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zu erdulden hatten, unaussprechlich fürchterlich für dieseszarte Geschöpf.
„Ach, ich fürchte, daß ich nicht bis zum Ende aus-halten werde, mein Muth wird nachlassen, ich werdemich selbst, mein Vaterland und mein Volk entehrenund mir den Zorn meines Gottes zuziehen I" rief Sarah,indem sie sich die gewaltige Probe, welcher ihr Glaubewürde ausgesetzt werden, vorstellte. „Wehe mir! Wassoll ich thun — was soll ich thun? — Ist denn dakeine Möglichkeit zu entkommen?"
Jene massiven steinernen Wände und starken Eisen-gitter gaben genügende Antwort auf diese Frage.Sarah lehnte sich an die Mauer und erhob ihre ge-falteten Hände zum Himmel, von dem sie einen Schimmerdurch das Eisengitter sehen konnte.
„O, mein Gott, verlast' wich nicht!" rief sie,„schwach und hilflos in mir selbst, setze ich meine ganzeHoffnung auf Dich alleinI Du hast gesagt: „WennDu durch das Wasser gehst, will ich bei Dir sein;wenn Du durch das Feuer gehst, sollst Du nicht ver-brennen I" Trage Dein schwaches Lamm auf DeinenArmen und last' mich fühlen Deinen Schutz!"
Die Thränen flössen schnell von Sarah's Wangen,als sie dies undeutliche Gebet hervorschluchzte. Undweiter fuhr sie fort: „Ich bitte Dich ja nicht, mich vordem Tode zu bewahren, ja selbst nicht vor der Tortur,wenn es Dein heiliger Wille ist, daß ich sie erduldensoll, aber ach, hilf mir, daß ich nicht von Dir abfalle,hilf mir, daß ich nicht meinen Glauben verleugne unddas Herz meiner Mutter breche. Und ich werde-gerettetwerden!" sagte Sarah ruhiger, denn ihr Glaube hattedurch das Gebet an Kraft gewonnen.
„Vielleicht macht der Herr keine Probe über meineKräfte, er, dem alle Dinge möglich sind, kann es thun— oder er sendet einen Engel, mich zu schützen, wie ersonst seine heiligen Diener zum Schutze der Seintgensandte. Die Phantasie Sarah's malte ihr ein Wesenmit glänzenden Flügeln vor, wie es ihr zur Hilfe her-niederfliegt mit einem dem Lycidas vollkommen gleichenGesicht, welches ja für sie den Typus der größtenSchönheit hatte. „Oder der Herr sendet mir vielleichteinen irdischen Freund," fuhr Sarah fort, und wiedermalte die Einbildungskraft einen Lycidas, aber dieserhatte keine Flügel. Das Mädchen hörte zu weinen aufund wischte sich die feuchten Tropfen von ihren Augen.Ein Schimmer von Hoffnung schien das Dunkel vorihren Augen zu erleuchten. Wie eifrig hören wir aufdie Stimme der Hoffnung, selbst wenn es nur dasEcho eines Wunsches ist. Sarah's Gefängniß würdenoch viel grausiger, die bevorstehende Probe noch vielschrecklicher gewesen sein, hätte sie gewußt, daß Lycidasnach Bethlehem gekommen war, ohne etwas von derGefahr, in der das von ihm geliebte Mädchen sich be-fand, zu ahnen. In derselben Unkenntniß über Sarah'sgroße Gefahr war ein Anderer, dem sie theurer warals sein Leben oder das Licht seiner Augen. Er lagin tiefem Schlafe viele Meilen von Jerusalem , ohneein anderes Kissen unter seinem Haupte als nur seinenstarken Arm, um welchen immer noch die kleine SträhneFlachs gewickelt war. Ein König hätte ihn um denTraum, welcher seine Züge verklärte, beneiden können.Makkabäus träumte, auf dem versengten, trockenen Erd-boden liegend, er sei in einem Eden mit Blumen, undSarah, deren kleine Hand er in der seinen hielt, sei
an seiner Seite. Sie hörte mit freundlichem Lächelnund niedergeschlagenen Augen auf die Worte, die derKrieger niemals zu ihr gesprochen hatte, außer in seinenTräumen. Alles war Friede innen und außen. Dieswar des Hebräers Traum von Sarah. Wie verschiedenwar derselbe von der Wirklichkeit! Hätte Judas diewirkliche Lage, in der das hilflose Mädchen sich befand,gekannt, er würde gern, um sie zu schützen, sein Herz-blut vergossen haben. Dieses Herz, das niemals an-gesichts der größten Gefahr gezittert hatte, würde miteinem Male die tödtliche Angst kennen gelernt haben.W
