Ausgabe 
(3.1.1896) 1
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Sylbeſterabend in Oberammergau.

So ein Wintertag im Gebirge dauert eine gar kurzeSpanne Zeit, noch viel kürzer als im Flachlande, unddie Zeit, da die Sonne auf das weite Schneefeld herab-ſcheint, bemißt ſich auf nur wenige Stunden. Schongegen Nachmittag 2 Uhr geht in Oberammergau dieSonne hinter dem Wahrzeichen des Paſſionsortes, demKofel, hinab, jenem grotesken Berggipfel, der faſt überdie Häuſer hereinzuhängen ſcheint, und dann iſt es inden niederen, aber behaglichen Stuben der Schnitzer nichtviel mehr als Dämmerung. Heute am Sylbveſterabendthut das nichts. Freilich vor Weihnachten mußte manbis ſpät nachts am Schnitzſtuhl ſitzen, um die hübſchenKrippenfigürchen, die Kameele und Lämnmichen u. ſ. w.zu ſchnitzen oder ſchöne Chriſtkindlein in Holz auszu-hauen, und die Faßmaler haiten alle Hände voll zu thun;die Verleger, welche die Beſtellungen annehmen und be-ſorgen und in deren Auftrag die Schnitzer ihre Beſchäf-

tigung und damit ihr ſicheres Brod haben, drängen und

treiben, denn am heiligen Abend muß alles an Ort undStelle ſein, und zwar weit draußen in der Welt. Jetzttritt eine kleine Ruhepauſe ein, dann kommen die Kreuz-wege undheiligen Gräber daran. Mein Gott, wiewürde es den Ammergauer Schnitzern ergehen, wenn heutedie Socialdemokraten und Nihiliſten Recht erhielten undmit allem religiöſen Cultus aufräumten; dann dürftenſie gleich auf und davon gehen, und das Paſſionsſpiel,das dürften ſie erſt recht ſein laſſen. Aber das weißder Oberammergauer ganz gut, und wenn er auch ſichin frohen Zeiten freut und vergnügt, nicht mehr und auchnicht weniger als es anderortens geſchieht, höchſtens mitetwas künſtleriſcherem Hintergrunde, ſo iſt er in denheiligen Zeiten ein fleißiger und vom Herzen andächtigerKirchenbeſucher und hängt treu am angeſtammten Glauben,an Kirche und althergeſtammtem Gebrauch. Wie ſchönund feierlich ſind doch dieEngelämter gehalten wordenund in den Weihnachtstagen die Feſtgottesdienſte; gegen40 Perſonen haben am Chor mitgewirkt, daß ſich keineStadt ſolcher Muſik zu ſchämen bräuchte. Erſt heuteam Sylveſterabend haben ſie eine große Kempter⸗Meſſeaufgeführt, und die ganze volle Kirche hat beim Schalleder prächtigen neuen Orgel das Tedeum mitgeſungen.Damit iſt aber der Verrichtungen der Muſiker nochkein Ende. Heute gehen ja dieSternſänger. Wasſind denn dieSternſäuger? Der Verfaſſer des der-maligen Paſſionstertes, der im beſten Andenken ſtehendegeiſtliche Rath Daiſenberger, ſchreibt in ſeiner Chronik vonOberammergau:Für die erwachſenen Jünglinge iſt dasWettlaufen bei den Hochzeiten und das Sternſingen inder Neujahrsnacht, wobei der Weihnachtsſtern unter Ab- ſingung von Neujahrslieder von einer Schaar jungerLeute, denStearabueba, im Dorf herumgetragen wird.Daraus geht hervor, daß das Sternſingen ein Privi-legium der ledigen Burſchen des Ortes war, und in derThat wurde auch bis in die achtziger Jahre der Sternvon den Ledigen im Dorfe herumgeleitet und die Muſikernur zum Spielen gegen Bezahlung engagirt. Jedes Hauswurde beſucht und jeder einzelnen Perſon ein Gratulations-lied geſungen. Darüber verging die ganze Nacht. Jetztiſt dieſes Privilegium auf die Muſiker, gleichviel ob ledigoder verheirathet, übergegangen, doch der Sternträgermuß immerhin noch ein Lediger ſein. Auch wird nur mehran denbeſſeren Häuſern geſungen und an den andernein flotter Marſch vorbeigeblaſen; da wird man doch früher

fertig; am Ende iſt es auch kein Spaß, in der Kälteauf offener Straße herumzuſtehen, daß einem die Inſtru-mente und Naſen und Ohren zugleich eingefrieren.

