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Donald maß den Leibjäger mit einem ſtechendenBlick.„Hört, junger Freund“, ſagte er,„Ihr ſeid mirein ſchnurriger Kauz und gäbet einen Diplomaten ab,der ſein Handwerk verſteht. Es iſt wirklich ſchade,wenn Ihr nicht das Schwert mit der Feder vertauſcht.Das Fragen geht Euch ſo glatt wie ein geölter Fadenvom Mund; wenn Ihr aber antworten ſollt, dann ſeidIhr ſo ſtumm wie ein Fiſch. Ich könnte Gleiches mitGleichem vergelten; in der Vorausſetzung aber, daß esEuch doch nicht unbekannt bliebe, und um zu zeigen,daß ich ein aufrichtiger Kerl bin, will ich geſtehen, daßich mich in der That drei volle Tage lang in Groß-meſeritſch aufhielt, das von Euch der Ausbund einesEdelſitzes genannt wird. Ich habe nämlich die Ehre,ein leiblicher Neffe des Schloßhauptmanns Leßlie zu ſein.“
Um jede weitere Frage abzuſchneiden, erhob er ſichraſch und eilte hinaus.
Georg hörte, wie er den Wirth ſein Pferd vorführenhieß und dann durch die Hinterthüre, welche er ſchallendins Schloß warf, für einige Minuten verſchwand.
Als Donald wieder ins Zimmer zurückkam, warſein Geſicht ruhiger. Nur ein boshaftes Grinſen zuckteum ſeinen Mund.
Er reichte dem Leibjäger die Hand.„Lebt wohl,Kamerad“, ſagte er,„ich muß fort. Auch Ihr dürftnicht mehr lange ſäumen, wenn Ihr die Perle desBöhmerwaldes noch bei Tage ſehen wollt. Einen Grußdahin habe ich nicht; dagegen ſoll es mich freuen, wenndie Zukunft zur Erneuerung unſerer flüchtigen Bekannt-ſchaft eine Gelegenheit gibt. Vielleicht habt Ihr dannmehr Vertrauen zu mir.“ Er ging hinaus, und Georgbegleitete ihn. Nachdem der Wachtmeiſter ſich in denSattel geſchwungen, grüßte er noch ein Mal und ritt fort.
Der Leibjäger empfand eine Art Erleichterung, alser von dieſem Gefährten befreit war. Das Weſen desrohen Mannes hatte ihn peinlich berührt, um ſo mehr,als dadurch ſein Dankgefühl mit der Abneigung inWiderſpruch kam. That dieſer Donald doch, als ob erin die tiefſten Geheimniſſe des Herzogs eingeweiht ſei.Er ſchien eben auch unter die vielen Hunderte zu zählen,welchen die kriegeriſche Zeit eine erwünſchte Gelegenheitzu einem abenteuerlichen Leben darbot, denen an demeigenen Vortheil und Gewinn alles, an dem großenZiele aber nichts lag, und die ihre Ergebenheit undGeſinnung eben ſo oft wechſelten, wie das Gewand.
Er begab ſich in den Stall, um nach ſeiner Bellazu ſehen. Das Pferd, welches ſich den reichlich vor-geſtreuten Hafer und das aufgeſteckte Heu ſchmecken ließ,begrüßte ihn mit einem fröhlichen Wiehern. Es ſchienwieder ganz munter zu ſein. Er beſchloß aufzubrechen,um womöglich noch vor dem Einbruch der Nacht inGroßmeſeritſch zu ſein.
Nachdem er ſeine Zeche berichtigt hatte, ſtieg er zuPferd. Bella machte anfangs zwar einige falſche Tritte;die Angſt vor dem Schmerz ſteckte noch immer in ihr.Nach Zurücklegung einer kurzen Sirecke jedoch trat ſiefeſt auf und ſchritt tapfer die ſchmale Landſtraße gegendie bewaldeten Höhen hinan.
