Ausgabe 
(3.1.1896) 1
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mußte ſchon einen weiten Weg zurückgelegt haben. DasPferd ließ den Kopf hängen und hinkte auf einem Fuß.Auch auf dem jugendlichen Antlitz des Reiters drückteſich Müdigkeit aus, die jedoch den günſtigen Eindruck,welchen die Erſcheinung des jungen Mannes machte,durchaus nicht verwiſchte. Der kräftige Körperbau unddas Ebenmaß der Glieder deuteten an, daß er denDegen, welcher in vergoldeter Scheide auf ſeiner linkenSeite herunter hing, nicht bloß zur Zierde trug. Umden von einem blonden Barte überſchatteten Mund ſpielteein Zug, der eine gewiſſe Neigung zu jugendlichemUebermuth verrieth. Aber augenblicklich ſchien er in tiefeGedanken verſunken zu ſein und machte keinen Verſuch,das Pferd in eine raſchere Gangart zu bringen.

Beim Erkennen des Wirthshauszeichens vor demeinſamen Gebäude richtete er ſich im Sattel empor, und

eine freudige Ueberraſchung malte ſich auf ſeinem Geſicht.Er lenkte das Pferd von der Straße ab und hielt imHofe. Hier ſtieg er ab und ſchritt auf die Hausthüre zu.

Donald hatte ſich auf die Seite geſtellt und be-trachtete aufmerkſam das hinkende Thier, welches offenbarbei jedem Schritt heftige Schmerzen empfand.

Zum Donner, rief er,was iſt denn EuererMähre paſſiert? Gleichzeitig machte er ſich, ohne aufeine Antwort zu warten, mit dem Gaul zu ſchaffen.Während der Reiter ſich an den Wirth wandte, hobDonald mit ungewöhnlicher Kraft das rechte Hinterbeindes Pferdes in die Höhe und richtete einige Sekundenlang die Augen darauf. Dann zog er ein Taſchenmeſſerhervor, hantirte an dem Hufe herum und gab den Fußmit einem Lächeln der Befriedigung frei.

Nun, Herr, iſt Euer Gaul wieder flott, wandteer ſich vortretend an den Fremden, klappte das Meſſerzu und ſchob es in ſeine Taſche;er hatte ſich einenſpitzen Kieſel unter das Eiſen getreten, der ziemlich tiefin das Fleiſch eingedrückt war. Der Stein iſt entfernt;doch dürfte Euerm Pferde ein wenig Ruhe nichts ſchaden,es iſt ganz herunter!

Der Reiter maß den Wachimeiſter, dem er bis jetztkeine Beachtung geſchenkt hatte, vom Kopf bis zum Fußeund ſchien über die Art und Weiſe, wie er ihm begegnenſolle, nicht ſofort mit ſich im Reinen zu ſein.

Wie, fragte er endlich, als er deſſen Feldzeichengewahrte,Ihr habt meine Bella curirt; wer ſeid Ihrdenn?

Fritz lachte.Wenn mich nicht alles täuſcht, er-widerte er,ſo ziehen wir beide am gleichen Strang. ImAllgemeinen bin ich als der Wachtmeiſter Fritz Donald⸗Deveroux bei den Terzky'ſchen Dragonern bekannt, zu-weilen jedoch auch, wie Ihr ſeht, Roßdoctor zu meinembeſondern Plaiſir. Und Ihr? Ein Friedländer dochauch? Oder nicht?

Gewiß: Georg Selkow, Leibjäger in des Herzogsperſönlichem Dienſt.

Ah, da gratulire ich! rief Donald;ein prächtigesPlätzchen, wenn man es zu benutzen verſteht. Schonmaucher hat es darauf, ehe er ein graues Haar imBart fand, zum Oberſt und noch weiter gebracht. Dochkommt, fuhr er fort und zog den jungen Mann indas Haus,während der alte Fuchs von einem Wirthfür Euer Pferd ſorgt, leeren wir auf gute Kameradſchaftein Glas. Ich wollte eben wegreiten, doch Euch zu liebkommt es mir auf eine Stunde nicht an.