Gegen ½5 Uhr kommen die Muſiker im Gaſthausum Stern zuſammen, eine ſtatlliche Zahl, gegen 35Mann, und alle Inſtrumente ſind vertreten, vom Bom-bardon bis zum Piccolo und von der großen Trommelbis zur Clarinette; es iſt eine rechte ſog. türliſche Muſik.Die ganze Dorfjugend paßt ſchon, bis derStearabuaherauskommt. Halloh, da iſt er ja ſchon. In der Handhält er auf hoher Stange den mächtigen Stern; er glänztmit ſeinen acht Strahlen in allen Farben und iſt voninnen noch dazu transparent beleuchtet; die Strahlenſind beweglich und rotiren um ein liebliches, transparentgemaltes Jeſukindchenbild. Wenn ſich die Strahlen ſoſchnell im Kreiſe drehen, dann entſteht eine zauberhafteFarbenwirkung, wie bei den beweglichen Sternen einerLaterna magica.

Nun macht man ſich auf den Weg. Luſtig erklingendie ſchneidigen Weiſen eines Militärmarſches, unter wel-chem man beim erſten Hauſe ankommt. Nur ein paarPoſaunen, Hörner und Clarinetten ſetzen jetzt ein, unddie übrigen ſingen zu dieſer Begleitung ein einfaches,altes, lebliches Weihnachtslied. Kopf an Kopf ſtehtalles vor dem Hauſe, und die Hausbewohner treten andie Schwelle des Hauſes und lauſchen in andächtigerFreude. Dann tritt der Muſikmeiſter vor und wünſcht demHausherrn mit kräftigem Handſchlag ein gutes neuesJahr; alles ruft den gleichen Ruf, und der Stern ſchwingtſich luſtig im Kreiſe. Dann geht es zum nächſten Hauſe,während die große Trommel eingeſchlagen und wiederein Marſch geblaſen wird. Die Texte der Lieder ſtammennoch zum Theil vom erſten Paſſionsdichter Pater OttmarWeiß und zum Theil vom geiſtlichen Rath Daiſenberger;ſie ſind einfach und paſſen ſo recht in eine kindlichfroheWeihnachtsſtimmung. Alles freut ſich damit, und keinOberammergauer würde ſeinen Stern hergeben. Derganze Gang dauert immerhin mehrere Stunden, und esiſt fchon gegen 10 Uhr, da kommen die Muſiker wiederin ihrer Wirthsherbergezum Stern an. Da brauchtes gut aufwärmen. Man ſitzt fröhlich beiſammen, währenddie Muſik ein würdiges Programm abſpielt. Die Stundeder Mitternacht naht. Dreiviertel zwölf Uhr wird zu-

ſammengepackt, und möglichſt leiſe wird zum Dorfe hinaus-

gezogen mit verhülltem Stern. An der Ammerbrückewarten ſchon dunkle Geſtalten. Es wird Minute umMinute gezählt. Jetzt tönt der erſte Schlag der Uhrund verkündet die Stunde des neuen Jahres; im ſelbenAugenblick erhebt ſich der Stern,bumm, tſchin ſchlägt dieganze, 35 Mann ſtarke, volle Muſik ein, und nun geht'smit Trompetengeſchmetter, Flöten- und Clarinettenklang,Trommelwirbel und Tſchinellenſchlag durch das ganzeDorf. Alt und Jung geht mit; alles, was auf derStraße iſt, folgt dem Zuge. Die Fenſter erhellen undöffnen ſich, da wird heruntergerufen und hinaufgerufen,es iſt ein unbeſchreibliches Jubeln und Jauchzen, benga-liſche Flammen leuchten auf, es iſt wirklich eine Feſt-ſtimmung ohne Gleichen. Und wie iſt es erſt, wenn dieUhr den Aufang eines neuen Paſſionsjahres verkündet!Wie mag es erſt ſein, wenn ſie mit 1900 ein neuesJahrhundert und Paſſionsjahr zugleich verkündet?

Iſt das entgegengeſetzte Ende des Ortes erreicht,ſo marſchirt der Zug zurück zum Gaſthaus. Da gibt

es ein Händeſchülteln und Lachen und Weinen zugleich;