Ausgabe 
(28.4.1896) 35
Seite
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glückliche Zauderer zuletzt.Finde ich ihren Entschluß >unerschütterlich, so werde ich, es mag kommen, was dawolle, ihr einen Weg bahnen, auf welchem sie demschrecklichen Schicksal, von dem sie bedroht ist, entrinnenkann!"

In wenigen Minuten trat Pollux, blaß und er-regt durch die in ihm widerstreitenden Gefühle, vonneuem in das Gemach, in welchem er Sarah verlassenhatte.

Sarah!" rief er mit hohler Stimme, indem erdas Mädchen bei der Hand ergriff und ihr mit einemverzweifelten Blick in das Gesicht starrte.Ich komme,um Dich zu fragen, welches Deine letzte Entscheidungist. Bist Du noch unsinnig genug, Marter und Todzu wählen?"

Sarah blickte ihrem Vater voll in das Gesicht, siewar blaß, aber sie schwankte nicht. In ruhigem, ent-schiedenem Tone sagte sie:Ich werde niemals meinenGlauben verleugnen."

Dann ist der Würfel gefallen!" rief Pollux, fasterleichtert, da er sich nun von der Last der Unent-schiedenheit befreit sah.Wir leben oder wir sterbenzusammen wir wollen noch vor Tagesanbruchfliehen!"

Es blieb nur wenig Zeit zu Worten, auch fürSarah, um die dankbare Freude auszudrücken, welcheihr Herz erfüllte. Sie rettete ihren Vater von Schandeund Schuld, sie gab ihn seinem Vaterlande zurück.

Lege diese Kleidung einer syrischen Sklavin an,"sagte Pollux.Nimm jenen leeren Wasserkrug, es mußden Anschein haben, als ob Du ihn am Brunnenfüllen wolltest. Wir können nicht zusammenbleiben, daswürde Verdacht erregen. Wir werden an Wachen vor-beikommen und möglicherweise auch an anderen Menschen,obgleich zu dieser frühen Stunde selbst die Sklaven nochkaum ihre Morgenarbeiten begonnen haben werden."

Wie werde ich meinen Weg finden, Vater?"fragte Sarah,dieser weite Palast ist ein Labyrinthfür mich."

Du darfst mich niemals ganz aus den Augenverlieren," antwortete Pollux,Du mußt mir in ge?nügender Entfernung folgen, doch darf niemand merken,daß Deine Bewegung durch die meinigen geleitet werden.Aber dieser Plan ist nicht durchzuführen," fuhr erfort, indem er die Hand an die Stirn preßte.Ichwürde Dich ja nicht im Auge haben, und solltest Duangerufen werden, würde ich nicht im Stande sein, Dirzu Hilfe zu eilen. Du, mein Kind, mußt zuerst gehen."

O, mein Vater, meine Gegenwart vergrößertDeine Gefahr!" rief Sarah.Laß mich hier, ichflehe Dich an, fliehe allein, niemand wird Dich an-rufen!"

Pollux beschwichtigte diese Bedenken seiner Tochterdurch eine ungeduldige Handbewegung.Folge meinenAnordnungen," sagte er,wir haben schon zu viel Zeitvergeudet. Du folgst mir durch den ersten Hof, danngehst Du mir voran. Halte Dich zur Rechten, bis Duan der ersten Schildwache vorbei kommst. Dann wirstDu Dich in einem Garten befinden, in dessen Mitte einBrunnen ist. Fülle Deinen Krug oder thue, als obDu ihn füllen wolltest, dann wird der lange, dunkleGang, welchen Du zur Linken siehst, zu einem Gitter-pförtchen des Palastes führen; dort wird nochmals eineSchildwache stehen."

Wie soll ich an dieser vorüberkommen?" fragteSarah, welche die Schwierigkeiten und Gefahren desUnternehmens begriff.

Ich weiß es nicht, aber der Gott, dem Du dienst,wird Dir helfen, mein braves, unschuldiges Kind. Ichwerde Dir in nicht zu großer Entfernung folgen, jederKrieger oder Sklave kennt mich rufe mich, und icheile Dir zu Hilfe."

Vater, gib mir Deinen Segen," stammelteSarah.

Meinen Segen?" rief Pollux zurückfahrend.Bittetirgend jemand einen Schurken um seinen Segen, vondessen Lippen er wie ein Fluch klingen würde?"

O sage das nicht," rief Sarah.Du thust jetzt,was großmüthig, edel und gerecht ist. Du ziehst jetztgleiches Loos mit dem Volke Gottes, wie Lot wendestDu Sodom den Rücken."

Und Du bist der Engel, der mich fortführet!"rief Pollux.O heiliges, heiliges Kind einer heiligenMutter, Du bist die Erste gewesen, die einen Strahlvon Hoffnung in die Finsterniß der Schuld und Ver-zweiflung geworfen hat. Wenn ich jemals wieder beiGott Gnade finde, wenn ich jemals wieder in dasAngesicht meiner Mutter blicken darf, wenn ich jemalsdem Schicksal des Abtrünnigen entrinne, so schulde iches Dir; welches auch das Ende unseres gefährlichenVorhabens heute Nacht sein werde, erinnere Dich, daßich Dir danke, Dich segne und Du sollst gesegnetsein, meine Tochter!"

Pollux legte seine beiden zitternden Hände auf dasHaupt seines knieenden Kindes und stammelte das ersteGebet zum wahren Gott, welches zu beten der Ab-trünnige seit vielen Jahren nicht gewagt hatte.

2 5. Kapitel.

Ein Rückblick.

Hadassah hatte während dieser Zeit rechte Herzens-marter ausgestanden.

Als Sarah unter dem Schutze Abischai's ihreHeimath verließ, um der Feier des heiligen Festes bei-zuwohnen, sandte Hadassah, da der schwache, krankeKörper zurückbleiben mußte, ihre Seele mit. Im Geistewohnte sie dem Feste bei, in Gedanken nahm sie amOpfer theil und stimmte in die Lobgesänge ein. IhrGeist wanderte in die alten Zeiten ihrer Väter zurück,wo die Kinder Israels mit gegürteten Lenden, den Stabin der Hand, ihr erstes Passahmahl vor dem Auszugeaus Aegypten gehalten hatten.

Ist dies nicht noch das verheißene Land?" dachteHadassah,obgleich diejenigen, die es jetzt inne haben,wie die Kananiter der alten Zeiten sind, obgleich aufdem Berge Zion unheiliger Gottesdienst gehalten wirdund auf den Mauern von Jerusalem Götzenbilder auf-gestellt sind? Ja, es bleibt das verheißene Land, bisjede Weissagung erfüllt ist, bis der Königniedrig undauf einem Esel reitend" einzieht, bis o dunklesWort die dreißig Silberlinge dargewogen werdenfür den Herrn und dem Töpfer hingeworfen, bis erFrieden lehren wird unter den Heiden und seine Herr-schaft sein wird von einem Meer bis an's andere undvom Wasser bis an der Welt Ende. Der Glaube siehtmit Dankbarkeit auf die erfüllten Verheißungen zurückund auf die noch unerfüllten mit Hoffnung. Dieherrlichsten Tage werden noch für Zion kommen. Der