Ausgabe 
(3.1.1896) 1
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Das Mädchen war aufgeſprungen. Horchend ſtandſie mitten im Zimmer. Jetzt ging die Thüre auf, undder junge Mann, welchen wir ſchon auf ſeinem Rittnach dem Schloſſe geſehen, trat in das Gemach. Einglühendes Roth ergoß ſich über Magdalenens ſchönesGeſicht, als ſie dem Gaſt ins Auge ſah.

Georg! rief ſie freudig und ging ihm ein paarSchritte entgegen.

Der junge Mann ſchien in hohem Grade erſtaunt;einige Sccunden lang ſtand er unſchlüſſig und ſtumm,dann aber ſchritt er auf ſie zu und reichte ihr mitleuchtenden Augen die Hand.

Magdalene, ſagte er,Du biſt's! Faſt hätteich Dich nicht mehr erkannt. Wie groß biſt Du gewordenin den wenigen Jahren, welche der Dienſt mich von derHeimath fern hielt. Haſt Du auch manchmal an michgedacht?

Durch das Dazwiſchentreten der Alten, welche dieKinder in dem Glück des Wiederſehens ganz überſehenhatten, wurde dem Mädchen die Antwort erſpart.

Mein kleiner Georg, nicht wahr? fragte dieGreiſin, nach der Seite wankend, woher ſie die Stimmevernahm.

Ja, Baſe, erwiderte Selkow und ergriff dieHände der Frau;Euer Georg iſt für einige Zeit nachHauſe gekommen. Doch ſo gar klein iſt er nicht mehr.Mit ſeinen ſechs Fuß ſtellt er ſchon einen ordentlichenMann vor.

Wenn Du da biſt, ſo kommt wohl auch DeinHerr? fragte die Alte, welche nach der Begrüßung desjungen Mannes ſich wieder an den Kamin geſetzt hatte.

Gewiß, erklärte Georg;Euch darf ich ſchon denZweck meiner Sendung verrathen. Der Herzog kommtwahrſcheinlich ſchon im Lauf der nächſten Tage mit ſeinerganzen Familie und großem Gefolge hierher. Es wirdeine Zeit lang in dem ſonſt ſo ſtillen Großmeſerltſchrecht unruhig werden. Ueber die Dauer des Aufenthaltesweiß man noch nichts. Sie hängt lediglich von denUmſtänden ab!

So, ſo, Herzog iſt er geworden, murmelte dieFrau und ſchüttelte den Kopf.Wenn ſie das erlebthätte, würde ſte ihn noch mehr geliebt oder gehaßthaben. Sie ſagte zwar immer, daß ein Mal noch etwasGroßes aus ihm werde, im Guten oder im Böſen; dieZeit wird lehren, welches von Beiden zutrifft.

Was meint die Baſe? fragte der LeibjägerMagdalene, die wieder an ihrem Spinnrade ſaß.

Sie ſpricht von der ſeligen Gräfin, erklärte leiſedas Mädchen, ſo daß die in ſtarres Hinbrüten verſunkeneAlte es nicht hören konnte.Es war die erſte Gemahlindes Herzogs, Lucretia von Landeck, die längſt im Grabruht. Obgleich ſchon bei Jahren, ſoll ſie eine glühendeNeigung für den damaligen Grafen Wallenſtein gefaßthaben, als ſte ihm die Hand reichte. Bald jedoch zeigtees ſich, daß der Graf lediglich den Zweck verfolgt hatte,mit Hülfe ihrer großen Reichthümer ſeinen Ehrgeiz zubefriedigen, was ihm auch gelang. Der leidenſchaftlichenGemahlin blieb die wahre Geſinnung ihres Gatten nichtlange verborgen, und in Folge deſſen verwandelte ſich,wie ich von der Baſe zum öftern vernahm, ihre Liebein glühenden Haß. Dieſen ſoll ſie namentlich bei ihremTode dadurch an den Tag gelegt haben, daß ſie demGrafen einen aroßen Theil ihres Vernögens teſtamentariſchentzog.

