Ausgabe 
(28.4.1896) 35
Seite
261
 
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Augsburger Pojtzeitung".

M 35.

Vinslag, den 28. April

1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Verlag des iüterarischen Instituts von HaaS L Grabdcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttlcr).

IV" Durch ein bedauerliches Uebersehen trägtdas am vergangenen Freitag erschienene Unterhaltungs-blatt die Nr. 33, während es richtig Nr. 34 tragensollte, was wir unsere verehrt. Leser zu beachten bitten.

Judas Makkaöäus.

Historischer Roman von A. L. O. E.

Frei nach dem Englischen von D. Colonius.

(Fortsetzung.)

24. Kapitel.

Die Entscheidung.

Das- Gemüth des elenden Pollux glich, rückwärtsund vorwärts auf dem wilden Meere der Zweifel ge-trieben, einem Schiff ohne Ballast, Kompaß oder Ruder.

Der Höfling schritt auf einer Veranda auf undnieder, auf welcher ein kühler Wind ihn fächelte undwo er vor Störung sicher war. Ohne es zu wissen,gab er durch äußere Gebärden der inneren Qual, dieer empfand, Ausdruck.

Sollte er es aufgeben, alles das, wofür er seineSeele hingegeben? Rang, Stand, Reichthum? Das Lebenwieder anfangen auf der niedrigsten Stufe der Leitermit dem Brandmal der Schande? Konnte er ertragen,vor Makkabäus zu erscheinen, um von ihm das Amteines Holzhauers oder Wasserträgers zu erbitten? Sollteer Stolz, Macht, Pomp und Reichthum für Arbeit,Mangel, Armuth und Gefahr eintauschen? Pollux fühlte,daß sein Stolz solche Erniedrigung nicht ertragen würde.Der Sprung, den er nehmen mußte, war von einersolchen Höhe und in einen so tiefen Abgrund, daß esihm war, als müsse er bei dem Fall in Stücke brechen.Aber welche Wahl blieb ihm, wenn er den gefürchtetenSprung nicht that? Wenn Sarah festhielt an demGlauben, mußte sie sterben. Konnte der Vater es er-tragen, Zeuge bei dem Martyrerthum - seines schönenKindes zu sein? Und war nicht sein eigenes Leben inGefahr? War nicht schleunige Flucht vom Hofe dereinzige Weg der Sicherheit für Vater und Tochter?War sie nicht das einzige Mittel, einen Abtrünnigen vorder Verwünschung seiner Landsleuie, dem Fluch seinerMutter und dem Zorn des Höchsten zu retten? D».^Gewissen wollte sich nicht länger beschwichtigen lassetSarah hatte den Schläfer erweckt. Pollux war sich nebendem Glauben und der Reinheit seines Kindes wie einDämon vorgekommen. Und Sarah hatte nicht nur das

Gewissen, sondern auch die Hoffnung erweckt. Sarahhatte von der Möglichkeit gesprochen, daß er Hadassahnoch Freude bereiten könne, der Hochherzigen, die ertrotz seines sündhaften Lebens nicht aufgehört hatte, zuverehren und zu lieben. Jahre lang hatte Pollux ver-sucht, alle Erinnerung an seine Mutter aus dem Ge-dächtniß zu vertilgen; jetzt stand ihr Bildniß lebhaft vorihm, aber nicht voll Zorn, sondern mit ausgebreitetenArmen, um ihren verlorenen Sohn zurückzuempfangen.

Während Pollux überlegte und Sarah betete, saßenLystmachus und seine Gefährten in der Stadt zechendbeim fröhlichen Gelage. Der Sturz und der bevor-stehende Tod seines Nebenbuhlers gaben den rauschendenLustbarkeiten des verschwenderischen Syrers einen un-gewohnten Beigeschmack.

Ein Glas auf die Gesundheit unseres herrlichenFreundes Pollux!" rief Lystmachus, indem er einenungeheuer großen Becher Wein erhob.Er tritt morgeneine lange Reise an; dies Glas auf eine schnelle Ueber-fahrt über den Styx und fröhliches Willkommen amSchattenhofe des Königs Pluto!"

Und die Zuhörer schämten sich nicht, über diesenScherz zu lachen, obgleich sie sehr vertrauten Umgangmit Pollux gepflogen, ihm geschmeichelt und ihn um-schwärmt hatten, als er sich noch in königlicher Gunstsonnte. Einer der Gäste berechnete, wie er in denBesitz einiger Edelsteine kommen sollte, die er in demGürtel des Pollux hatte funkeln sehen, dem er einst un-veränderliche Freundschaft geschworen hatte. Ein Andererbestimmte das arabische Roß des gestürzten Höflings zuseinem Antheil am Raube. Es war nicht Einer unterdiesen Schmeichlern, die in jenem nächtlichen Gelage zu-sammenkamen, der ein Wort der Warnung oder einenGedanken des Mitleides für ihn, der von allen Edlenam prächtigen Hofe des Antiochus am meisten be-wundert, umschmeichelt und beneidet gewesen war, ge-habt hätte.

Die Sterne erblaßten, die Nacht schwand dahin,die Thür der Sicherheit schloß sich leise, unmerkiichbald, bald war es zu einer Entscheidung für Polluxzu spät. Liegt erst einmal der Weg der Pflicht klarvor unsern Augen, so bringt jede Minute der Ver-zögerung Gefahr; während wir zaudern, schleicht derFeind heran. Während wir zweifeln, können wir unssch m unter seinen Klauen befinden.

Sarah soll für mich entscheiden!" rief der un-