Ausgabe 
(26.5.1896) 44
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in das vernünftige Alter tritt. Uebcrall verkündet manuns, daß das Fahrrad nicht mehr in erster Linie demSport, sondern vielmehr dem Geschäfts- und Erholungs-verkehr diene. Leider merkt man bei einem sehr großenTheil der Fahrer, ja man kann sagen bet der Mehrzahlder Zweirädler, von dieser erfreulichen Wandlung nochgar nichts. Diese Leute machen sich meistens nach wievor den Hauptspaß daraus, in der größtmöglichstenSchnelligkeit durch die Straßen zu sausen, namentlichüber das ebene Asphaltpflaster. Diese übertriebeneSchnelligkeit ist die Wurzel vieler Uebel und hat in denseltensten Fällen eineinnere Berechtigung.

Der Radfahrer sagt,das Zwetrad habe ge-rade in der schnellenBewegung, die es er-mögliche, eine wesent-liche Eigenschaft. Ge-wiß, der Mann sollschneller fahren, alsein Fußgänger geht,oder eine Droschkeschleicht. Aber wennder Radier ohne be-sonderen Grund seineBeine in die größt-möglicheTretschnellig-keit setzt, so handelt ergerade so unvernünf-tig, wie ein Spazier-gänger, der ohne An-laß in einem fort Trabläuft, oder wie einFuhrmann, der un-nöthigcrweise diePferde Galopp laufenläßt. Gehen und Fah-ren sind so alte Be-schäftigungen derMenschen, daß sie nurin Ausnahmefällennochsportmäßig" be-trieben und übertrie-ben werden. Der kleineJunge, der noch inden Anfangsschuhender Beinbenutzungsteckt, findet freilichwohl noch ein Glückdarin, im Galopp überdie Straße zu ren-nen; dem ausgewachsenen Menschen aber fällt es ganzgewiß nicht mehr im Traume ein, sich selbst oder seinenMitmenschen dadurch imponiren zu wollen, daß man auf-fallend schnell geht. Wenn die Nadlerei erst älter wirdund der Radfahrer ebensowenig Aufmerksamkeit findet,wie jetzt ein Fußgänger, so wird auch Niemand der bloßenEitelkeit halber ein schnelleres Tempo einschlagen, als sichbei einer angenehmen, nicht ermüdenden Muskelarbeit er-gibt. Das Rennen wird dann in die Rennbahn verwiesenund auf den gewöhnlichen Wegen einfach gefahren werden.

Der aufgeblasene Gummireifen ist für die Fahrereine werthvolle Errungenschaft; für die Fußgänger ist er

unangenehm und gefährlich. Alle sonstigen Fuhrwerke aufdem Straßendamm kündigen sich durch ihr eigenes Ge-räusch an; auch die Equipagen mit Gummirädern aufdem Asphaltpflaster, weil die aufstampfenden Pferdehufeweithin hörbar sind. Der Radfahrer aber ist, um einBerliner Wort zu gebrauchen, der wahreDeibel aufSocken". Man hört kein natürliches Geräusch von seinemFuhrwerk; die Klingel, welche er willkürlich ertönen oderauch nicht ertönen läßt, ist das einzigeLebenszeichen",das er den betheiligten Fußgängern gibt, und diese Klingelist auch so'zierltch gearbeitet, daß sie ihren Warnungszweck

nur unvollkommen er-füllt. In den Straßen,wo viel Radfahrer ver-kehren, ist also dasUeberschreiten desStraßendammeS im-mer mit einem gewis-sen Risiko verbunden.Ich kenne Leute, dieinFolge langerUebungsich mit der größtenGemüthsruhe durchein Gewirr von be-wegten Droschken,Omnibussen und so-garPferdebahnen hin-durchschlängeln, aberüber die heimtückischdahersausenden Zwei-räder nervös undunhöflich werden kön-nen. In der Thatwirkt es, namentlicham Abend, recht un-angenehm auf dieNerven, wenn daplötzlich ein Ding vonunsicheren Umrissenhart an seinem vor-betsaust,d> unerwartetaus dem Dunkel auf-getaucht und spurloswieder in's Dunkelverschwindend. Ichmöchte wünschen, daßdie Zweiräder auf denStraßen einen wirk-samen Lärmapparathätten, der unauf-hörlich im Betriebeist, und zwar imGleichmaß mit der Schnelligkeit des Fahrens. Fernermüssen die Zweiräder aber noch eine bessere, mehr nachden Seiten strahlende Beleuchtung haben. Von den wohl-erzogenen Radfahrern wäre außer der Mäßigung derSchnelligkeit noch zu fordern, daß sie nicht zu scharf amBürgersteig vorbeifahren und an den Straßenübergängenganz besonders vorsichtig und rücksichtsvoll sind. Es istein Irrthum, wenn die Radfahrer glauben, daß der Dammnur den Fuhrwerken gehöre, und die Fußgänger also dasAusweichen zu besorgen hätten. Die Fußgänger müssenüber den Damm gehen, um an die andere Seite derStraße zu kommen; so lange wir nicht Uebergänge unter

Eine Strafpredigt. Von F Hiddemann.

Photographie im Beilage der Photographischcn Union in München .

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