Ausgabe 
(5.6.1896) 47
Seite
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schloß, künftig noch etwas vorsichtiger als bisher zu sein.Als Stuppke in's Bureau kam, um irgend etwas auf denSchreibtisch zu legen, sah ihn der Polizei-Präsident nichtan, und das war vernünftig, denn Stuppke lächelte einklein wenig schadenfroh.

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Der Wirbelstnrm von St. Louis .

Die ungeheuren Verheerungen, welche der Cyklona« Mittwoch Abend in St. Louis, der am Mississippi gelegenen Hauptstadt des Staates Missouri , mit 452,000Einwohnern, der fünftgrößten Stadt der VereinigtenStaaten , verursacht hat, werden erst jetzt nähere Einzel-heiten bekannt, weil mehr als 12 Stunden lang alletelegraphischen Verbindungen unterbrochen waren und aucham Donnerstag Morgen erst nur zwei Linien benutztwerden konnten. Am Mittwoch Morgen war in St. Louis das Wetter ruhig und schön, und es wehte ein leichterWind. Am Nachmittag, um 4 Uhr ungefähr, wurde dieAtmosphäre drückend und schwül, bald aber erhob sichein starker Wind, der beständig umsprang. Schwere Wolkenjagten hin und her, allein allmälig schienen sich auch dieverschiedenen Luftströmungen zu concentrireu, bis einSturmcentrnm sich im Westen entwickelte. Von Südwsstensah man eine Wolke, wie eine hohe Röhre, heranrücken.Noch war die Sonne sichtbar, allein bald verwandeltendie Wolken, die dem Tornado vorangingen, den Tag invöllige Nacht. Es war dieser Cyklon, der über Ost-St. Louisfuhr und alles in seinem Wege zerstörte. Mittlerweilewüthete ein von Nordwesten gekommener Wirbelsturm indem westlichen Theile der Stadt. In der Zeit vonbis ^7 Uhr entfaltete der Sturm seine größte Stärke,indem er mit einer Geschwindigkeit von 130 Kilometerper Stunde über die Stadt fuhr. Mit dem Sturm kamein heftiger Regen mit Blitz und Donner. Dampfer undBoote wurden von ihren Ankerplätzen gerissen und stürztenum oder trieben fort. Glücklicherweise fuhren zwei mitPassagieren beladene Dampfer zu der kritischen Zeit ober-halb bezw. unterhalb der Stadt auf dem Flusse, dochsind verschiedene andere, auf dem Flusse befindliche Dampfermit Mann und Maus untergegangen. Der Wirbelsturmüberraschte Tausende von Menschen, die aus dem Ge-schäftscentrum der Stadt nach Hause eilten. Da daselektrische Licht erloschen, der Trambahn- und Eisenbahn-dienst eingestellt war, so mußten viele Tausende die Nachtin der Stadt zubringen. Viele Häuser wurden in Trüm-mer gelegt, andere durch die Blitze in Brand gesteckt. DieFeuerwehr bekämpfte 14 Brände. Die Geschäftstheile, be-sonders in Ost-St. Louis, haben stark gelitten. Vielehohe Elevatoren und zwölfstöckige Lagerhäuser am Mis-sissippi find in Trümmer gelegt. Alle am Quai liegendenDampfer sind untergegangen. Der großeVandalia"-Speicher stürzte mit einem gewaltigen Krach zusammen.35 Leute wurden unter den Trümmern begraben. EineMauer dcS Gefängnisses fiel ein, und von der Straßeaus konnte man in das Innere des Gebäudes sehen. ZurZeit machten sich die 200 Gefangenen im Gefängnißhofekörperliche Bewegungen, sie benutzten aber die Gelegenheitzur Flucht nicht; auch wurde keiner von ihnen verletzt.Die Bassins derOel-Gesellschaft" flogen in die Luft.Besonders in dem Armenquartier von Ost-St. LouiS hatder Cyklon furchtbare Verheerungen angerichtet. Ein

