Ausgabe 
(28.4.1896) 35
Seite
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Herr krönte es in alten Zeiten mit Ruhm, aber in denTagen, welche noch darüber aufgehen sollen, wird derHerr eine liebliche Krone sein und ein herrlicher Kranzden übrigen seines Volkes."

In so tiefe Betrachtungen versenkt und voll vonHoffnungen, die die Siege des Makkabäus in der SeeleHadaffah's erregt hatten, welche ihr erschienen wie Vor-bilder und Pfänder kommender Siege, wurde der greisenFrau die Zeit bis zu der Stunde, in welcher sie Sarahzurück erwarten konnte, nicht lang. Selbst als dieRückkehr sich verzögerte, wurde sie zuerst noch nichternstlich beunruhigt. Irgend welche Umstände konntenes dem Mädchen gerathen erscheinen lassen, im HauseSalathiel's zurückzubleiben. Sie konnte möglicherweisegezwungen sein, die Nacht über in Jerusalem zu ver-weilen, da nicht selten Syrer in den Hügeln lauerten.Hadaffah hatte so oft mit und ohne ihre Enkelin denVersammlungen im Hause des Aeltesten beigewohnt, daßihr schon aus Gewohnheit die Feier weniger gefahr-

bringend erschien, als sie es in Wirklichkeit war. DieMitternacht brach an, und Hadaffah's Herz wurde un-geachtet ihres Glaubens und Muthes von großer Unruhebefallen. Sie ließ Hannah sich niederlegen, währendsie selbst trotz ihres Unwohlseins bet der Thür Wachehielt. Plötzlich hörte sie das Nahen leichter, eiliger

Fußtritte. Hadaffah ahnte Gefahr und öffnete dieThür, ohne zu forschen, wer da käme, und ob die

Schritte bei ihrer Thür anhalten würben. Das Licht,welches die Wittwe in der Hand hielt, fiel auf ein vorFurcht geisterbleiches Antlitz. Sie erblickte das GesichtSalathiel's und wußte, bevor er ein Wort hervorgebracht,daß er der Ueberbringer einer Unglücksnachricht war.

Der Feind kam wir flohen über die Dächer Abischai ist erschlagen Sarah in den Händen

der Syrer!"

Wie ein Todesurtheil tönte diese schreckliche Kundein das Ohr der Hadaffah. Salathiel konnte nichtbleiben, um mehr zu erzählen; er mußte seine Familieeinholen, um mit ihr zu fliehen. Dann verschwand erwieder in der Finsterniß, beinahe so schnell, wie derBlitz verschwindet, aber gleich diesem ein Zeichen andem Baume, den er getroffen, zurücklassend. Hadaffahschrie nicht, noch sank sie hin oder fiel in Ohnmacht,aber sie war wie von einem Todesstoß getroffen. Siestand da und wiederholte sich immer von neuem denletzten Theil der wenigen, aber fürchterlichen Worte, alsob sie zu schrecklich seien, um wahr zu sein. WäreSarah aus irgend einer natürlichen Ursache von ihrgenommen worden, würde die Hebräerin, wie Hiob , ihrHaupt gebeugt und den Namen des Herrn in trauernderUnterwerfung gesegnet haben; aber der Gedanke, ihrenLiebling in den Händen der Syrer zu wissen, verursachteder alten Frau einen Schmerz, der mehr dem desJakob glich, als er bet dem Anblick der blutbeflecktenKleider seines Sohnes sich nicht trösten wollte.

Hadaffah liebte das junge Mädchen mit einer In-nigkeit und Stärke, wie dessen nur eine solche Naturwie die ihrige fähig war. Sarah war alles, was derGroßmutter auf dieser Welt geblieben, das einzige vonallen Schätzen, die sie einst besessen. Es möge hier alseine kleine Abschweifung gestaltet sein, einen kurzenBericht von Hadaffah's früherem Leben zu geben, damitder Leser ihre Lage in dem Zeitpunkt, bei welchem meineGeschichte angelangt ist, besser verstehen kann. Wohl

