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worden ist, und welcher der Anführer der Angreifer zusein schien. Sarah streckte ihre Hände nach einem aus,an dem sie selbst in jenem Augenblick einen hebräischenTypus bemerkte. Aber sie konnte nur durch eineflehende Geberde Gnade suchen. Der Schreck hatte sieso überwältigt, daß sie ohnmächtig wurde. Der Befehldes Antiochus hatte mehr auf Ergreifen als auf Nieder-metzeln gelautet, und so trugen die Krieger auf Geheißdes Pollux nur ein ^bewußtloses Mädchen als ihre
einzige Gefangene fort und ließen den todten Körperdes Abischai in seinem Blute schwimmend am Bodenliegen.
19. Kapitel.
Ein Gefängniß.
Sarah erwachte aus ihrer langen Ohnmacht miteinem Gefühl unbeschreiblicher Angst. Die kalten Schweiß-tropfen standen an ihrer Stirn und das Herz war ihr
wie zugeschnürt. Das arme Mädchen konnte sich nichteinmal besinnen, was eigentlich vorgefallen war. Siewußte nur, daß es etwas Schreckliches war. Das ersteBild, welches vor ihrem Gedächtniß auftauchte, war dersterbende Abischai . Sarah schauderte, zitterte und erhobsich mit einer Anstrengung aus ihrer sitzenden Stellungund wild umherblickend rief sie: „Wo bin ich? Was istgeschehen?" Der Raum, in welchem sich das Mädchenbefand, war beinahe ganz dunkel, aber als sie aufwärts
blickte, konnte sie die blassenSterne durch das kleine,schwarzvergitterie Fenstersehen. Sie wußte, daß siein einem syrischen Gefängnißsein mußte. Beide Hände vordas Gesicht pressend, erinnertesich die junge Gefangene derschrecklichen Scene, von wel-cher sie eine Zeugin gewesenwar.
„Gott fei gepriesen, daßmeine geliebte Großmutternicht dort war l" Diese Wortewiederholte sich Sarah wiederund wieder, um sich an deneinzigen Trost zu halten, dersich ihr bot. „Abischai 'sSchick-sal ist schrecklich, schrecklich!"rief Sarah, indem sie vor Mit-leid und Entsetzen schauderte.„Aber es ist für meinen armenVerwandten besser, viel besser,daß er nicht lebend in dieHände der Feinde fiel, wieich, dies würde für ihn nochviel schrecklicher gewesen sein!"Sarah war keine hochbe-geisterte Heldin, sondern nurein schüchternes, sanftes,liebenswürdiges Mädchen,welches, vor Gefahr zurück-bebend, der Furcht unter-worfen war und sich für jedenSchmerz, ob körperlich odergeistig, sehr empfindlich zeigte.Obgleich sie mit Salame undHadassah verwandt war, hattesie weder die ruhige Geistes-größe der Einen, noch die er-habene Seelengröße der An-deren.
Sie hielt sich nicht fürfähig, die inspirirten Worteeiner Prophetin hervorzu-bringen, noch die große Stand-haftigkeit einer Märtyrerin zu zeigen. Und es wareine Märthrerprobe, die dem Mädchen bevorstand. Siesollte, wie Salame und ihre Söhne, entweder ihremGlauben oder ihrem Leben entsagen. Für Sarah wardies eine schreckliche Wahl; denn obgleich sie sich wenigeStunden vorher nach dem Tode gesehnt hatte, um vonihrem Kummer befreit zu werden, war doch der Ge-danke an seine Nähe, und obendrein herbeigeführt durchsolche Torturen, wie hebräische Gefangene sie gewöhnlich
AMI
Ncr Pupprnmörder. Nach einem Originalgemälde von Gnst. Jgler.