Ausgabe 
(2.6.1896) 46
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1896 .

Augsburger PostMung".

Dinstag, den 2. Juni

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .

Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas Sc Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Mar Huttler).

Kchicksalsrvege.

Erzählung von Clarisse Borges.

(Fortsetzung.)

Mademoiselle leitete seit ungefähr zwanzig Jahrendas PensionatJugendheim". Es war ihr Stolz undihre Freude, die ihrer Obhut anvertrauten Zöglinge strengreligiös zu erziehen und sie zu nützlichen Gliedern dermenschlichen Gesellschaft heranzubilden. Es waren nichtnie Reichsten und Vornehmsten, die in Jugendheim Auf-nahme fanden, nein, der gut situtrte Mittelstand, Töchterder Kaufleute und Beamten, die sich zur Lehrerin, Ge-sellschafterin, oder sonst einem Berufe ausbildeten, warenhier größtentheils vertreten. Gegen alle ihre Schülerinnenwar sie streng gerecht und es war zu verwundern, daßMartha Adair trotz aller Bemühungen die Liebe undZuneigung der Vorsteherin nicht erringen konnte.

Sie war nicht hart oder ungerecht gegen die armeKleine, die schon als fünfjähriges Kind ihrer Pflege an-vertraut wurde, nein, sie sorgte gewissenhaft für daskörperliche und geistige Wohl des Kindes, gab ihr jedenPreis, den sich die Kleine durch Fleiß und Ausdauerbei ihren Studien erwarb, und doch entbehrte die kleineMartha Eines Liebe und ohne dieselbe drohtedie herrliche Menschenblüthe fast im Keime zu ersticken.Sie war der Liebling sämmtlicher Lehrer, die Schul-freundinnen hingen an ihr mit mehr denn schwesterlicherLiebe, und als sie älter wurde, verehrten sie sie fast miteiner Zuneignng, die an Schwärmerei grenzte. Darumwar es fast unbegreiflich, daß Mademoiselle La Röcheltesie nicht in ihr Herz schließen konnte. Leider war diestrenge Dame aber schon vorher, ehe das Kind vor vier-zehn Jahren zu ihr gebracht wurde, gegen dasselbe ein-genommen, und dieses Vorurtheil hatte sie nicht besiegt,selbst jetzt nicht, als Martha mit neunzehn Jahren dasLehrerinnenexamen mit Auszeichnung bestanden hatte.

Jetzt hatten die Schulfreundinnen von der EinsamenAbschied genommen, und die meisten von ihnen hattensich nur mit schwerem Herzen von ihr getrennt, denn siesetzten mit Bestimmtheit voraus, bei ihrer Rückkehr dieFreundin nicht mehr im Pensionat anzutreffen.

Niemand bleibt nach dem Examen hier," hatteMathilde Grün, sie umarmend, gesagt,und Du hastso viel gelernt, gewiß läßt Dich Deine Mutter jeßt wiederzu sich kommen."

Oder sie geht erst nach Paris oder London, " warf

eine muntere Brünette ein,dann wird sie später einegroße Dame werden; jedenfalls hat sie bei unserer Rück-kehr das Nest verlassen."

Die arme Martha! sie hatte nur traurig das Hauptgeschüttelt und über das liebliche Gesichtchen rannenThränen, die sie nicht zurückhalten konnte. Jetzt standsie träumend allein am geöffneten Fenster, ihre Blickeschweiften in die unendliche Ferne und ihre Gedankenwanderten weit, wett zurück zu den lieblichen Bildernihrer frühesten Kindheit. Ach, ihre Erinnerungen warennur sehr schwach, und von Mademoiselle La Nochettehatte sie späterhin auch nur wenig erfahren.

Die Hände gefaltet, ließ sie ihre großen, seelen-vollen Auge» über den weiten Himmelsdom schweifen;sie verfolgte mechanisch die einzelnen kleinen weißenWölkchen, wie sie langsam weiter zogen auf ihrer vor-geschriebenen Bahn sie alle gehorchten einer einzigleitenden Hand. Warum stürmte es denn sv ungestümin ihrem Herzen, warum wollte sie eigenmächtig ihremSchicksalsrad eine andere Richtung erzwingen? War siehier nicht geschützt vor allen rauhen Stürmen, behütetund geliebt, wollte sie in ihren Gedanken hinzu-fügen, doch mißmuthig schüttelte sie das Haupt und einwehmüthiger Zug grub sich in das feingeschnittene Antlitz,als sie der Stunde gedachte, da man so freventlich mitdem Glück ihrer Kindheit gespielt hatte.

Sie erinnerte sich ihres Vaters kaum; sie mußtenoch sehr jung gewesen sein, als ihn der Tod ihr ent-rissen. Dann dachte sie ihrer Mutter; es waren Tageder Armuth, der Noth und des Elends gekommen. Diegute Mutter hatte viel geweint und dann mit ihr dasgroße, prunkvolle Haus verlassen, um ein niederes Dach-kämmerlein zu beziehen. Martha erinnerte sich der sanften,lieben Züge der Mutter; sie wußte, daß sie Schauspieleringeworden war, um sich und ihr Kind vor Noth und Ent-behrung zu schützen.

Doch plötzlich nahm eine andere Erinnerung Gestaltin ihrem Herzen an. Ein großer, breitschultriger Mannmit schwarzem Vollbart und stechenden, blitzenden Augen,Monsieur La Nochette. Er war täglich zu der weinendenMutter gekommen, hatte eindringlich auf sie eingesprochen,dabei das Kind feindselig angeblickt, so daß dieses sichscheu in einen Winkel verbarg. Dann war er aucheinmal gekommen und brachte eine Puppe, Zuckersachenund ein schönes neues Kleid, diese Schätze wollte er> Martha schenken, wenn sie mit ihm komme. Die