Ausgabe 
(3.1.1896) 1
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die Oberammergauer ſind Geſühlsmenſchen durch und durchund laſſen ihr Hexz ſprechen in Freud und Leid. Manchesherbe Wort des alten Jahres, mancher Streit wird mitdem Händedruck der Mitternachtsſtunde vergeſſen undvergeben, und in Liebe und Friede beginnt man dasneue Jahr. Möge es allzeit ſo bleiben!

Ferd. Feldigl.

Theodor Billroth über den ärztlichen Veruf.

In der Hahn'ſchen Buchhandlung in Hannover undLeipzig erſchien ſoeben eine von Dr. G. Fiſcher heraus-gegebene Sammlung von 420 Briefen, die TheodorBillroth an meiſt noch lebende Profeſſoren der Medizinund Chirurgie, ſowie an intime Freunde wie JohannesBrahms gerichtet hat.Sie umfaſſen die Zeit von denStudentenjahren bis kurz vor dem Tode des großenChirurgen. Geiſtreich im beſten Sinne, anregend, viel-ſeitig und jederzeit großmenſchlich, iſt dieſe Correſpondenzbeſonders dort, wo ſie Billroth's Anſichten über ſeinenBeruf wiedergiebt, von tiefem Intereſſe. Ein Vetterdes Gelehrten, Rittergutsbeſitzer Toppius, der ſeinenSohn Medizin ſtudieren laſſen will, erhält von dem Ge-feiertſten der Aerzte das folgende reſignierte Schreiben:

Spärlich ſind die Freuden des Arztes: hierund da treue Anhänglichkeit der Patienten; zuweilen,doch nicht oft, auch mit materiellem Nachdruck; Dank-barkeit für die größte Pflichttreue, ja ſelbſt für Opferſelten. Freude an einer gelungenen Kur, Bewußtſeinder Pflichterfüllung, das iſt meiſt das Höchſte, was derArzt erreichen kann. Du meinſt vielleſcht, ich male zuſehr in Schwarz; doch wenn Dein Robert einmal nach20 Jahren dieſe Zeilen in die Hände bekommen ſollte,ſo wird er mir vielleicht Recht geben. Hat er einmaleine entſchiedene Neigung Arzt zu werden, ſo darf ihndas Alles nicht ſtören. Du wünſcheſt, daß ich Dir offenund ausführlich darüber ſchreibe. Fürchte nicht, daß esſo weiter geht; das Schlimmſte iſt geſagt, und am Endeiſt es auch nicht viel ſchlimmer, wie mit manchem anderenLebeusberuf. Was iſt die Haupteigenſchaft, um einguter Arzt zu ſein? Mein hieſiger College Noth-nagel, deſſen Buch über Nervenkrankheiten Dein Ro-bert ſpäter ſchätzen lernen wird, ſagte in ſeiner Antritts-rede als hieſiger Profeſſor der inneren Klinik unter An-derem:Nur ein guter Menſch kann ein guter Arztſein. Dies iſt auch meine Meinung; es iſt die Grund-bedingung für den inneren, ja meiſt auch für den äußerenErfolg der ärztlichen Thätigkeit. Ich möchte zu demguten Menſchen noch hinzugefügt wiſſen: undguterzogen, d. h. in einer Familie, in der ein wohlwollenderGeiſt gegen alle Menſchen lebt. Das trifft ja Alles beiDeinem Robert zu. Er muß einen unwiderſtehlichenDrang zum Helfen anderer unglücklicher Menſchen haben,zunächſt angeboren und anerzogen; dann kommt er ſpäterauch auf dem Wege geläuterter Empfindung und Lebens-erfahrung durch Reflexion zu der Ueberzeugung, daß, ſovielder ſittlich erzogene Menſch auch nach Glück jagen mag,er doch ſchließlich das Glück weſentlich darin findet,Andere nach Kräften glücklich zu machen. Nur in dieſenPunkte darf er egoiſtiſch ſein, ich meine ſich ſelbſt glück-lich machen, und zwar ſo viel als er kann. So wiedies aus der ſittlichen Erziehung entſpringt, ſo wird esauch immer wieder neue Quelle innerer Läuterung,Stärkung des Pflichtgefühls, Befeſtigung eigener Sitt-

lichkeit. Trifft ihn ein Unglück, ſo wird er in der HilfeAnderer, die noch unglücklicher ſind als er, Troſt undStärkung zu neuem Aufſchwung nehmen.

