Ausgabe 
(2.6.1896) 46
Seite
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wie ich es bin, und obgleich meine Stellung und meinGehalt für mich als Junggesellen genügend ist, so würdees doch für einen eigenen Hausstand nicht hinreichend sein."

Lo wurde dann die verschuldete Besitzung veräußert;der Graf zog mit seiner Gattin in ein bescheidenesHäuschen zurück, und Leo nahm seine Thätigkeit alsInspektor wieder auf.

Es muß ein schwerer Entschluß für Dich gewesensein, Leo," bemerkte Willy Berghaupt bei der Rückkehrdes Vetters,aber nach einigen Monaten bist Du Deineigener Herr und kaufst die Güter und das Schloß zurück."

Lass' uns einen Pact machen, Willy," bat derAngeredete,wir wollen nicht wehr von Frau Marlitz'Erbe sprechen. Ich habe ein Gefühl, als käme nochUnheil daraus; in wenigen Monaten ist das Ende ent-schieden, und bis dahin will ich mich nicht falschen Hoff-nungen hingeben."

Eine brennende Nöthe färbte die Wangen desjungen Arztes.

Ich frage für mich wenig nach Geld und Reich-thum," gestand er leise,aber ich möchte gern einen ganzkleinen Theil haben, genug, um eine bequeme Häuslich-keit einzurichten."

Ich ahne den Grund," scherzte Leo,Du bist heim-lich verlobt und willst Deiner Zukünftigen ein traulichesHeim bieten."

Willy nickte.Mein Vater heirathete mit einemsehr geringen Einkommen," sagte er,und ich habe vonKindheit an zu viel von häuslicher Sorge erfahren, umeinst meiner Gattin ein solches Loos bereiten zu wollen.Es wird Jahre dauern, bis ich genügende Praxis habe,um an die Gründung eines eigenen Hausstandes denkenzu können, daher sind meine Aussichten ziemlich hoff-nungslos."

»Bist Du denn schon verlobt?" fragte Leo gespannt,denn er fühlte ein lebhaftes Interesse für die romantischeLiebe des Jünglings.

O nein! ich denke nicht daran, sie an mich zufesseln, ehe ich ihr eine sorgenfreie Existenz bieten kann."

Lebt sie hier in der Nähe?"

In Ebersheim, im Hause meiner Eltern. Sie istdie Erzieherin meiner jüngeren Schwester, Du kannst sieselbst heute Abend sehen, wenn Du die Einladung zumAbendessen annimmst, die ich Dir im Namen meinerMutter bringen soll."

Leo nahm gern die Einladung an. Obgleich ganzin der Nähe wohnend, hatte er die Familie Berghauptnoch nicht kennen gelernt, aber sein Interesse für Willy'sGeliebte erkaltete plötzlich. Eine Gouvernante! Hm, siefühlte sich vielleicht nicht glücklich und zufrieden in ihremBerufe, und der junge Arzt war so herzensgut, vielleichtwar es nur Mitleid, nicht Liebe, die sich in seinem Herzenregte, und er verstand seine eigenen Gefühle noch nicht.

Bah," grübelte er weiter, als er allein war,wiethöricht sind doch oft die Männer. Vielleicht ist dieDame alt und häßlich und hat es verstanden, den gutenWilly in ihr Netz zu fangen. Wie schade, er ist ahnungs-los in diese Falle gegangen.

Leo hatte den ersten Besuch in der Lehrerfamiliewohl ein wenig gefürchtet, zu seiner Erleichterung aberwaren die drei Kleinen nicht anwesend. Sie aßen ihrAbendbrod im Schulzimmer und mußten dann zuBette gehen.

Frau Berghaupt und der Lehrer empfingen ihrenGast auf's Herzlichste; die Mutter stellte ihre drei Töchter

vor; die beiden ältesten, mit eckigen, scharf markirtenZügen konnten nicht einmal den Anspruch aufhübsch"machen, die vierzehnjährige Lilli war ein hochaufgewachsenes,blasses Mädchen, dabei so scheu und furchtsam, daß sieauf die freundliche Anrede des Gastes kaum ein Worterwidern konnte. (Fortsetzung folgt.)

-i I -

Der Bauernfänger.

Eine Berliner Geschichte.

Der Polizei-Präsident von Berlin trat gegen 10Uhr Morgens in sein Bureau. Es war an einem kaltenDezcmbertage, aber in dem Bureau herrschte eine an-genehme Temperatur, der man es sofort anmerkte, daßhier auf Kosten des Staates geheizt wurde. Der Polizei-Präsident gab seinen Pelz einem ihn begleitenden uni-formsten Beamten, steckte sein Monocle wieder ins Augeund warf einen Blick auf seinen Schreibtisch, auf welchemdie Briefe lagen, welche die erste Post gebracht hatteund die nun erledigt sein wollten. Es waren viele solcherBriefe eingetroffen, was dem Beschauer nicht angenehmzu sein schien. Der Polizei-Präsident war ein Lebe-mann trotz seiner Jahre, die das erste Grau in seinemwohlgepstegten Bart oberflächlich andeutete. Er wargroß und etwas corpulent, als Freund einer gängereichenTafel hatte er seine einst so schlanke Taille gänzlichmitverzehrt, und er machte daher den Eindruck einer ge-wissen Abrundung, der man es ansah, daß er mehr Lu-cull als Don Juan war. Trotzdem war er ein vortreff-licher Beamter, ja, das Modell eines guten Beamten.Er war pflichttreu, fleißig, gewissenhaft und hatte ausder Militärzeit einen schneidigen Ton in sein Amt mit-gebracht, welcher dem Ohre des Civilisten mit Recht sounmelodisch klingt, aber in dem Untergebenen keinenWiderspruch aufkommen läßt. Er sprach nicht viel, aberdas Wenige kurz und bestimmt, wie es sich von einemManne erwarten läßt, der an der Spitze eines so wichtigenVerwaltungszweiges steht. Der Selbstherrscher allerSchutzmänner von Berlin muß ein bischen Czar sein.

Er rieb die Hände, zündete eine Cigarre an, seufzteund setzte sich an den Schreibtisch vor die angelangtenBriefschaften. Zuerst öffnete er die Schreiben, welcheer mit kundigem Blicke als die von Behörden erkannte.Eines der ersten, in einem mit thalergroßem Siegel ver-schlossenen Umschlag, veranlaßte ihn, die elektrische Klingelin Bewegung zu setzen.

Der Beamte, den wir schon gesehen haben und derdas Amt eines Polizei-Kammerdieners bekleidete, tratgeräuschlos ein.

Stuppke," sagte der Polizei-Präsident zu ihm,während er den eben gelesenen Brief noch in der Handhielt,da wird vom Magistrat in Schwiesen der Bürger-meister bei uns angemeldet. Soll hier Bauernfang stu-diren, weil in letzter Zeit etliche Bauernfänger in Schwiesenaufgetaucht. Wenn der Mann kommt, gleich reinführen,er heißt der Polizei-Präsident blickte in den Brief Krämer, werde ihm den Eriminalschutzmann Schallowbeigeben, der ja Bescheid weiß."

Na ob," wagte Stuppke zu sagen.

Der Polizei-Präsident sah ihn wegen dieser Be-merkung fast erschrocken an, dann, in einer Anwandlungvon unbeschreiblicher Güte, wie einen großen Verbrecherbegnadigend, sagte er mit einer leichten Bewegung desKopfes:'s ist gut. Schallow soll kommen."