Ausgabe 
(5.6.1896) 47
Seite
359
 
Einzelbild herunterladen

und eS gibt kaum eine Familie, die nicht mindestens einMitglied verloren hat. In vielen Fällen sind ganze Fa-milien getödtet worden. Der Maschinist des über die Cad-Brücke fahrenden ZugeS von Alton nach Chicago ver-mochte durch seine Geistesgegenwart großes Unglück zuverhüten, indem er Volldampf gab, sobald er die Gefahrbemerkte, die durch das Abfallen der Granitquadern andem Endpfeilrr drohte; so sauste er über die gefährlicheStelle hinweg, und es war keinen Augenblick zu früh,denn gleich nachdem der Zug durch war, erfolgte derEinsturz. Die Brücke ist auf einer Länge von 100 mabgebrochen. Der im Südwesten der Stadt verwüsteteTheil ist 6 Kilometer lang und ^Kilometer breit. AmDonnerstag fuhren die Eisenbahnzüge wieder. In jedemTheil der Stadt find Hospitäler eröffnet und viele Bürgerhaben ihre Häuser für die Verwundeten zur Verfügunggestellt. Das Rettungswerk schreitet jedoch nur langsamfort, da die Mauern der verwüsteten Häuser einzustürzendrohen. Die Zahl der Getödteten dürfte zwischen 400bis 500 schwanken, während der Schaden an Eigenthumzwischen 10 und 30 Millionen Dollars geschätzt wird.Die Verkehrsstörung wird noch längere Zeit dauern, dader Sturm über St. Louis hinaus gewüthet hat; u. A.find mehrere Eisenbahnzüge vom Geleise in die Prairiegeschleudert worden. Im Süden von Illinois find mehrereOrtschaften schwer heimgesucht worden, und auch von dortwird der Verlust vieler Menschenleben gemeldet. DieStadt St. Louis ist in Folge ihrer Lage den von Wirbel-stürmen drohenden Gefahren besonders ausgesetzt. Auchsonst ist die Stadt wiederholt von schweren Unglücksfällenbetroffen worden. Im Jahre 1849, als St. Louis nur75,000 Einwohner hatte, wurde die Hälfte der Stadtwährend eines Sturmes durch Feuer zerstört. Es ver-brannten außerdem 20 Dampfer. Am 29. Januar 1853verbrannten die DampferNew-Lucy" undNew-Eng-land", und am 6. Juli 1856 wurden sechs Dampfer durchFeuer zerstört. Im September 1863 suchte ein Erdbebendie Stadt heim, und im Monat darauf verbrannten wiederverschiedene Dampfer. Am 25. Oktober 1866 verursachteein Cyklon großen Schaden, und am 19. Januar 1870zerstörte ein heftiger Sturm viel Eigenthum. Im Märzund April 1872 wurde der Ort von drei Cyklonen heim-gesucht. Am 11. April 1877 brannte das Southern Hotelnieder, wobei viele Menschen umkamen, und am 13. Juli1883 und am 12. Januar 1890 wütheten heftige Stürme.Diese und manche andere Kalamitäten haben die Ein-wohner von St. Louis mit der ihnen eigenen Energiestets schnell zu überwinden gewußt und es unterliegt keinemZweifel, daß sie auch dem neuesten, besonders schwerenUnglück gewachsen sein werden. Freude und Leid der auf-strebenden Stadt finden um so eher einen Widerhall inDeutschland , als in St. Louis nicht weniger denn 150,000Deutsche , also ein Drittel der gesammten Bevölkerung,leben.

Ein guter Freund.

.Suche in niemand einen guten Freund tu finden.

Der nicht einen Freund in Dir gesunden hat!'

Ein etwas scharfer Freund zwar ist es, von welchemhier die Rede sein soll, doch ein sehr empfehlenswerther,vtelbeliebter, wenn gleich noch immer nicht so allgemeinerAllerweltsfreund, wie er wegen seiner vielen guten Eigen-schaften es verdiente: Der Rettig! Lange, sehr lange

und wett reicht schon fein Ruf zurück, bis ins grauesteAlterthum, als er im Reiche der Chinesen, seinereigentlichen Heimath, wild emporwachsend noch imengern Kreise seine wohlthätige Wirkung! ausübte, ja biszu den mumienhaften Acgyptern dieselbe hin erstreckte.

