Ausgabe 
(9.6.1896) 48
Seite
364
 
Einzelbild herunterladen

364

Berghaupt und deren jüngere Schwester Nosa kommen !und fragte, ob sie Nachricht vom Elternhause haben und ^ob sich dort etwas Besonderes ereignet habe.

Die Mädchen antworteten ganz offen, es sei schonacht Tage her, seitdem der Vater geschrieben, und esgehe dort ganz gut.

War Fräulein Adair noch dort?"

Gewiß", versetzte Jenny schnell,die Kleinen habensie lieb, und Vater sagte, sie machen gute Fortschritte."

Mama hat sie nicht gern, denn sie ist kokett undeitel", warf Nosa ein.

Mademoiselle entließ ihre Zöglinge; die Antworthatte sie nicht befriedigt. Jetzt mußte sie geduldig einenBrief von Frau Berghaupt abwarten, aber sie war festentschlossen, auf Marthas Seite zu stehen, selbst wenndie ganze Familie Berghaupt sie auch anklagte.

Ehe die erwartete Nachricht kam, wurde ihr derBesuch eines fremden Herrn gemeldet,Leo von Wilden-thal" las sie auf der Karte und darunter die mit Blei-stift geschriebenen Worte:Im Auftrag der FamilieBerghaupt".

Diese wenigen Worte wirkten elektristrend. Schnelleilte sie in das Empfangszimmer und war nicht wenigerstaunt, dort einem jungen aristokratischen Herrn gegen-über zu stehen, der in seiner stattlichen Manneskraft dasBild ihres längst verschwundenen schönen Jugendideals bot.

Ich bin ein Verwandter und zugleich Hausfreundder Familie Berghaupt", stellte sich der Fremde vor,und selbst gekommen, nm die traurige Sache zu er-klären. Wir hofften, Fräulein Adair hier zu finden,nachdem sie gestern Ebersheim verlassen hat."

Ich muß zuerst wissen, warum sie ihre Stellungso schnell verlassen hat", fragte Mademoiselle streng.Es war doch ein plötzlicher Entschluß, denn sie hatmir in ihren Briefen nie davon geschrieben."

Leo erzählte Alles, sogar die Hoffnungen des HerrnMayfeldt verschwieg er nicht Frau Berghaupt habegeglaubt, Fräulein Adair habe die Zuneigung diesesHerrn gewonnen, den sie gern als ihren eigenen Schwieger-sohn gesehen hätte. In ihrer blinden Eifersucht habe siedie arme Erzieherin entlassen, ohne sogar auf die Rück-kehr ihres Gatten zu warten.

Das war sehr unrecht und unweiblich", fiel Ma-demoiselle dem Sprecher in's Wort.Sie müssen mirhier Recht geben, obgleich es Ihre Tante ist, die diesesUnrecht begangen hat."

Leo nickte.Ich war selbst über diese erbärmlicheBehandlung empört", gab er mit gesenkten Blicken zu,aber Frau Berghaupt ist hart genug bestraft".

Wieso? Wünscht der Lehrer die Rückkehr derGouvernante? Berghaupt ist ein gerechter Mann, wie-wohl zu schwach für seine Gattin."

Nein, das ist's nicht." In wenigen schlichtenWorten erzählte er von der Liebe des kränklichen jungenArztes, und wie die unerwartete Nachricht ihn auf'sKranken-lager geworfen habe.

Mademoiselle barg doch in der äußeren Schale einweiches Herz. Leo bemerkte, wie sie verstohlen eineThräne aus den Augen wischte, und obgleich sie dieVersicherung gab, sie sei stark erkältet, wußte er doch,daß sie inniges Mitleid mit dem Arzte fühlte.

Und was soll Fräulein Adair jetzt in Ebersheimthun?" fragte Mademoiselle endlich.Man kann dochnicht von ihr verlangen, daß sie einen Mann heirathet,

der nach Ihrer Aussage im Sterben liegt. Sie sollauch nicht ihre Pflichten dort wieder aufnehmen."