Im April 1885 klagt er ſeinem Vetter:MeinEhrgeiz iſt überſättigt, an Anerkennung und Auszeich-nungen habe ich mehr, als ich brauche; ich trachte, ſürmeine Kinder Geld zu erwerben und mich ſo zu ſituiren,daß ich mit dem Jahre 1890 meine Stelle niederlegenkann. Dieſelben Töne klingen noch ergreifender ineinem Schreiben nach Frankfurt vom 28. Oktoberdesſelben Jahres wieder:Was mich betrifft, ſo iſt dieLeidenſchaft, die mich am mächtigſten beherrſchte, der Ehr-geiz, völlig befriedigt und erſchöpft. Ich leide nur unterdem Vorwurf, den ich mir machen muß, daß ich immerintereſſeloſer meiner Wiſſenſchaft und meinem Berufgegenüber bin. Die Ohnmacht unſeres Wiſſens undKönnens drückt mich oft ſchwer darnieder; dazu daßmein Schaffen, meine Produktionskraft zu Ende iſt.Dreiviertheil der Kranken, welche bei mir Hilfeſuchen, bei meiner internationalen Praxis, ſind unheil-bar. Ich habe das Unglück gehabt Andere nennenes Glück und Verdienſt Talente raſch zu erkennenund die Talentvollſten längere Zeit an mich zu feſſeln.Nun arbeite ich mit hunderten von Schülern in allenLändern und Welttheilen und war ſo dumm, ihnenimmer das Beſte zu ſagen, was ich wußte. Was iſtdie Folge? Ich habe mich völlig überflüſſig ge-macht. Die Tradition an meiner Klinik iſt ſo mächtig,

daß der jüngſte Aſſiſtent jede größte Operation ebenſo

gut macht wie ich. Darauf hin bin ich ſtolz. DochStolz iſt eine ſehr unfruchtbare Eigenſchaft. Nun habeich mich auf manche humanitäre Gebiete geſtürzt; dochda geht es mir wie dem Zauberlehrling, ich kann dieWaſſerſtröme nicht mehr beſchwören, denn die Zauber-formel: ich will nicht mehr mitthun! ich hab' es ſatt!darf ich nicht ausſprechen. So wird nun meine Zeitwieder in anderer Weiſe zerpflückt, und müde und mattvon allen Ausſchuß­, Kommiſſionsſitzungen und Präſidienda und dort frage ich mich: was bleibt für mich? undmeine Familie fragt: was bleibt für uns?.. DreiTöchter ſind mir von 6 Kindern geblieben...

An ſeinen Freund Czerny in Heidelberg ſchreibtBillroth am 30. Oktober 1889:Ich habe hier nocheinige Aufgaben zu löſen: die Vollendung des Rudol-finerhauſes, den Neubau einer chirurgiſchen Muſterklinikim erſten Hof des Allgemeinen Krankenhauſes, und wennmöglich auch den Bau eines anſtändigen Hauſes für diek. k. Geſellſchaft der Aerzte. Ich muß überall meinePerſönlichkeit feſt und wiederholt einſetzen, um dieſeDinge langſam, langſam weiter zu ſchieben. Niemandhilft mir die vielen paſſiben und altiven Widerſtändezu überwinden. Manchmal bin ich ganz verzweifeltüber die Indolenz und Trägheit der Menſchen.Dann gibt es wieder einen kleinen Stoß vorwärts, undich faſſe wieder Muth. Sollte es mir gelingen, dieſeWerke für Muſterkrankenpflege, für den kliniſchen Unter-richt, für das kollegiale wiſſenſchaftliche Leben zu Standezu bringen, dann, denke ich, wird man es mir nicht ver-übeln, wenn ich mich zur Ruhe begebe. Doch ich habemich zu ſehr überzeugt, daß in dieſen Dingen nur durchperſönlichen Einfluß etwas durchzuſetzen iſt: drum mußich vorläufig noch aushalten, wenn ich auch des Schul-meiſterns oft recht müde bin und mich ſelbſt krampfhaftdazu anregen muß.