Ausgabe 
(9.6.1896) 48
Seite
362
 
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Gehalt, es ist» mehr, wie Sie durch Ihr Betragen verdienthaben aber sagen Sie Mademoiselle La Röchelte, daßich aus ihrem Hause und auf ihre Empfehlung keineErzieherin mehr nehmen werde."

Das Glück schien die erregte Frau zu begünstigen.Der Lehrer ließ sagen, daß er bei einem College« speisenund vor 4 Uhr nicht zurückkehren werde. Den Kleinenwurde gesagt, Fräulein Adair habe Kopfschmerzen, undBabette erzählte ihnen im Schulzimmer eine Geschichte,um sie dort zu fesseln. Frau Berghaupt begab sich selbstin Fräulein Adair's Zimmer, um das Einpacken derwenigen Habseligkeiten zu beschleunigen und ihr zu sagen,daß der Wagen vor der Thüre zur Abfahrt bereitstehe.

Schweigend schob sie dem armen Mädchen einigeGoldstücke hin; sie brannten wie Feuer in Martha'sFingern, und am liebsten hätte sie dieselben liegenlassen, doch gänzlich mittellos durfte sie den Kampf mitdem Leben nicht aufnehmen. Schweigend fuhren sieder entfernt liegenden Bahnstation zu. Mit geschlossenenAugen lehnte sich die Ausgestoßene in die Kissen zurückund sann über die ungerechte Härte nach, die ihr be-gegnet war. An die Zukunft dachte sie gar nicht; siewollte zu Mademoiselle zurückkehren; sie war ja hartund streng, aber auch gerecht.

Frau Berghaupt löste ihr eine Fahrkarte III. Classe,und es war die höchste Zeit, denn der Zug stand schonzur Abfahrt bereit.

Es wird ein Tag kommen, wo Sie einsehen werden,daß ich keine Schuld habe, dann bereuen Sie vielleichtIhre ungerechte Härte gegen mich", sagte Martha, alssich der Zug langsam in Bewegung sehte.

Führen Sie fernerhin ein weniger leichtsinnigesLeben", höhnte die erbitterte Frau, doch ihre Worteverhallten ungehört, und als sie langsam den Heimwegantrat, ahnte sie nicht die Sorgen, die ihrer harrten,und gern hätte sie Jahre ihres Lebens dahingegeben, umihre That ungeschehen zu machen.

Sie war ungewöhnlich ruhig; eine eisige Kälte lagertesich auf ihrem Antlitz.

Kommt heute Herr Mayfeldt was willst Duihm sagen?" flüsterte Babette ihr leise zu.

Er kommt nicht, ich habe ihm einige Zeilen ge-schrieben", lautete die ebenso leise gegebene Antwort.Ja, sie hatte geschrieben und gesagt, Fräulein Adair seisehr bestürzt und erschrocken gewesen; sie habe ihr imVertrauen mitgetheilt, daß ihr Herz nicht mehr frei sei,deßhalb bitte sie Herrn Mayfeldt, ihr Haus in nächsterZeit zu vermeiden.

Wo ist denn unser liebes Fräulein Adair?" fragteder Lehrer gut gelaunt, als er sich mit seiner Familieam Nachmittage um den Kaffeetisch versammelte,dieKinder sagen, sie habe Kopfschmerzen, aber eine TasseKaffee würde ihr doch gut thun."

Frau Berghaupt gab ihren Kindern ein Zeichen,das Zimmer zu verlassen, und als sie mit ihrem Gattenallein war, sagte sie kurz und rauh:

Fräulein Adair hat auf meinen Befehl unserHaus verlassen I"

Helene!" noch nie hatte der Lehrer seine Gattinso vorwurfsvoll angeblickt;es ist wohl nur Scherz?Sie war doch heute Morgen noch hier, und ich binüberzeugt, daß sie von Deinem Vorhaben keine Ahnunghatte. Was hast Du mit dem armen Mädchen ge-macht!?"

Ich bin doch Herrin in meinem eigenen Hause",sagte die Frau, vor Erregung an allen Gliedern bebend,Fräulein Adair hat meine liebsten Hoffnungen zerstört,darum sandte ich sie fort."

Was hat sie Dir gethan?"

Dreimal wiederholte der Lehrer im strengen Tondiese Frage, ehe die Gattin erwiderte:

Sie stand unseren Töchtern hinderlich im Wege.Da ist der reiche Herr Mayfeldt und der Pflege-sohn meiner Schwester. Beide Herren sind passendeGatten für Babette und Florentine, aber Fräulein Adairmit ihrem puppenartigen Wachsgesicht wollte sie in ihreeigenen Netze ziehen."

Ist das Alles?"

Ist es etwa nicht genug? Babette würde dierechte Gattin für Herrn Mayfeldt werden, und Leo liebteFlora von Anfang an. Es ist mein Wunsch, beidePaare vereint zu sehen."

.Helene", begann der Lehrer sehr ernst und feier-lich,noch vor einem Jahre hätte ich Dir den Wunschvergeben, Deine Töchter schnell verheirathet zu. sehen.In unserer drückenden Lage hätte ich es Dir sogar nichtverdenken können, Dich selbst nach Schwiegersöhnen um-zusehen. Aber jetzt liegen die Verhältnisse ganz anders,und kein Schatten von Noth und Entbehrung kann jedas Leben unserer Töchter trüben, da sie hinreichendeMittel haben, später eine sorgenfreie Existenz zu führen.Dein Benehmen gegen die arme Erzieherin finde ich ein-fach unweiblich, grausam und ungerecht."

Frau Berghaupt weinte vor Zorn und Empörung.

Sei doch nicht so hart gegen mich", schluchzte sie.Warum sollte diese Person die Herzen aller Männergewinnen, während"

Du irrst Dich", unterbrach der Gatte.Ich denkegar nicht daran, daß Fräulein Adair die Herzen allerMänner gewann. Sie ist schön und anziehend, und dasie einsam und allein in aller Welt steht, fühlt mannatürlich ein inniges Mitleid mit ihr. Daraus gehtaber noch nicht hervor, daß jeder Mann, der unserHaus besucht, sie zu seiner Gattin machen will, undsollte das der Fall sein, ist es dann die Schuld desunschuldigen Mädchens? Kannst Du denn nur füreinen kurzen Augenblick denken, daß Männer, die durchFräulein Adair's Schönheit angezogen sind, auf DeinenBefehl ihre Meinung ändern und sich schnurstracks inBabette oder Florentine verlieben würden?"

Du hast doch nichts an Deinen eigenen Töchternauszusetzen?" fuhr die Mutter weinend fort.

Der Lehrer zögerte.

Sie sind in trüben Verhältnissen aufgewachsen",sagte er dann langsam,und ich glaube, die drückendeJugendzeit hat ihren Charakter verhärtet und ihr Gemüthverbittert. Meine liebe Helene, ich glaube kaum, daßein Fremder sie hinreichend anziehend oder liebenswürdiggenug findet, um sie als Lebensgefährtin zu erwählen.Beide können sich nicht einmal interessant unterhaltenund haben sehr beschränkte Anschauungen."

Aber Beide sind gut und arbeitsam."

Ganz gewiß; Beide würden auch in bescheidenenVerhältnissen gute, sparsame Hausfrauen werden. AberLeni, weder Herr Mayfeldt noch Leo bedürfen einer sol-chen Sparsamkeit, im Gegentheil, sie müssen eine Herrinhaben, die zu repräsentiren versteht."

Frau Berghaupt war nicht im Mindesten überzeugt.