Ausgabe 
(9.6.1896) 48
Seite
361
 
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1896 .

Augsburger Postzeitung".

Dinstag, den 9. Juni

Für die Redaction verantwortlich: vr. Theodor Müller in Augsburg .

Druc! und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbefitzer vr. Max Huttler ).

Schicksalsroege.

Erzählung von Clarisse Borges.

(Fortsetzung.)

Doch die Entrüstung der Mädchen war ebenso großals die der Mutter, als sie dem Berichte gelauscht hatten.Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, daß FräuleinAdair die Liebe des Gutsbesitzers gar nicht gesucht, imGegentheil, sie hatte seine Nähe vermieden und würdewahrscheinlich seine Bewerbung ausschlagen. Sie ver-urteilten sie ungehört und gaben ihren Unmuth in denheftigsten Ausdrücken kund.

Sie hat mir stets mißfallen; sie ist eine herzloseKokette", rief Babette zornig,aber ich glaubte, sie wollteeinen Anderen in ihre Netze fangen."

Wen meinst Du?"

Ich habe keine Beweise, sonst hätte ich Dich längstgewarnt, Mama, aber ein Jeder kann sehen, wie sehrsie ihre Fühlhörner nach dem Inspektor von Wildenthalausstreckt. Es würde ihr schon gut gefallen, Leos Gattinzu werden, besonders wenn das alte Stammschloß späterwieder in seinen Besitz übergeht dann wird sie aucheine Gräfin."

Und jetzt wird sie die reiche Frau Mayfeld",jammerte Florentine.Oh, es ist entsetzlich; sie wirdüber uns triumphiren, und das ertrage ich nicht. Wenndas Gut wenigstens nicht ganz in der Nähe von Ebers-heim läge, so wäre es nicht so schrecklich."

Seid ruhig, meine lieben Kinder", tröstete dieMutter,Fräulein Adair wird niemals Herrn MayfeldsGattin werden."

Kannst Du das vermeiden? Wenn er sie hier imHause nicht sieht, wird er ihr schreiben."

Ich habe ihn gebeten, heute zum Abendbrod zukommen."

MutterI" wie ein Angstschrei kam dieser Ausrufvon den Lippen beider Mädchen.

Thörichte Kinder! Glaubt Ihr denn, ich würdediese Schlange länger in meinem Hause behalten? Ehewenige Stunden vergangen sind, ist sie längst wieder inder Residenz, und dort kann sie in Ruhe über ihrengestörten Glückstraum nachdenken."

Dort kommt sie", rief Babette, einen Blick durchdas Fenster werfend,sie biegt soeben in den Garten ein."

Frau Berghaupt wünscht Sie zu sprechen", berichtetedas Hausmädchen, und ahnungslos betrat die Gouver-nante das Wohnzimmer.

Es war eine entsetzliche Scene. Drei erzürnte Frauenstürmten heftig auf ein armes Mädchen ein, und alledrei waren klug genug, nicht mit schlichten Worten zusagen, womit sie gefehlt und wodurch sie die Damenbeleidigt habe. In herben, schroffen Ausdrücken sagteFrau Berghaupt, daß sie ihr die Obhut ihrer Kindernicht länger anvertrauen könne, da sie ein frevelhaftes,kokettes Spiel hinter ihrem Rücken treibe und nur dieAufmerksamkeit junger Herren zu fesseln suche.Natür-lich könne man sich darüber nicht wundern, wenn manihrer Herkunft gedenke", fügte die gereizte Frau höhnendhinzu,aber für eine ehrbare Lehrerfamilie sei eine solcheHausgenossin nicht passend, sie müsse daher das Hausnoch am selben Tage verlassen."

Dieser plötzliche Sturm traf Martha Adair gänzlichunerwartet. Hätte Frau Berghaupt offen eine Anklageausgesprochen, so würde sie sich vertheidigt haben, aberjetzt stand sie ganz sprachlos da. Konnte die höhnendeBemerkung über ihre Herkunft sich auf ihre Mutter be-ziehen, die in ihrer drückenden Noth als Schauspielerinihr Dasein gefristet hatte? Oder wußte sie, daß derjunge Inspektor Wildenthal häufig mit ihr auf den Spazier-gänger: zusammentraf? Diese Begegnungen waren nachihrer Meinung ganz zufällig gewesen; sie hatte im Hauseoffen darüber gesprochen, und auch die Kinder hattenvon Leo erzählt und freuten sich über die lustigen Ge-schichten, die er zu erzählen verstand.

Sie sah bestürzt die Mutter, dann die Töchter an,doch Aller Blicke waren feindselig und erzürnt auf siegerichtet. Die drei Damen waren nie freundlich gegendie arme Erzieherin gewesen, aber bis heute war sie nochnicht von ihnen beleidigt. Endlich fand sie ihre Sprachewieder.

Ich habe kein Unrecht gethan und bin mir keinerSchuld bewußt", sagte sie ernst, sich hoch aufrichtend.Vom ersten Tage an, seitdem ich Ihr Haus betrat,habe ich gewissenhaft meine Pflichten erfüllt und verstehedaher nicht, wodurch ich Sie beleidigt habe."

Wir sind nicht so blind, wie Sie zu glaubenscheinen", rief Frau Berghaupt empört.Jedenfalls binich Herrin in meinem eigenen Hause, und als solchegebiete ich Ihnen, dasselbe sofort zu verlassen. Siewerden weder mit den Kindern, noch mit dem Haus-mädchen ein Wort reden, denn Sie sollen in unseremglücklichen Familienkreise nicht noch mehr Unheil an-richten. Bis Ende dieses Quartals zahle ich Ihnen Ihr