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des Vergnügens. Abner erschien vor dem neuen Königbald nach dessen Thronbesteigung und gewann bald dieGunst des Monarchen. Es war nur noch der hebräischeGlaube zwischen ihm und den höchsten Auszeichnungen,die ein Freund des Königs erreichen konnte. Abnergab der glänzenden Versuchung nach, trennte sich vonseiner Religion, die er ja nur dem Namen nach be-sessen hatte, vertauschte seinen Namen mit dem desPollux, verließ seine früheren Freunde und Beziehungenund ließ sich am syrischen Hofe nieder, der damals ge-wöhnlich zu Antiochia residirte. Abner, oder, wie wirihn genannt haben, Pollux, wagte nicht mehr, seinerMutter vor Augen zu treten, nachdem er allem, was siegelehrt, heilig zu halten, den Rücken gewandt hatte.Der Abtrünnige kam nicht wieder nach Bethsura, erhielt sich fern von dem Ort, wo er seine unschuldigeKindheit verlebt hatte, und wo die irdischen Ueberresteseines jungen Weibes schliefen. Abner schrieb anHadassah, um ihr mitzutheilen, in wie weit seine Ab-sichten sich geändert hätten, empfahl seine kleine Tochterihrer Obhut und bat sie zu vergessen, daß sie jemalseinem Sohne das Leben geschenkt. Hadassah lag, nach-dem sie diese Epistel empfangen, wochenlang auf demTode und war nahe daran, den Verstand zu verlieren,doch genas sie endlich, aber völlig verändert und ge-brochenen Herzens. Sobald die Wittwe im Stande warzu reisen, verließ sie Bethsura für immer. Der Anblickalles dessen, was sie an frühere glückliche Tage erinnerte,verursachte ihr zu tiefes Weh. Sie würde es nicht er-tragen haben, jemandem zu begegnen, der mit ihr vonihrem Sohne gesprochen hätte.
Hadassah's erstes Ziel war nun, ihren Sohn auf-zusuchen und ihn mit aller Ueberredungskunst, dereneine Mutter fähig ist, von einem Wege, der in ewigerVerdammniß endigen muß, zurückzubringen. Doch warAbner weder in Jerusalem , noch in einer der umliegendenOrtschaften zu finden. Er hielt seinen neuen Namensorgfältig vor seiner Mutter verborgen. Der Hebräerhatte sich in einen Syrer verwandelt; Abner war todtfür seine Familie — sein Vaterland — und für Hadassahein Fremder. Es dauerte lange, bevor Hadassah ihreForschungen nach Abner aufgab, aber niemals hörteweder ihre Liebe noch ihre Hoffnung für ihren Sohnauf. Die Liebe war, wie die Ader im Marmor, einTheil ihrer selbst, der durch nichts ausgelöscht werdenkonnte. Kaum gab es für Hadassah noch eine Stundedes Wachens, in welcher sie nicht für ihren Wandererbetete, und auch in ihren Träumen war er ihrem Herzenoft nahe. Durch diesen Kummer, welchen sie schweigendertrug, wurde ihr Charakter erhoben und geläutert. DieSchlacken des Ehrgeizes und Stolzes wurden in demOfen der Trübsal hinweggebrannt, die oft heftige, un-gestüme Frau in eine Heilige verwandelt. Ein Schrift-steller hatte einst gesagt: „Alles, was uns in diesemLeben Wichtiges begegnet, was uns großen Kummerverursacht, dessen Nutzen wir in diesem Leben oft nichteinsehen können, hat dennoch einen bestimmten Zweckes mag wie ein unfruchtbarer Kummer erscheinen inder Geschichte eines Lebens — in der Geschichte einerSeele kann eS sich als eine Freude ausweisen."
Hadassah's tiefe, unendliche Liebe für ihren Sohnließ sie auch das Kind, welches er ihrer Obhut über-geben hatte, mit zärtlicher Sorgfalt umfassen. Sieliebte Sarah um feinet- und ihretwillen. Sarah war
die Blume, vie ihr in der Wüste noch geblieben, überwelche der Samum gefegt. Ihr Lächeln erschien derberaubten Mutter wie ein Schimmer von Hoffnung.Hadassah konnte und wollte, als sie die TugendenSarah's erkannte, nicht glauben, daß der Vater einessolchen Kindes verloren gehen könne. Gott würde end-lich die Gebete einer Mutter erhören und Abner vondem Schicksal eines Abtrünnigen erretten. Alles, wasHadassah für sich von Gott erflehte, war, daß sie ihrenSohn noch einmal auf dem Wege der Pflicht wieder-sehen möchte, dann wollte sie ruhig sterben. Die Liebezu Abner, welche noch in dem Herzen der Wittwe lebte,war wie das Feuer, welches ungesehen in der Erdeglüht, und welches nur an der Wärme der Quellen, diezum Licht strömen, erkennbar ist. Ebenso auch wiejene Quellen war die Liebe der Wittwe zu Abner's
Tochter. (Fortsetzung folgt.)
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k. Julian Edelmann,
Conventual des ehemaligen Benedictiner-Neichsstiftes Ober-Elchingen.
Schon wiederholt ist den geehrten Lesern diesesUnterhaltungsblattes in jüngster Zeit von der Ent-stehung und von den Heimsuchungen, aber auch vonglücklichen und festlichen Tagen des seit >802 auf-gehobenen und ehemals herrlich gelegenen Benedictiner-ReichsstifteS Ober-Elchingen erzählt worden. Nament-lich sind in Nr. 13 und 15 des Unterhaltungsblatteszur Postztg. in gefälliger Form interessante Mittheilungenüber Bestand und über Angehörige des denkwürdigenStiftes zu Ende des vorigen Jahrhunderts gegeben.
Das Benedictiner-Kloster Ober-Elchingen zähltewährend seines fast 700jährigen Bestandes manchenweisen und thatkräftigen Abt, manchen gelehrten undeifrigen Conventualen.
Unter diesen allen aber leuchtet der heiligmäßige?. Julian Edelmann besonders hervor.
Wie Herr Lorenz Werner berichtet, stellt BenedictBaader in seinem 1786 geschriebenen Diarium seinenMitconventualen k. Julian als das Muster einesBenedictiners dar und schreibt unter anderm über diesen:„. . . Ein Mann ohne alle Passion und Leidenschaftzu unserer größten Verwunderung. Ganz allein in Gott und das Geistliche vertieft, sucht er Alle zum Himmelanzutreiben; er gibt ganz sonderliche Beispiele derFrömmigkeit und Abtötung, die ihm nit so bald einernachmachen wird. Er liebt Alle und wird auch vonAllen geliebt; er mischet sich in gar nichts Zeitliches, istihm Alles recht. So kenne ich ihn von Jugend auf,noch als Knab von 10 Jahr — immer sich gleich —fromm und heilig. — Wahrlich, wenn Elching dtsmahlkeinen Heiligen bekommt, so wird es spät werden, etwasDergleichen mehr zu erhalten." Dies das Urtheil einesZeitgenossen und Mitbruders des sel. Julian.
Um das Andenken dieses Edelsten der ElchingerBenedictiner zu ehren und neu zu beleben, sei es unter-nommen, diesmal eine einzelne Persönlichkeit ausElchingens Kloster-Geschichte hervorzuheben und einekurze Biographie derselben den verehrten Lesern vorzu-führen. Allerdings kann dabei nicht von einem Mannedie Rede sein, der durch großartige Leistungen auf demGebiete der Wissenschaft oder der Kunst die Welt inStaunen versetzte, der durch die Macht seiner Rede, etwaals hervorragender Kanzelrcdner, wellberühnu gcworven.