Nein, die Heirath ist außer aller Frage", versetzteLeo ernst,der arme Schelm kann höchstens einigeMonate, vielleicht nur ebenso wenige Tage leben. Aberverstehen Sie denn nicht, Mademoiselle, daß er nichtruhig sterben kann, ehe Fräulein Adair gefunden ist?Der Gedanke, daß sie allein und verlassen in der er-barmungslosen Welt ist, ist ihm eine unerträgliche Qual".

Mademoiselle zuckte verächtlich die Achseln.

Das ist die Schuld seiner Mutter", sagte sie weg-werfend.

»Zugegeben aber sie bereut ihre That bittergenug. Der Gedanke, die letzten Tage ihres Sohnesgetrübt zu haben, peinigt sie wie Folterqualen. WennSie uns helfen, die Verschwundene zu finden, Mademoi-selle, so sind Sie unserer größten Dankbarkeit sicher."

Hml" machte Mademoiselle,vielleicht weiß HerrMayfeldt ihren Aufenthalt."

Nein. Er glaubt, wie viele Leute in Ebersheimes glauben, Fräulein Adair sei plötzlich an das Kranken-lager einer Freundin gerufen."

Sie hat keine befreundete Familie."

Leo's Stirne umwölkte sich.Sie war seit ihrerKindheit bei Ihnen, Mademoiselle, wollen Sie uns nichthelfen, ihren Aufenthalt aufzufinden?" bat er flehentlich.

Gehen Sie nach dem Centralbahnhof und haltenSie dort Nachforschungen", schlug die alte Dame vor,vielleicht fürchtet Sie sich hierher zu kommen undnimmt ein kleines Logis in der Vorstadt, bis sie eineandere Stellung findet."

Aber wie soll ich sie allein auffinden? Hätten Siedes Arztes tieftraurigen Blick gesehen, als ich mich zurAuffindung seiner Geliebten anbot, so würden Sie meineSorge verstehen, ohne Nachricht heim zu kommen.

Mademoiselle seufzte.Es thut mir leid um denjungen Mann, aber wie ist ihm zu helfen, da gescheheneDinge sich nun einmal nicht ändern lassen? Nach meinerMeinung ist es vergebliche Mühe, Fräulein Adair hierin einer der vielen Vorstädte aufsuchen zu wollen; siekönnten ebenso vergeblich eine Stecknadel in einem Heu-wagen suchen. Sollte sie aber zu mir kommen, sofindet sie bei mir eine Heimath und liebevolle Aufnahme;doch das wird sie kaum thun, denn sie ist stolz undhat einen festen Charakter. Wenn Sie meinen Rathhören wollen, so erkundigen Sie sich auf dem Central-bahnhof, vielleicht erinnern sich die Beamten ihrer undwissen, wohin sie sich gewendet hat."

Ich will's versuchen", sagte Leo, der alten Damedie Hand zum Abschiede reichend,aber Sie sind dochunsere einzige Hoffnung, Mademoiselle. Fräulein Adairwird ohne Hülfe keine Stellung finden, und wer sollteihr helfen, wenn Sie es nicht thun?"

Er ging nach dem Centralbahnhof. Das Glück be-günstigte ihn, denn er traf dieselben Beamten, die gesterndort thätig gewesen waren.

Eine junge Dame mit einem schwarzen Reisekoffer?"wiederholte der Beamte, der das Gepäck beaufsichtigthatte.Nein, die ist hier nicht ausgestiegen. Es warensehr viele Reisende in dem Zuge, aber sie hatten keinGepäck mit sich oder sie fuhren weiter. Nur'zwei Reise-koffer wurden hier ausgeladen. Der eine gehörte eineralien, halb erblindeten Dame, die ein Dienstmädchenzur Begleitung hatte, der andere einem alten Herrn mit