20. Kapitel.
Der Hof des Antiochus.
Der Zorn und die Enttäuschung des Antiochuswar fürchterlich, als er von dem Resultat des nächt-lichen Angriffes auf seine Streitkräfte in Emmaus unddem darauf folgenden Rückzug des Gorgias, ohne einenSchlag gethan zu haben, hörte. Vergebens bemühtensich die Truppen jenes zu vorsichtigen Führers durchUebertreibung der Zahl des Feindes ihre feige That zubeschönigen. Antiochus war wüthend über das, was erals Uebermuth .einer Handvoll Geächteter bezeichnete,sowie über die Feigheit seiner Truppen, welche sieges-bewußt mit fliegenden Bannern ausgezogen waren unddann, wie buntgefiederte Vögel vor dem Stoß desAdlers, die Flucht ergriffen hatten. Nicht nur dieunterdrückten Einwohner Jerusalems und seiner Um-gegend hatten Ursache vor der Wuth des Tyrannen zuzittern, sondern auch seine eigenen syrischen Anführerund die gehorsamen Höflinge, welche ihn umgaben. Undunter diesen keiner mehr, als Pollux, der einst auser-wählte Gefährte und Günstling des syrischen Königs.
Pollux war durch seinen launischen Herrn mitReichthum und Ehren überschüttet worden, und wurdedadurch der Gegenstand des Neides seiner Genossen, be-sonders des Lysimachus, eines Syrers von hoher Geburt,welcher sich in der königlichen Gunst durch einen Neben-buhler, den er verachtete, übertroffen sah. Aber nunwar wenig Ursache, Pollux, den elenden Schmarotzereines Tyrannen, zu beneiden. Er, welcher Gewissenund Selbstachtung für das Lächeln eines Tyrannen hin-gegeben hatte, hatte den sichern, wenn auch schmalenPfad der Tugend verlassen, um sich auf den unsicherenFlugsand zu begeben, wo der Boden bald unter seinenFüßen sinken mußte. Bald konnte er sich von der Un-beständigkeit königlicher Gunst überzeugen. Sein Neiderwartete auf eine Gelegenheit, ihn beim Könige anzuschwärzen.Dazu boten die Umstände, daß er sich bet der Torrurder Märtyrer zurückgezogen hatte, und die feige Fluchtdes Gorgias, dessen Feldzug er auf Befehl des Antiochusmitgemacht hatte, reichlichen Stoff. Pollux hatte sonstoft den König durch seine glänzenden Witze entzückt, nunfielen seine besten Späße wie Funken auf Wasser.Antiochus war seines Günstlings überdrüssig, wie einKind, das sein Spielzeug heute hätschelt und morgenachtlos beiseite wirft. Dennoch bemühte sich Pollux, dieGunst des Königs wiederzugewinnen, und dieser gabihm Gelegenheit, sich von dem Verdacht des Veirathesan der syrischen Sache zu reinigen. Er erhielt, wiewir wissen, den Auftrag, einen Theil Hebräer bei derFeier des Pastahfestes gefangen zu nehmen. Als dasResultat dieses Auftrages nur die Gefangennahme eineseinzigen unschuldigen Mädchens war, stieg der Zorn desKönigs noch mehr. Doch war der König willens, sich