Eisenbahuzug wurde, als er die Brücke über den Mis-sissippi passirte, umgeweht, und nur die starke stählerneBalustrade verhinderte, daß er in den Fluß fiel. DiePassagiere wurden arg durcheinander geworfen, doch kamensie mit geringen Verletzungen davon. Eins Cigaretten-fabrik, wo 200 Mädchen beschäftigt waren, fiel ebenfallsein. Wie viele Mädchen umgekommen sind, steht nochnicht fest. Die Güterwagen auf den Bahngeleisen stießder Sturm hin und her. Einige fielen in den Graben,andere wurden ellenweit in's Feld geschleudert. Lokomo-tiven wurden umgeworfen und die Personenwagen warenein Spielzeug für den Cyklon. Tausende von Schafenund Rindvieh sind zu Grunde gegangen. Das grüneWasser des Mississippi bauschte sich zu ungeheuren Wellenauf und prallte gegen den Quai an. Einige Schiffewurden in die Luft gehoben und dann wieder unter demWasser fortgewirbelt. St. Louis steht aus, als ob es vomFeinde bombardirt worden wäre. Die ganze Nacht wardie Stadt in Dunkel gehüllt. Viele Personen wurdendurch den Sturm gegen die Mauern geschleudert, und selbstWagen mit Pferden wurden durch die Luft gerissen.Durch die überall herumliegenden elektrischen Drähte sollennicht wenige Menschen getödtet worden sein. Da eS nichtmöglich war, telegraphisch Ambulanzen herbeizurufen, sowurden die Todten und Verwundeten in gewöhnlichenWagen nach dem städtischen Hospital gebracht, das baldüberfüllt war. Ein Theil dieses Hospitals war überdiesauch durch den Sturm zerstört worden, und so brachten dieAerzte ihre Patienten in provisorische Räume. Einige der450 Kranken stürzten schreiend aus ihren Betten auf dieStraße, um sich zu retten. Ein Theil des Daches vonConvention Hall, wo die republikanische Nationalconventionam 17. Juni abgehalten werden soll, ist fortgerissen wor-den, und die übrigen Theile des Gebäudes sind durchherumfliegende Eisenstücke durchlöchert worden; doch glaubtman, in 10 Tagen die nothwendigen Reparaturen machenzu können. Als der Sturm auf seinem Höhepunkte war,brach ein Gasometer zusammen, und die Leute wurdendurch hoch in die Luft schießende Flammen erschreckt. DerWasserbehälter war zur Zeit fast voll, allein der Sturmwarf ihn ganz um. Sehr schwer hat das im äußerstenSüdosten der Stadt liegende Armenhaus gelitten. DaSganze Dach des von Frauen bewohnten Gebäudes wurdefortgerissen; der Thurm auf dem Mittelgebäude wurdeweggeweht und stürzte durch dasselbe. Von den 1030Insassen wurden merkwürdigerweise nur 8 durch herum-fliegende Eisen- und Glassplitter verletzt. Viele Mühemachten den Wärtern die Irrsinnigen, die erst nach demAufhören des Sturmes beruhigt werden konnten. Ineinem der Hospitäler saß eine Frau neben ihrer krankenSchwester, die ein 1 Jahr altes Kind auf ihren Armenhielt, während ihr 4jähriges Kind nebenan spielte. DieFrau sah den Sturm kommen, allein noch ehe sie denRaum verlassen konnten, stürzten die Mauern auf dieGruppe und tödteten sofort beide Kinder. Ein Bild wil-dester Zerstörung boten die Ufer des Mississippi . Aufdem Westufer desselben zwischen Biddlestreet und ChateauAvenue lagen eine Menge Dampfer und Werftboote.Dieselben waren nach dem Sturme alle verschwunden,gesunken oder weggetrieben. Das Anchortine-Werftbootund ein Excursionsboot waren hoch auf den Quai ge-worfen worden, und zwar erkannte man aus ihrer Lagedie rotirende Bewegung des Sturmes. Nördlich von derCad-Brücke ist am Ufer nicht ein Haus stehen geblieben.