Ausgabe 
(5.6.1896) 47
Seite
360
 
Einzelbild herunterladen

360

anwendete. Auch gegenwärtig gilt Rettigsast mit Kandis-zucker als gutes Hausmittel gegen Heiserkeit und Husten,oder man betrachtet als lösendes Mittel gegen chronischenHusten: Honig, etliche Tage in der Hülle eines ausge-höhlten Rettig aufbewahrt, weil ohne seine Süßigkeitzu verlieren derselbe Aroma, Kraft und Saft deSRettig an sich zieht, ähnlich wirkend wie Nettigsaft undRettig-Bonbons, die ja bekannte Handelsartikel bilden,wegen der Tugend der Nettigwurzel, den zähen Schleimim Körper zu zertheilen, und auS der Brust ihn zu ver-treiben. Auch soll das auS der Wurzel gebrannte Wasser,noch mehr aber der Rettigsast, gute Dienste leisten beiMilz - und Leberleiden rc., und die Wurzel selbst indünne Scheiben geschnitten und mit Salz bestreutauf die Fußsohlen gelegt, bei Fieber die Hitze abziehen. So manchem aber hat besonders eine steineRettig-Kur" von jungen Sommerrettigen schon wohlgethan, wo-möglich schwarze oder braune, da just deren Schale vorallem auflösende Kraft besitzt, zu feinen, runden Schnittengespalten, die man salzt und gleich verspeist, ohne sieerst wässern zu lassen, weil das sehr schädlich für denMagen wäre. Etwa drei Wochen hindurch, außerhalbder Essenszeit, 12 Rettige täglich gegen vier Uhrnachmittags gegessen, macht frei von mancherlei Beschwerde,indem der Rettig die lobenswerthe Eigenschaft besitzt:schädliche Stoffe auszuscheiden; es macht aber auch be-weglich, heiter, und Appetit, nur darf man ja nichtunterlassen, sich darauf Bewegung zu machen, um FreundRettigs heilsame Thätigkeit Tag - für Tag nach demGenuß zu unterstützen. So weiß dieser gute Freunddas Angenehme mit dem Nützlichen stets plastisch zuverbinden, und ist er im großen Ganzen auch bet denHerren der Schöpfung beliebter als beim Ewig-Weiblichen,so weiß doch die Hausfrau ihn zu schätzen, als billigen,gern gesehenen Tischgast; theils in seiner schlichten, natür-lichen Gestalt, theils recht feinscheibig geschnitten, unterGurkensalat gemischt. Daß sogar auf dem Gebiet derKunst der Rettig bereits rühmlichst sich hervorgethan,beweist seine Mitwirkung bet Garten- und landwirthschaft-lichen Ausstellungen, an denen er ausgezeichnet durchStaats- und andere Preise nebst der großen Familieseiner Arten, Abarten und Färbungen, mit ehrendemErfolge Antheil nimmt. Auch Frau Poesie hat FreundRettig mehrfach schon besungen! So findet er z. B. sogarin einem Stammbuch des vorigen Jahrhunderts sich ver-ewigt, nämlich in dem eines reisenden Bäckergesellen undHamburger Bürgerssohn, der nach damaliger guter Sittedasselbe mit auf die Wanderschaft nahm.Bier undBrot in jeder Noth, geb' Dir unser Herregott!" schriebihm ein gemüthlicher Münchener hinein; ein zweiter lustigerBicrbruder fügte schnell hinzu:Und ex begnad'Di auchmit'n Radi!" Was aber eigentlich ein guterRadi"(Rettig) zu bedeuten hat, und wie lieblich der Lockruf:Die ersten Rettige!" stets in die Ohren klingt, undden Mund schon im voraus wässern macht, trotz deranfangs oft noch rechtgesalzenen" Preise, daS weißfreilich nur derEingeweihte" voll zu würdigen, dennnichts geht über diesen scharfen, aber guten Freund.

---S-MSS--

Allerlei.

