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giösen Sinne der Campagnolen, so wollen wir unsereSchritte wieder rückwärts lenken gen Guadagnolo.Machen wir dem freundlichen Pfarrer und dem Kirchleineinen Besuch. Das erste, worauf unser Blick in derKirche fällt, ist die Statue der Madonna. Was wärendie Italiener ohne ihre Madonna? Die Madonna istihr Erstes und Letztes. Schauen wir uns nur denSchmuck der Mutter Gottes vor uns an. Lange, seideneGewänder, Korallenschnüre um den Hals der Mutterund des Jesukindleins, lang herabbaumelnde goldeneOhrringe und ein Rosenkranz in den Händen. Alleinetwas sonderbarer muthet uns der Schmuck neben derStatue an; Messer, Revolver, Pistolen sehen wir dort.Nun, in der Hitze des Zornes greift der heißblütigeItaliener leicht zur Mordwaffe, aber wenn der Zorn
Als ich nun fragte, was ihnen denn für ein Leid zuge-stoßen, erhielt ich als Antwort: „Vor vier Jahren istunser Vater gestorben, und jetzt liegt unsere Mutter amSterben." Und dann riefen sie von neuem zur Madonnaso laut und flehentlich, daß es mir schrecklich in denOhren klang. Bei dieser Gelegenheit konnte ich auchwieder das den Italienern, auch den armen Campa-gnolen angeborene Gefühl für Anstand erkennen. DieseMädchen wußten, daß sie sich bittflehend einer Höherennahten, und darum hatten alle ehrerbietig ihre Schuheausgezogen und neben sich hingestellt. Aus demselbenGrunde vermeiden die Campagnolen es auch, beim Ver-lassen der Kirche ihrer Madonna den Rücken zuzuwenden;sie gehen rücklings mit der Madonna zugekehrtem Gesichtezur Thür hinaus. Noch eine schöne Sitte blüht in diesen
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verraucht ist, faßt ihn die Reue, und der Madonna schenkter dann Herz und Waffe. Die Madonna ist den Cam-pagnolen wirklich Mutter und Alles. Wenn wir so übereine der weiten Campagnastraßen wandern und könneneinem neugierigen Campagnolen sagen, wir gingen ,a,11aNaäonna", so bittet er uns gleich um ein Ave bei ihr:„LiAnorsl prs^ats anolis xsr ras". Es ist noch nichtso lange her, da war ich in diesen Bergen Zeuge einerecht italienischen Scene. Vor der verschlossenen Thüreund den Gitterfenstern einer kleinen Mutter-Gottes-Kapelle knieten zwei erwachsene und vier jüngere Mädchen.Alle waren bitterlich am Weinen und riefen mit einerStimme, die laut über die Straße gellte, zur Madonna,daß sie jetzt ihre Mutter sein müsse. Die Mädchen ließensich durch die vorübergehenden Leute gar nicht stören.
bei Klütlen.
Bergen und Dörfern der Campagna. Wenn wir zurAbendstunde über eine der einsamen, weiten Cawpagna-straßen wandern, dann erblicken wir oft in den Mauernein Marienbild, und davor grüßen uns einige Lichtlein,die eine liebevolle Hand angezündet. Wenn wir alsdanndie Dörfer betreten und einen Blick werfen in die Lädenund Geschäfte, dann schaut uns die Madonna entgegenund bietet uns des Hauses Willkomm. Ja in manchenGeschäften, selbst Osterien, gibt das flackernde Licht vordem Bilde der Madonna Tag und Nacht Zeugniß vondem frommen Sinne, von der Liebe und Dankbarkett,derBewohner dieses Hauses.
Und nun wollen wir Abschied nehmen, mein lieberLeser, von den Campagnolen. Dieses Volk der weitenCampagna ist zwar arm und bedrückt, ^aber es ist nicht