthſchaftsgebäude und einigen Ställen entlangbis zu dem Fahrweg. Das Anweſen ſchien vor nichtallzu langer Zeit neu erbaut worden zu ſein. Die Ziegelſchimmerten unverwittert vom Dache, und zwiſchen denflüchtig beworfenen Steinen lugte überall das friſcheHolzwerk herbor. An einer über der Eingangspforte indie Mauer eingefügten eiſernen Stange baumelte alsSchild ein aus Blech geſchnittener ſpringender Hirſch,der den Vorübergehenden die Beſtimmung des Hauſesverrieth.

Der Mann, von dem dieſer Platz zur Herſtellungeiner Schenke erwählt worden war, hatte trotz der ein⸗ſamen Lage derſelben nicht ſchlecht ſpeculirt. Die Straßebildete einen Zweig des Hauptverbindungsweges zwiſchenBöhmen, Sachſen und Bayern und war in Folge derfortwährenden Truppendurchzüge ungewöhnlich belebt.Ueberdies lag weiter oben im Walde das Schloß Groß⸗meſeriiſch, in welchem der aus Nah und Fern viel beſuchte und viel umworbene Herzog von Friedland faſtjedes Jahr während mehrerer Wochen ſeinen Wohnſitzaufſchlug.

Der Wirth führte, als die Herren im Freien er⸗ſchienen, das Pferd vor. Der Schloßhauptmann ſprangmit einer Leichtigkeit in den Sattel, die man ſeiner an⸗ſcheinend ſo ſteifen und unbeholfenen Geſtalt nicht zu⸗getraut hätte. Er reichte dem Neffen nochmals dieHand.Rur Geduld, mahnte er,hoffentlich wird allesgut. Dann gab er ſeinem Braunen die Sporen undſprengte davon.

Der Waͤchtnieiſter ſtand im Begriff, ebenfalls dieAnſtalten zum Aufbruch zu treffen, da wurde ſeineAufmerkſamkeit durch ſchwerfälligen Hufſchlag nach derentgegengeſetzten Richtung der Straße abgelenkt. Inlangſamem Schritt kam ein einzelner Reiter daher. Er