246
Hannah, als sie die Gabe des Griechen erhielt. Danntrug sie mit einem Gemisch von Neugierde und Ver-gnügen die von Joab gebrachten Sachen auf das Dachdes Hauses, wo die hebräischen Frauen saßen, um diekühle Abendluft zu genießen. Auf Geheiß der Hadasfahentfernte Hannah die äußere Umhüllung dessen, wasLycldas gesandt hatte und zog eine Menge mit demfeinsten Geschmack ausgesuchter herrlicher Dinge hervor,reizende Gewänder, Goldstickereien, eine Lampe vonfeinster Arbeit, einen Spiegel von polirtem Stahl undnoch mehrere Kostbarkeiten. Hannah konnte sich einigerAusrufe der Bewunderung nicht enthalten; Hadassah aberund ihre Enkelin saßen stillschweigend dabei, bis eineRolle zum Vorschein kam, welche Hadassah öffnete undlaut las: „Mit diesen werthlosen Zeichen des Gedenkensnehmet die tiefste Dankbarkeit eines Mannes an, derin wenigen, nur zu kurzen Monaten unter Eurem Dachmehr gelernt hat, als er anderswo in einer Lebenszeithätte lernen können von der Hoheit des Glaubens unddem Heldenmuth der Tugend."
18 . Kapitel.
Das Paffahfcst.
Sehr verschieden war die Feier des Festes dersüßen Brode zur Zeit des Königs Antiochus Ep'phanesvon den früheren Zeiten, als die Kinder Israels vonihren eigenen Königen regiert wurden. Da war keingewaltig großes Zusammenströmen, wie einst von Danbis Berseba. Hirten trieben einst ihr brüllendes Vieh,Schäfer ihre Heerden von den Abhängen des Karmclund den Weiden unter den schneegekrönten Höhen desLibanon nach Hause zurück. Fischer zogen ihre Netzean die Ufer der inländischen Seen und ließen ihreKähne am Strande des Meeres ruhen, um nach derSitte der Väter hinaufzugehen und den Herrn in Zionanzubeten. Da waren keine Pilgerschaaren von Saron'sEbenen und den Bergen von Gilead. Jerusalem warnicht von Anbetern gedrängt voll, und die Straßennicht unpassirbar durch das Treiben der zum Opfer be-stimmten Heerden, wie zu den Zeiten, da Josiah seingroßes Passahfest hielt. Da gab es keine laute, freudigeMusik, als wenn die Sänger der Söhne Asaphs denChor der Danksagung leiteten. Gruppen von Hebräernzu Zweien oder Dreien gingen heimlich ihre Wege, alswie durch irgend einen geheimen oder gefährlichenAuftrag gebunden, zu den wenigen Häusern, in denendie Besitzer kühn und fromm genug waren, das Passah-fest vorzubereiten.
Unter diesen Wohnungen war auch die des AeltestenSalathiel, eines Mannes, der trotz der angedrohtenVerfolgung dennoch Gott nach alter, von Mose vorge-schriebener Weise anzubeten wagte. In einem oberenRaume seines Hauses war alles für die Feier desFestes, so wie die Umstände es erlaubten, zurecht gestellt.Das Passahlamm war in einer runden Vertiefung desFußbodens ganz geröstet worden. Es war zu diesemZweck von zwei langen Bratspießen durchstochen worden,von denen, um die Form des Kreuzes anzudeuten, dereine lang, der andere quer durchstochen war. Die wildenund bitteren Kräuter, welche dazu gegessen werden sollten,waren sorgfältig gewaschen und vorbereitet. Auf demTische standen Schüsseln mit ungesäuertem Brod undvier Schalen voll rothen, mit Wasser gemischtenWeines.
Es war mit Schwierigkeiten verknüpft gewesen,
nur zehn Theilnehmer zur Feier des Passahfestcs zu-sammenzubringen. Drei der gegenwärtigen Personenwaren Frauen, zwei zu Salathiel's Familie gehörig, diedritte Sarah, welche, dicht in ihren Schleier gehüllt,unter dem Schutze ihres Oheims Abischai gekommen war.Die Gäste kamen spät, da sie, um nicht Verdacht beiden Syrern zu erregen, mehr als einmal ihren Weghatten ändern müssen.
Die Feier hatte begonnen. Das Brod war durchSalathiel gebrochen und herumgegeben. Die erste SchaleWein wurde still geleert. Aber als die zweite herum-gegeben wurde, sang man das kleine Hallel, bestehendin dem 113. und 114. Psalm, in leisen und unter-drückten Tönen.
Plötzlich verstummte der Gesang mitten in einemVerse, und jeder Kopf wandte sich, um zu lauschen.Das Geklirr einer Waffe, die unten auf den Bodengefallen war, hatte die Versammlung erschreckt, wie Wilddurch das Bellen der Bluthunde aufgescheucht wird.
„Die Syrer haben uns aufgefunden, wir sind ver-rathen I" rief Abischai , indem er aufsprang und dasSchwert zog.
„Flieht! Flieht!" so schallte es von Mund zuMund. Das Gemach, tn welchem die Hebräer ver-sammelt waren, hatte zwei Thüren, die eine führte ver-mittelst einer Treppe zum Hofe, die andere am entgegen-gesetzten Ende zum Dache, welches nahe genug an denanderen Wohnungen war, um unter dem Schutze derDunkelheit ein Entkommen zu ermöglichen. Hauptsächlichwar es auch dieser voriheilhaften Lage wegen, daßSalathiel's Haus zur Abhaltung der Feier des Passah -festes gewählt wurde.
Die zweite Thür, durch welche eine Flucht er-möglicht werden konnte, war klugerweise offen gelassenworden und alle stürzten bei dem ersten Alarm dorthin.Der Schreck übt oft eine so verwirrende Wirkung aufdas Gemüth aus, daß die Eindrücke, welche durch Er-eignisse entstehen, zwar peinlich lebhaft in ihrer Färbung,aber unbestimmt in ihren Umrissen sind. Sarah würdedaher keinen genauen Bericht von der folgenden Scene,die ihr wie ein schrecklicher Traum vorkam, haben gebenkönnen. Sie wollte fliehen, aber als sie es versuchte,blieb ihr Schleier an etwas hängen, sie wußte nicht,was es war. — Drei oder vier Sekunden, die ihr wieebenso viele Stunden erschienen, vergingen, bevor sie ihnlosmachen konnte. Sarah hörte donnernden Lärm ander einen Thür und das Getöse der Flüchtlinge an deranderen, dann wurde die schwache Barriere, welche sievom Feinde trennte, weggerissen und der Raum fülltesich mit Kriegern. Ein Anblick aber hatte sich ihremGedächtniß unauslöschlich eingeprägt, es war der Abi-schai , welcher, ganz mit Blut überströmt, die Augen stierund gläsern, die Zähne fletschend, mit den letzten Athem-zügen nur das eine Wort „Abtrünniger!" hervorzischte.Sarah wußte, daß es der Tod war. Dann legtensich rauhe Hände an sie selbst, und das erschreckteMädchen fühlte sich wie die Gazelle unter den Klauendes Tigers. Sie war in so tödtlicher Angst, daß sienicht einmal Kraft zum Schreien hatte. „Halt, thutdem Mädchen kein Leid!" rief eine Stimme, welcheSarah sehr bekannt klang, obgleich sie sich nicht erinnernkonnte, wo sie dieselbe gehört hatte. Dann sah sie einenKrieger in syrischer Kleidung, denselben, welcher demLeser unter dem Namen Pollux mehrere Male vorgestellt