Als beſonders zärllichen Gatten, fiel Georg bemMädchen lächelnd ins Wort,habe ich meinen Herrnfreilich nicht kennen gelernt. So aufmerkſam er ſich auchgegen ſeine jetzige Gemahlin erweiſt, ſo kann doch nurBerechnung ihn zu der Gräfin Iſabella von Harrach,der Tochter des Geheimraths, Kämmerers und Lieblingsdes Kaiſers, geführt haben. Wie bei der erſten Heirathder Reichthum in die Waagſchale fiel, ſo wollte er ſichdurch die zweite Einfluß am Wiener Hofe verſchaffen.Ich bin nun ſchon lange um des Herzogs Perſon, aberich ſah ihn ſtets nur die gebotenen Formen des Her-kommens gegen ſeine Gemahlin beobachten. Dagegenäußert er eine ungemeine Zuneigung und Herzlichkeitfür ſein einziges Töchterchen, deſſen Liebreiz freilich auchkein Menſch widerſteht. Ich habe den ſonſt ſo ernſtenMann wiederholt bei harmloſer Tändelei mit dem herzigenKind überraſcht. Da waren die Runzeln der Stirnegeglättet; die Augen blickten nicht düſter, wie dann,wenn er nachdenklich in ſeinem Gemach auf und abgeht, und auch der Ton ſeiner Stimme klang ganz anderswie ſonſt.

Du haſt von einem Teſtamente der erſten Gemahlingeſprochen; ſollte dies etwa mit den Papieren im Zu-ſammenhang ſtehen, welchen der Herr, ohne bis jetzteine Spur von ihnen finden zu können, ſchon ſo langenachforſcht? Das Verlangen, in den Beſitz dieſerDocumente zu kommen, hat ihn zu einem guten Theilbeſtimmt, hier auf einige Zeit ſeinen Wohnſitz zu nehmen;denn in dieſem Schloſſe ſollen dieſelben bis zu ihremräthſelhaften Verſchwinden verwahrt worden ſein.

Darüber vermag ich Dir keine Auskunft zu geben,erwiderte Magdalene;die Baſe hat zwar ſchon verſchiedeneMale in geheimnißvoller Weiſe vonPapieren geſprochen,ich wurde aber aus der Sache nicht klug. Ihr Geiſtiſt eben ſchwach, und wenn ſie auch manchmal vergangenerZeiten gedenkt, ſo ſind ihre Reden darüber ſo verworren,daß man nicht weiß, was ſie will. Hoffen wir, daßder Wunſch des Herzogs ſich erfüllt. Ich kann michnur noch wie im Traume auf ihn entſinnen und wünſchte,den Mann wohl auch einmal zu ſehen, von deſſenKriegsruhm die ganze Welt ſpricht. Leider wird diesſchwerlich der Fall ſein, denn wir verlaſſen vorausſichtlichnoch vor ſeiner Ankunft das Schloß.

Wie, fragte Georg,Ihr wolltet die Burg ver-laſſen, wo Du eine ſo ſchöne Heimath gefunden und dieBaſe ihr ganzes Leben zugebracht hat? Einen beſſernAufenthalt findet Ihr nicht.

Die Alte war aufmerkſau geworden und wandteden Beiden ihr Angeſicht zu.

Du haſt Recht, Georg, nahm ſie das Wort.Dasſage ich immer; was ſollen wir in der Fremde? Niemandkennt, Niemand will uns! Diejenigen, mit welchen icheinſt draußen verkehrte, ſind alle läugſt todt. Hier iſtes ſo heimlich und ſtill. Wohl habe ich in dieſenRäumen als Leibdienerin der ſeligen Gräfin manchesBittere erlebt, aber ſie ſind mir dennoch theuer; undich meine, wenn ich nicht mehr unter dem Wappen derFamilie Landeck wandele, wenn ich nicht wmehr dasRauſchen der Oslawa höre, müſſe ich ſterben.

Ihre Stimme war zum Flüſtern herabgeſunken, undtraurig ſenkte ſie den Kopf auf die magere Hand.

(Fortſetzung folgt.)