Georg, der durch den Zuſtand ſeines Pferdes, ob-gleich nahe am Ziel, mit wachſender Beſorgniß erfülltworden war, hatte alle Urſache, dem Wachtmeiſter dankbarzu ſein. Der Schaden war gründlich curirt. Gleichwohlrief die Erinnerung an den Mann kein angenehmesGefühl in dem Gemüthe des Leibjägers hervor. Wodurch
mochte Jener nur gegen Großmeſeritſch uund deſſen
Bewohner ſo erboſt worden ſein? Ein Zwiſt mit demOnkel lag ſicher nicht vor. Sonſt hätte dieſer ihnſchwerlich bis zur Schenke begleitet und ſo freundlichenAbſchied genommen, wie er aus der Ferne bemerkt hatte.Daran aber, daß der Reiter, welcher kurz vor ſeinerAnkunft die Richtung nach dem Schloſſe eingeſchlagen,der Hauptmann Leßlie geweſen, zweifelte Georg nicht,obgleich die Anweſenheit desſelben in dem Wirthshauſevon dem Neffen mit keiner Silbe berührt worden war.Dem Wachtmeiſter ſchien etwas nicht nach Wunſch ge-gangen zu ſein; worin aber dieſes Etwas beſtehen könnte,darüber zerbrach Selkow ſich vergeblich den Kopf. Dochwas brauchte er ſich um die Angelegenheiten dieſesMannes zu kümmern? Ein Zufall hatte ihn mit dem-ſelben zuſammengeführt, und er ſah ihn vielleicht in ſeinemganzen Leben nicht mehr. Freundlichere Bilder ſtiegen,als er nach und nach die Anhöhe erreichte, vor ſeinemGeiſte empor und verwoben ſich mit Erinnerungen ausverklungener Zeit.
Als der die Straße auf beiden Seiten ſäumendeWald ſich zu lichten begann und in der mittlerweilehereingebrochenen Dämmerung auf weiter Hochebene dieUmriſſe eines alterthümlichen Schloſſes ſichtbar wurden,gab er ſeiner Bella die Sporen, und in kurzem Galopplegte dieſe den ſteinigen Weg zurück.
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Um die gleiche Zeit befanden ſich zwei Frauen ineinem Zimmer des Erdgeſchoſſes auf Schloß Großmeſeritſch.Ein zuſammengeſchrumpftes Mütterchen, deſſen urſprünglichſchwarze Haare das Alter gebleicht hatte, ſaß ſchweigendam Ofen und wärmte die mageren Hände, während ihrejugendliche Geſellſchafterin, die etwa zwanzig Jahre zählte,mit Spinnen beſchäftigt war. Ohne aufzublicken, arbeitetedas blühende Mädchen, deſſen volle Wangen von blondemnHaarſchmuck umrahmt waren, mit raſtloſem Fleiß underhob ſich nur von Zeit zu Zeit, um friſches Holz aufdas Feuer zu legen. Es herrſchte eine faſt lautloſeStille in dem weiten Gemach, das, durch eine einfacheTalglampe und das flackernde Kaminfeuer ſpärlich genugerhellt, in einem geheimnißvollen Halbdunkel lag. Nurdas Spinnrad ſchnurrte, und dann und wann tönte vomKamin her ein dumpfer Knall, wenn die Flamme dasdürre Holz zu verzehren begann.
Plötzlich wandte die Alte den Kopf. „Haſt Dunichts gehört, Leue?“ fragte ſie, und ihre erloſchenenAugen ſchienen die Geſtalt des Mädchens zu ſuchen;„ich glaube, wir bekommen Beſuch!“
Die Gefragte hielt mit dem Spinnen ein und lauſchtegeſpannt.„Du träumſt, Baſe“, erwiderte ſie und ſebteihre Beſchäftigung fort; „es iſt nur der Wind, derdraußen im Park durch die BaumKronen fährt.“
„Ja, ja, es mag ſein“, murmelte die Frau vorſich hin.„Ich träumte ja ſchon ſo oft und immer wiedervon jener furchtbaren Stunde, als er, durch Regen undSchneeſchauer einherreitend, auf ſchweißbedecktem Roſſevor dem Burgthor ankam, da ſie gerade ihren letztenSeufzer aushauchte, der faſt wie ein Fluch über denTreuloſen flang — ſie, die er zur Verzweiflung getrieben,die ihn ſo unſäglich geliebt und gehaßt hat.“
In dieſem Augenblick vernahm man Hufſchlag ganzin der Nähe und einige Minuten ſpäter im Hof.
„Hatte ich nicht Recht, Lene!“ rief die Alte. „Ja, ja, man träumt manchmal etwas, das ſich nachher erfüllt.