Dieser Tage vollzog sich in Madrid eine jenereigenartigen Feierlichkeiten, wie sie der spanische Hof in

unübertroffener Fülle bietet, das ist die Uebergabe deSAnzuges, den der kleine König AlphonS XIII. währenddes feierlichen Gottesdienstes am Dreikönigstage trug, anden Grafen von Nibadeo. Um halb zwölf Uhr Vormit-tags verließ den königlichen Palast ein prachtvoller, vonsechs normannischen Pferden gezogener Prunkwagen; indiesem saß ein Kammerherr, begleitet von einem Lakai,der auf einer herrlichen silbernen Schüssel den bewußtenAnzug trug. Neben und hinter dem Wagen ritt eine Ab-theilung Hellcbardiere. Der Zug begab sich nach derCastellana-Avenue, wo der Palast des Herzogs von Hijarsteht, der zugleich Graf von Nibadeo ist. Der Herzog em-pfing das eigenthümliche Geschenk, indem er seinen tief-gefühlten Dank dafür aussprach. Diese Förmlichkeit wieder-holt sich, lautFrkf. Ztg.", jedes Jahr um diese Zeit,und zwar schon seit mehr als vier und einem halbenJahrhundert. Im Jahre 1431, als sich der König vonKastilien, Don Juan II., in Toledo befand, verschworensich die Großen des Reiches auf Anstiftung deS JnfantenDon Enrique gegen ihn und beschlossen, ihn zu tödten.Die Ermordung sollte während eines Gastmahls, an demder König am Dreikönigstage theilnehmen sollte, erfolgen.Als nun am genannten Tage das erwähnte Bankett seinenAnfang genommen hatte, trat plötzlich Don RodrigoVillandrando, Graf von Nibadeo, an Juan II. heranund raunte ihm einige Worte in's Ohr, worauf sich derKönig hastig erhob und mit dem Grafen in einem Seiten-Gemach verschwand. Die Großen vermutheten, daß dieVerschwörung entdeckt worden, und ehe der König ent-fliehen konnte, stürzten sie mit gezücktem Degen in daSbezeichnete Seitengemach. Dort fanden sie einen Mann,der mit den Abzeichen der königlichen Würde bekleidetwar, stießen ihn nieder und zogen sich schleunig zurück.Sie hatten aber nicht den König getödtet, sondern denGrafen von Nibadeo, der seinen Anzug mit dem seinesFürsten vertauscht hatte. Juan II. , der dadurch gerettetwurde, verlieh aus Dankbarkeit den Nachkommen deSGrafen das Vorrecht, jedes Jahr am Dreikönigsfest zurrechten Seite des Königs zu essen und den an diese«Tage vom Könige getragenen Anzug eingehändigt zu be-kommen. So haben sich seit 46S Jahren im Hause derNibadeo die königlichen Anzüge in staunenswerthem Maßegehäuft und bilden eine der merkwürdigsten Kostümsamm-lungen, die es in der Welt gibt.

---SLIWS----

Der Korsthof.

Um des WalbeS Lichtung schließen Föhren sich zum grünen Kranz,Freundlich spielt auf ihren Wipfeln dann und wann der Sonne

Glanz;

Friede, Gottes Friede weilet über'm kleinen Försterhaus,Friede wandelt mit des Forstes frischen Düften ein und auS.

Treues Bild des Sommerhimmels, grüßt der stille, blaue Teich»Und cS gleiten schwarzeSchwäne plätschernd durch ihr kleinesReich;Försters Tochter, schlank und züchtig, sinnend steht am Uferrand,Löst die dunklen Ringellocken mit der schmalen weißen Hand.

Düst're Geister, düst're Sorgen, fleucht von hinnen, hebt euch fortDenn geweiht ist diese Stätte, denn geweiht ist dieser Ort!Friede wohnt in jedem Raume, Friede wandelt ein und aus,Friede, Gottes Friede weilet freundlich über Hof und Haus!

Maximilian Dursch.

»ZZAA---