Ausgabe 
(9.6.1896) 48
Seite
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Du bist, wie alle Männer", spottete sie,einhübsches Gesicht macht Dich gegen Deine ganze Familieungerecht. Du verlangst vielleicht, daß ich jetzt FräuleinAdair um Verzeihung bitte und sie zur Rückkehr in unserHauS veranlasse."

Nein, das verlange ich nicht. Aber ich prophezeieDir, daß Du keine That Deines Lebens bitterer bereuenwirst, wie die heutige."

Wieso?"

Der alte Lehrer beobachtete die Züge seiner Gattinscharf, dann sagte er, jedes einzelne Wort betonend:

Wenn ich nicht irre, hast Du Einen von der Listeder Herren ausgelassen, die sich um Martha Adair'sGunst bewerben, und indem Du sie hartherzig verstoßenhast, zerstörtest Du die Hoffnungen, ja das LebensglückDeines eigenen Sohnes?"

Willy?I Du willst doch nicht sagen, daß er sichum sie bekümmerte?"

Meine liebe Frau, schon seit Wochen habe ich seinGeheimniß geahnt und weiß, daß nur seine untergeord-nete Stellung als Assistenzarzt ihn von seiner Werbungabgehalten hat. Noch vor Liner Stunde traf ich ihnund fragte ihn ganz offen, und er will noch heute kom-men, um dem Fräulein Herz und Hand anzubieten.Der arme Schelm ist nichts weniger als gesund undkräftig; noch heute Morgen litt er an heftigen Ohnmachts-anfällen, von denen er sich aber bald wieder erholt hat.Ich sagte ihm, Martha Adair sei gerade die richtigeLebensgefährtin für ihn, sie würde wohl wie ein Sonnen-strahl sein Leben erhellen."

Das Herz der gequälten Frau zog sich jetzt krampf-haft zusammen.

Was soll ich ihm denn sagen?" stöhnte sie schmerzlich.

Der alte Herr schüttelte wehmüthig sein Haupt.

Du kennst Deinen Sohn ebenso gut wie ich ihnkenne", sagte er leise,er ist treu, beständig und wechseltnicht schnell seine Gefühle. Wenn jemals ein Manneine heitere, fröhliche Gattin bedarf, so ist es unserWilly."

Aber Fräulein Adair hat gar kein Vermögen",warf die Gattin ein.

Meine Liebe, Du hattest auch keinen Heller, alsich Dich als Gattin heimführte, außerdem warst Du ineinem vornehmen Schlosse erzogen, und Martha Adairwürde in einer Hütte glücklich und zufrieden sein. Alsich vor Kurzem unseren Sohn verließ, war mein Herzvoller froher Hoffnung für seine Zukunft, währendjetzt-"

Frau Berghaupt erbleichte. Ach! die Folgen ihrerunüberlegten Handlung zeigten sich allzu rasch.

Wer soll es ihm sagen?" schluchzte sie.

Das istDeine Strafenur sage es ihm schonend",erwiderte ernst der Lehrer.Es ist niemals gut, demGeschick muthwillig entgegen zu treten, und abgesehen vonder Angst und Sorge, in die Du das arme Kind ge-stürzt hast, zerstörst Du mit grausamer Hand das GlückDeines Sohnes. Du warst hart und grausam gegenMartha, kannst Du je erwarten, daß sie Deine Tochterwerden möchte?"

Willy wird mir niemals verzeihen, daß ich siefortsandte," schluchzte die arme Frau bitterlich.

Sage ihm die volle Wahrheit. Es ist besser, erhört sie von Dir, als wie von fremden Menschen. Wo-hin wollte sich Martha wenden?"

Gewiß zu Mademoiselle La Rochette. Ich fragtesie aber nicht."

Hm I Die Dame ist gerecht sie wird ihr Ob-dach gewähren. Unter den obwaltenden Umständen halteich es für besser, daß Willy sofort an die Hochzeit denkt,vorausgesetzt, daß sie jetzt noch seine Werbung annimmt."

Zum ersten Mal in ihrem Leben fürchtete FrauBerghaupt die Unterredung mit ihrem Sohne; es warihr nicht möglich, seinen Blicken zu begegnen, als sie dietraurige Geschichte erzählte.

Kein Wort, kein Vorwurf kam über seine bleichenLippen, nur auf seinem Antlitz malte sich stumme Ver-zweiflung.

Sie ist jetzt sicher bei Mademoiselle La Rochette",fuhr die Mutter weinend fort und hoffte vergebens aufein einziges Wort, denn das Schweigen ihres Sohneswar beängstigend,reise morgen zu ihr, mein lieberWilly, und alles wird wieder gut werden; aus Liebezu Dir wird sie auch Deiner Mutter vergeben."

Doch der junge Arzt schüttelte nur wehmüthig dasHaupt.

Jetzt darf ich es nicht mehr wagen. Glaubst Du,ich könnte ihren Blick ertragen, nach allen Beleidigungen,mit denen Du sie überhäuft hast? Nicht einmal indemselben Zimmer möchte ich mit ihr weilen."

Aber sie liebt Dich und Du liebst siel"

Er wollte sprechen, doch ein tiefes, beängstigendesRöcheln erstickte seine Stimme. Leichenblaß fiel er inden Sessel zurück, und zum Schrecken seiner Mutterentquoll ein Blutstrom seinen Lippen.

Ach! diese unerwartete Nachricht war verhängniß-voll für ihn geworden. Jetzt brauchte der gutmüthigealte Pfarrer nicht mehr besorgt zu sein, den Elternschonend die Nachricht zu überbringen. Sie wußten jetzt,daß das Ende nicht mehr fern und beschleunigt sei durchdie unbesonnene Handlung der Mutter.

VI.

Mademoiselle La Rochette saß allein in ihremArbeitszimmer. Ihre tiefen, seelenvollen Augen blicktenernst auf die wenigen Worte eines Telegrammes, dassie in der Hand hielt, und eine tiefe Falte des Un-muths lagerte sich auf ihrer Stirn. Sie las die Wortezum zweiten und zum dritten Male, ohne den Inhaltgenau zu verstehen.

Bitte, veranlassen Sie Fräulein Adair sofort zurRückkehr zu uns; wir wollen sie herzlich empfangen",las sie wieder und wieder.

Sie verstand den Sinn dieser Botschaft nicht undwurde erst durch die schüchterne Bemerkung des Haus-dieners aus ihrer Träumerei geweckt, der leise bemerkte,daß der Bote draußen schon lange ihrer Antwort harre.

Schnell warf sie mit Bleistift die wenigen Worteauf Papier :

Erklären Sie sich deutlicher, wenn ich Ihnen helfensoll. Ich habe Fräulein Adair nicht wiedergesehen,seitdem sie vor Monaten zu Ihnen ging."

Sobald die Depesche abgesandt war, suchte sie ver-gebens den Gedanken an Martha Adair zu verscheuchen.Es wollte nicht gelingen, selbst als sie in der Selectaihren Zöglingen den englischen Unterricht gab, tauchtevor ihrer Seele das bleiche Antlitz ihrer früherenSchülerin auf und schien sie vorwurfsvoll anzublicken.

Gleich nach beendeter Schulzeit ließ sie Jenny