Auch bei uns wird er seit alten Zeiten geschätzt undangebaut, als Sommer- wie als Winterrettig; seinefeineren, zarten Sprößlinge dagegen: die Monatsrettigeoder Radieschen, kamen erst im 16. Jahrhundert ausItalien nach Deutschland . Aus dem Alterthum verpflanzteFreund Rettig sich und seine Heilkräfte ins Mittelalter,deren nützliches Wirken durch frühes Aufstehen und ent-sprechende Bewegung unterstützt werden mußte.Steh'bet Zeiten auf, dann setz' dich in ein Schwitzbad, und

einen Rettig!" lautete eine mittelalterliche Ge-sundheitsregel. Mehr und mehr verbreitet, als wohlfeiles,wohlthuendes Genuß- wie als eine Art von Hausmittelaber ward der Rettig, nachdem er auch in die Neuzeithinein Wurzel schlug! Hoch im Norden wie im sonnigenSüden hat er Anhänger gefunden, obgleich er z. B. imschönen Italien nicht recht gedeihen will, sondern dorthinimportiert wird. Dem frugalen Spanier bedeutet er sogareine genügende Mahlzeit, während der französische Fein-schmecker ihn mehr als Mittel zum Zweck, das heißtpikantes Zubehör, betrachtet. In Rußland aber hat ersogar im vorigen Jahrhundert schon eine diplomatischeRolle gespielt, die zugleich Zeugniß ablegt für seinedortige Beliebtheit, indem nämlich der mächtige FürstPotemkin, Günstling der großen Czarin Katharina II. ,ihn zur Beschwichtigung der vielen, in seinem Vorzimmerauf Audienz harrenden Bittsteller benutzte, durch Präsen-tieren silberner Schüsseln mit Nettigscheiben, nebst demobligaten Schnaps dazu, was auf Gaumen und Geduldder wackern Russen eine so günstige Beeinflussung aus-übte, daß sie nicht einmal murrten, wenn sie am Ende,nach langem Warten, ohne empfangen worden zu sein,sich von bannen trollen mußten. Besonders jedoch istDeutschland die Hauptstätte für Rettigkultur und Nettig-liebhaber, speziell der Süden mit seinem gemüthlichenLand des Bieres: Bayern , und dessen Residenzstadt ander schönen grünen Jsar: München ! Nichts geht demechten rechtenAstrologen " über seinenRadi", wie dielandesübliche Bezeichnung lautet für den guten Freunddes Hauses und Wirthshauses, der namentlich im Sommerzum Bier gehört wie's liebe Brot, kunstgerecht und feingeschnitten, und richtig gesalzen, wie es ausnahms-weise einmal auf gastronomischem Gebiet am bestenund gewandtesten das stärkere Geschlecht versteht. Welchein Genuß ist für den Kenner ein frisch aus der Erdegezogener Rettig, mit kühlem Wasser abgewaschen, umdann in möglichst dünnen Scheiben zum schäumendenNasse des Gambrinus verspeist zu werden, ganz abge-sehen davon, daß Freund Rettig die gute Eigenschaftbesitzt, vor der Mahlzeit den Appetit zu reizen, und nachderselben in Folge seiner stark zertheilenden Kraftdie Verdauung zu befördern. So pflegt er überall,wo er sich eingebürgert hat, ein gar gern gesehener Gesellzu sein, der besonders tief im Volke eingewurzelt ist,als allgemeiner Leib- und Magenfreund! Außerdem aberist er eine Art von Naturarzt, gut für den Magen, undgesund für daS Blut. Schon in früheren Zeiten galter dafür, ward seine frische Wurzel bei Husten und Ver-schleimung von den Aerzten selbst verordnet, währendman den heilsamen Saft gegen die schreckliche Pestkrankheit