Sie traten in das Zimmer, nahmen Platz, undbald kam die Unterhaltung in Fluß.

Die Geſichtsmuskeln des Wachtmeiſters wurden durchein eigenthümliches Zucken in Bewegung geſetzt, als erdas Ziel der Reiſe Georg Selkow's vernahm.

Nach Großmeſeritſch wollt Ihr, bemerkte er miteiner Stimme, durch die halb Aerger, halb Bedauernklang.In dieſes abſcheuliche Neſt?

Abſcheulich? fragte Georg erſtaunt.Ich verſteheEuch nicht. Großmeſeritſch, das als eine der ſtolzeſtenBurgen des Böhmerwaldes gilt!

Meinethalben, hielt Donald immer noch hitzigentgegen,ich nehme mein Wort nicht zurück. Doch wasgeht uns Großmeſeritſch an? Mag es der Satan holenmit allem, was drum und dran hängt! Sagt mir lieber,wie es in Sagan beim Herzog ausſieht. Marſchiren wirbald? Ihr wißt doch ſicher Beſcheid.

Der Widerſchein einer unangenehmen Empfindungſpiegelte ſich auf Georg's Angeſicht ab. Ihm gefiel diewilde Art des Wachtmeiſters nicht.

Die verſprochene Armee ſteht ſchlagfertig da,antwortete er ausweichend,doch fehlt ihr bis jetzt nochdas Haupt, benn der Herzog will, wie man glaubwürdigverſichert, ſich nach Löſung ſeiner Aufgabe wieder in dasPrivatleben zurückziehen. Freilich hört man auch ſagen,es ſei von Wien aus eine an den Herrn geſandteCommifſion unterwegs, um ihm den Oberbefehl undzugleich die ausgedehnteſte Vollmacht zu bringen. Dochiſt dies vorerſt nur ein Gerücht und etwas BeſtimmtesNiemandem bekannt.

Der Wachtmeiſter ſchüttelte ungläubig den Kopf.Bleibt mir mit Euern Flauſen vom Hals, fiel erſeinem Nachbar ins Wort;ich kenne das Zeug. Wiees ſcheint, ſeid Ihr nicht vergeblich bei den großenHerren in die Schule gegangen. Etwas von den diplo-matiſchen Kniffen habt Ihr gelernt! Doch mir gegen-über hilft Euch das Heimlichthun nichts. Ich weiß,wonach Wallenſtein ſtrebt, und glaube auch, daß er'serreicht. Wer anders ſoll das Heer führen, als er?Allerdings wird er einen hohen Preis fordern; aber daßman ihm jeden gewährt, dafür haben die proteſtantiſchenFürſten und Guſtav Adolf mit ſeinen Schweden geſorgt.Was braucht man daraus ein Geheimniß zu machen?Pfeifen es doch allenthalben die Spatzen vom Dach, daßder Herzog allen Ernſtes daran denkt, auch ein wenigKaiſer zu ſpielen. Er hat fürwahr Recht. Soll er ſeinſchönes Geld hinauswerfen, um abermals für Anderedie Kaſtanien aus dem Feuer zu holen und nachher mitſchnödem Undank abgelohnt zu werden, wenn er ſich dieFinger verbrannt hat? Er wird diesmal klüger ſeinund Bürgſchaften verlangen, an denen er nöthiger Weiſefeſthalten kann. Er wird ſich eine Stellung verſchaffen,die ihm genügende Sicherheit gegen das wankelmüthigeHerz des Kaiſers gewährt.

Georg hörte die Auslaſſungen Donald's an, ohneeine Bemerkung daran zu knüpfen. Beipflichten konnteer nicht, und ein Widerſpruch hätte den aufgeregtenMann vorausſichtlich nur noch mehr in Harniſch gebracht.Ueberdies vertrug ſich ein weiteres Eingehen auf dieſesThema mit ſeiner Pflicht als Courier des Herzogs nicht.Um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben,fragte er, als der Wachtmeiſter ſchwieg:Ihr waret inGroßmeſeritſch? Wie es ſcheint, gefiel es Euch nicht.Habt Ihr Bekannte im Schloß?