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Mutter hatte viel, viel geweint, hatte ihr Kind geherztund geküßt, es ermähnt, stets gut und brav zu sein,damit sie später in den Himmel komme zu dem liebenPapa, dem sie auch dorthin folgen wolle. Dann hattesie der kleinen Martha das Sonntagskletdchen angezogenund gesagt, sie solle getrost mit dem Manne gehen, ihmgehorchen und alles thun, was er von ihr verlange.
Martha folgte gehorsam. Er führte die Kleine aufein großes Schiff, und lange Zeit sah sie nichts alsHimmel und Wasser. Dann hatte Monsieur La Röchelteihr gesagt, sie würde die Mutter nie wiedersehen und erbrachte das Kind seiner Schwester.
So wett gingen Martha's Erinnerungen. Made-moiselle hatte dann später gesagt, daß ihr Bruder dieMutter geheirathet habe, daß sie sehr fleißig sein müsse,damit das Geld für die Pension nicht unnütz gezahltwürde. Er sei ein sehr reicher Kaufmann und habe nurdie eine Bedingung gestellt, daß das Kind entfernt bleibe.— Weiter wußte Martha nichts; sie wußte nicht einmal,in welcher Stadt ihre Mutter lebte, oder ob sie in denvierzehn Jahren der Trennung Geschwister bekommenhatte.
Wie drückend mußte die Noth der Mutter gewesensein, daß sie sich entschließen konnte, ihr einziges Kindaufzugeben, und sie haßte den Mann, der dieses Opferverlangt hattet Gern hätte sie Armuth und Entbehrunggetheilt, nur nicht die Liebe verloren. Es war jetzt ihrgrößter Wunsch, Geld zu verdienen, um dem Mannejeden Heller zurückzuzahlen, den er für sie gegeben hatte.
Jetzt verstand sie auch Mademoiselles Abneigunggegen sie. Die streng religiöse Dame liebte ihren Brudervon ganzem Herzen, es war ihr Wunsch, ihm nach New-Jork zu folgen, um dort seinen Hausstand zu leiten.Nach ihrer Meinung führten alle Schauspieler ein leicht-sinniges, lasterhaftes Leben, das direkt zur Hölle führenmußte. Daß nun ihr Bruder heirathete und somitihren Plan vereitelte war schlimm, daß er aber eineSchauspielerin erkor, war viel schlimmer.
Mit sehr gemischten Gefühlen empfing sie regelmäßigjedes Quartal den Wechsel. Es war ja schön, daß siedas Pensionsgeld so regelmäßig bekam, daß der Bruderes aber für ein Kind zahlte, das keine Rechte an ihmhatte, kränkte sie. Gewissenhaft verwandte sie auch jedevon ihm bestimmte Summe für Martha's Garderobe,und obgleich sie die einfachsten, schlichtesten Farben wählte,ließen die Stoffe an Feinheit und Güte nichts zu wünschenübrig.
Die Ferien hatten begonnen. Mademoiselle wolltein ein Seebad; Martha Adair sollte wie gewöhnlich mitder Hausverwalterin allein bleiben. Doch ehe die Vor-steherin ihr Jugendheim verließ, wollte das verlasseneMädchen sich eine Unterredung erbitten. Die Frage warnur — wann war der geeignete Augenblick dazu?
Sie fühlte sich so einsam, schütz- und freundlos inder Welt, und jetzt, da sie das Examen so glänzend be-standen hatte, sehnte sie sich hinaus in die Welt, dennsie schauderte bei dem Gedanken, als junge Lehrerin indiesem Hause wirken zu müssen.
Gleichsam als hätte Mademoiselle ihre Gedankenerrathen, öffnete sich in diesem Augenblick die Thür unddie Gefürchtete trat ein.
„Warum übst Du nicht Klavier?" fragte sie strengund vorwurfsvoll.
„Es sind ja Ferien," lautete die gereizte Antwort.
Doch im bescheidenen Tone fuhr das junge Mävchcnfort: „Wenn Sie Zeit für mich haben, Mademoiselle,so möchte ich um einige Augenblicke bitten, ich habeIhnen so Vieles zu sagen."
Verwundert setzte sich die Vorsteherin nieder; sieahnte nicht die Gefühle ihres Zöglings.
„Wenn Du bedauerst, daß ich die Einladung Ma-thilde Grün's für Dich ausgeschlagen habe," sagte siescharf, „so ist jedes Wort nutzlos. So lange Du untermeiner Obhut weilst, bin ich fest entschlossen, Dir keineAusflüge in den Ferien zu gestatten."
„Das meine ich nicht," entgegnete Martha höflich,„ich möchte nur wissen, wie lange ich noch hier bleibensoll?" —
Die alte Dame blickte erstaunt auf. „Willst Dugern fort, bist Du hier nicht zufrieden?" fragte sie herbe.
„Ich bin neunzehn Jahre alt, habe das Examengemacht, und kein junges Mädchen bleibt nach demselbenhier," versetzte sie ausweichend.
„Das ist ein Unterschied. Jede Andere hat eineHeimath, wohin sie gehen kann," kam es streng vonMademoiselles Lippen.
„Und ich?I" Martha's Wangen wurden aschfahl,„habe ich denn keine Heimath? Soll ich denn niemalsmeine Mutter wiedersehen?"
„Kannst Du Dich denn etwa Deiner Mutter er-innern? Du warst kaum fünf Jahr, als Du von ihrfortkamst; es ist nur Einbildung zu sagen, daß Du Dichnach ihr sehnst."
„Ich liebe sie von ganzem Herzen," rief Marthaleidenschaftlich. „Ich bin jetzt alt genug, um zu ver-stehen, warum sie mich fortsandte und warum ich in derganzen Zeit keine Zeile von ihr erhalten habe."
„Sie heirathete meinen Bruder unter der Bedindung,Dich aufzugeben. Er ist ein reicher Mann, aber ersagte Deiner Mutter vor der Hochzeit, Du solltest seinHeim nie theilen."
„Niel? soll ich denn nie meine Mutter wiedersehen?Das ist grausam, schändlich — er muß ein schlechterMensch sein!"
„Er ist sehr wohlthätig. Bedenke, er hat in denvierzehn Jahren Tausende für Dich bezahlt."
Martha's Augen glühten vor Entrüstung.
„Ich will alles zurückbezahlen," rief sie heftig,„selbst wenn ich die besten Jahre meines Lebens opfernsollte. Jeden Heller soll er von mir zurück erhalten."
„Wie soll das geschehen? Willst Du das großeLoos gewinnen oder eine Goldmine entdecken?" fragteMademoiselle spöttisch.
„Ich will arbeiten. Ich bin stark und gesund,habe eine gute Erziehung genossen, und wenn ich auchfür den Anfang nicht viel verdiene, so hoffe ich mit derZeit, wenn ich älter bin, auf Besserung."
Das Antlitz der Dame erhellte sich sichtlich.
„Das ist ein guter Gedanke von Dir, Martha,"sagte sie viel freundlicher. „Es ist zwar lächerlich, aneine Rückzahlung zu denken, das erwartet wein Bruderauch nicht, und der Gedanke an eine Schuldenlast würdeDir in Deinem neuen Berufe nur erdrückend sein. WennDu aber ernstlich vorhast, Dir Deinen Lebensunterhaltzu erwerben, so will ich Dir gern behülflich sein."
„Am liebsten finge ich gleich morgen an," gabMartha eifrig zu.
„Es hat keine Eile. Aber mein Bruder ist nicht