Ausgabe 
(2.6.1896) 46
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mehr jung. Wenn aber ein Mann mit 64 Jahren fürneun Kinder zu sorgen hat, so muß er auch an dieZukunft denken und unnütze Ausgaben so viel wie mög-lich vermeiden."

Neun Kinder!? ist es denn möglich, daß ich neunGeschwister habe?" rief Martha überrascht.

Du brauchst Dich gar nicht darüber zu freuen,Martha, denn Du wirst sie doch niemals sehen. Ja,Du hast neun Stiefgeschwister, der älteste Knabe istzwölf Jahre alt. Mein Bruder ist wohl ein reicherMann, aber er muß angestrengt arbeiten, um die Zukunftseiner Kinder zu sichern. Wenn er plötzlich stirbt, sokann seine Familie doch in Noth gerathen."

Wenn Sie mir helfen, will ich gerne arbeiten,Mademoiselle; dann kann das Pensionsgeld für mich ge-spart werden. Am liebsten ging ich auf's Land undunterrichtete dort Kinder."

Nun, das trifft sich gut, und ich kann Dir helfen.Erinnerst Du Dich der kleinen, blassen Berghaupt?"

Gewiß." Martha erinnerte sich genau, ein schmales,blasses Mädchen von kaum sechzehn Jahren vor einigenMonaten im Hause gesehen zu haben. Sie sollte denjüngeren Kindern Handarbeitsunterricht ertheilen, aberihre Fähigkeiten waren allzu gering, so daß MademoiselleLa Rochette sie schon nach wenigen Tagen entlassen mußte.

Nun, Herr Berghaupt ist ein entfernter Verwandtervon mir. Es that mir leid, daß ich seine Tochter nichtbehalten konnte, aber sie leistete nichts. Jetzt schreibt ermir, daß seine Töchter geerbt haben. Jenny und ihrejüngere Schwester kommen nach den Ferien in meinePension; für seine drei jüngeren Mädchen wünschte ereine Erzieherin. Ebersheim ist ein kleines reizendesDorf, mit der Bahn fährst Du in drei Stunden hin,und ich glaube, es wird Dir dort gefallen."

Würden sie mich als Erzieherin nehmen?"

Sie nehmen jede Dame, die ich ihnen sende, undbaten um ein heiteres, junges Mädchen. Der ältesteSohn ist Arzt, der zweite ist aus dem Hause, er wirdKaufmann, und der Vater unterrichtet jetzt noch denJüngsten. Deine älteste Schülerin wird vierzehn, diejüngste acht Jahre sein. Ich zweifle nicht daran, daßDu gut mit ihnen fertig wirst; denn die Kinder sindwohl erzogen, nur in ihren Kenntnissen zurück."

Mademoiselle La Rochette freute sich, Martha zurAnnahme dieser Stellung so bereit zu finden, denn amnächsten Tage bekam sie von ihrem Bruder eine ganzunerwartete Nachricht. Seine Gattin war bei derGeburt des zehnten Kindes gestorben, und er freute sich,daß seine Stieftochter jetzt selbständig sei, da er nichtlänger für sie sorgen könne und wolle.

Ich habe jetzt zehn Kinder," schrieb er,und ichziehe meine Hand von Martha ab. Meine liebe Gattinsprach von ihr noch bis zum letzten Augenblick, und ichmußte ihr versprechen, einen Brief und einige Schrift-stücke des Vaters ihrer erstgeborenen Tochter zukommenzu lassen. Martha sollte diese Papiere aber nicht vorihrem vollendeten 21. Lebensjahre erhalten, oder an ihremHochzeitstage, falls sie sich vorher verheirathet. Sieweiß wenig oder nichts von ihrem Vater, und die Mutterwünschte, ihr von ihm zu sagen. Ich übergebe Dirdiese Schriftstücke mit der Bitte, den Wunsch meinerGattin zu erfüllen. Sage Martha, daß sie selbst ihrBrod verdienen muß, da ich aufhöre, ferner für sie zusorgen."

Das ist überflüssig," grübelte Mademoiselle,ichwill noch heute an Berghaupt's schreiben, und es genügtMartha zu wissen, daß ihre Mutter todt ist. Das armeKind! erst seit gestern fange ich an, sie zu lieben.

IV.

Sechs Monate waren bereits seit dem Tode derreichen Frau Marlitz verflossen und die Verwandtenhatten noch nichts von dem Kommerzienrath Ambach odervon der geheimntßvollen Testamentsvollstreckung gehört.Der alte Herr hatte oft Gelegenheit, Leo von Wildenthalin seinem neuen Berufe als Inspektor zu sehen und zubeobachten, denn das große Rittergut in der Nähe vonEbersheim gehörte seinem Freunde, den er jetzt häufigerbesuchte, denn je. Hier traf er auch häufig den jungenAzrt Berghaupt, aber wehmüthig schüttelte der alte Herrsein Haupt, wenn er die hagere, schlanke Gestalt mit dentiefliegenden, hohlen Augen betrachtete, auf dessen bleichenWangen verrätherisch rothe Flecken brannten, die nurmit dem NamenKirchhofsrosen" bezeichnet werden konnten.Waren denn seine Umgebung, seine Eltern und Freundeganz blind, daß sie diesem hinfälligen jungen Manndiese angestrengte Thätigkeit gestatteten? Den jungenRieding hätte der alte Herr gern soviel als möglich ver-mieden, doch erhielt er häufig seine Besuche, die leidernie einen ungünstigen Eindruck verfehlten.

Plötzlich wurde Leo ganz unerwartet zu seinen Elternzurückgerufen. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel wardie Katastrophe über den Grafen hereingebrochen, dieGeduld der Gläubiger war erschöpft und das alte Stamm-schloß, die Güter und alle bewegliche und unbeweglicheHabe kam unter den Hammer des Auktionators.

Der Graf war verzweifelt, doch Leo suchte ihn nachKräften zu trösten.

Bedenke," sagte er in seiner einfachen, überzeugendenWeise,Du hast seither den Kampf mit dem Leben kaumertragen können, und so lange ich denken kann, hat Dichdie Schuldenlast fast erdrückt. Ich bin jung und stark,verdiene genug, um für Vater und Mutter zu sorgen,also lass' den Gedanken an Erhaltung des Schlossesfahren und verlasse ein Heim, das Dir nur eine drückendeLast gewesen ist."

Wir haben noch ein kleines Kapital, das meineFrau kürzlich geerbt hat," wandte der Graf getröstetein,dann miethen wir uns ein kleines Haus, und ichwerde mich so reich und glücklich fühlen, wie noch nie inmeinem Leben."

Die Gräfin Margot wollte sich nicht trösten lassen.

Für uns ist es zwar besser," schluchzte sie unterThränen,aber wir haben Deine Zukunft vernichtet,Leo, doch vielleicht erbst Du das Vermögen Deiner Tanteund kannst später das Gut zurückerstehen."

Rechne nicht darauf," erwiderte Leo kopfschüttelnd.Nach meiner Meinung wird Willy Berghaupt der Erbe.Er ist ein guter Mensch, ich lernte ihn jetzt erst kennen,und dabei schwach, elend und das älteste von zehnGeschwistern."

Doch die Gräfin wollte ihrem Liebling die Hoffnungnicht rauben.Du wirst der Erbe," behauptete sie kühn.erlangst dann das alte Schloß wieder oder Dumußt eine reiche Erbin heirathen."

Ich heirathe niemals, Mutter!"

Leo!"

Es ist mein fester Entschlnß," beharrte er,ichbin zu stolz, um eine Gattin zu wählen, die reicher ist,