wenige Frauen erfreuten sich eines glänzenderen Loosesals Hadaffah. Schön, begabt und beliebt, ein zu-friedenes Weib, eine glückliche Mutter, lebte sie nahebei Bethsura in Jdumea im besten Wohlstände, durchwelchen sie vielen ihrer Umgebung eine große Wohl-thäterin war. Hadaffah hatte in ihrer Jugend einenehrgeizigen und stolzen Sinn und eine Liebe zumHerrschen, welche in gewissem Grade die Schönheit ihreswirklich edlen Charakters verdunkelte. Bald jedoch kamviel Trübsal, um ihren stolzen Sinn zu erweichen undihren Geist zu demüthigen. Hadaffah wurde früh Wittwe,und der Kummer lastete schwer auf der Verlassenen,die tief und leidenschaftlich geliebt hatte. Zwei Kinderblieben ihr jedoch zum Trost, ein Sohn und eine Tochter,und diese, besonders den Sohn, liebte Hadaffah nur zusehr. Abner wurde von seiner Mutter beinahe abgöttischgeliebt. Wenn sie noch Ehrgeiz besaß, so war es desSohnes wegen. Er war ihr Stolz, ihre Freude undder Gegenstand ihrer kühnsten Hoffnungen. Abner'sFehler erschienen in Hadaffah's Augen wie Tugenden.So flogen Jahre ungestörten Beisammenseins dahin.Mirjam, die einzige Tochter der Hadaffah, wurde mitAbischai vermählt; Abner mit einem schönen Mädchenvereint, die Hadaffah wie eine wirkliche Tochter liebteund umfing. Die hebräische Wittwe verlebte noch ein-mal glückliche Tage mit ihren Kindern, das Leben warihr noch süß. Dann kam Schlag auf Schlag in schreck-licher Reihenfolge, von denen jeder in dem Herzen derWittwe eine tiefe Wunde zurückließ. Die beiden jungenWeiber wurden in ihrer Jugendblüthe dahingerafftkurz nacheinander Mirjam starb kinderlos, Noemiließ eine kleine Tochter zurück. Aber der schwersteSchlag sollte noch kommen. Als Selcukus, König vonPergamus, unter Mitwirkung der Römer Antiochus aufden Thron von Syrien gesetzt hatte, zeigte sich bald,daß dieser neue Monarch ein heftiger Gegner desGlaubens seiner Unterthanen in Judäa war. Omias,ihr ehrwürdiger Hohepriester, wurde abgesetzt und derVerräther Jason erhoben, ein Amt zu verwalten, welcheser beschimpfte. Ein Gymnasium wurde in Jerusalem erbaut, der mosaische Gottesdienst abgeschafft. DurchLehre und Beispiel suchte Jason, der unwürdige Nach-folger Aaron's, den Unterschied zwischen Juden und Heidenzu verwischen und alles in eine Uebereinstimmung vonWeiblichkeit und Irreligiosität zu bringen. Nachden Worten des Geschichtsschreibers Dr. Nitto: DasBeispiel einer Person von so hervorragender Stellungriß viele mit sich fort und gab den schlaffen Grundsätzenvollen Spielraum, namentlich unter den jüngeren Leuten,welche der Strenge und Einschränkung der jüdischenSitten überdrüssig, entzückt waren von der Freiheit undUngebundenheit der griechischen. Die Andachtsübungenwirkten wie Bezauberung auf die Gemüther. SolchenVersuchungen war auch Abner nicht gewachsen. SeineReligion war ihm nie Herzenssache gewesen, seine Vater-landsliebe kalt; er war nur darauf stolz, ein Weltbürgerzu sein. Unglücklicherweise war Abner, nach dem Todeseines Weibes des Aufenthaltes in Bethsura überdrüssig,nach Jerusalem gegangen, um sein Gemüth von denschmerzlichen Erinnerungen zu befreien. Dort lernte erJason kennen und stürzte sich unter dessen Einfluß ineine Fluth von Vergnügungen, wodurch es ihm nur zugut gelang, sein Herz vom Kummer abzuziehen. Baldgesellte auch der Ehrgeiz seine mächtige Lockspeise zu der

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