Ausgabe 
(5.6.1896) 47
Seite
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Der Bauer«fönger.

(Schluß.)

Ein paar Stunden später saß der Polizei-Präsidentin voller Arbeit, als Stuppke eintrat und meldete:DerBürgermeister von Schwiesen!"

Schon wieder? Ist ja heute gar nicht todt zukriegen!" rief der Polizei-Präfident ungeduldig.

Zu Befehl, Herr Präsident, eS ist ein Anderer."

Ein anderer Bürgermeister von Schwiesen?" riefmit weit aufgesperrten Augen der Polizei-Präsident undsah Stuppke an, als ob er ihn auf seine Nüchternheithin untersuchen wollte.

Vielleicht hat Schwiesen zwei Bürgermeister wieBerlin . Schwiesen wird Weltstadt!" sagte Stuppke.

Ruhe!" schrie der schon sehr nervös gewordenePolizei-Präsident.Soll eintreten."

Der Bürgermeister von Schwiesen, BöttchermeisterKrämer, trat ein, ein älterer, freundlicher und etwasdumm aussehender Herr, der mit künstlicher Gewandt-heit auf den Polizei-Präsidenten zuschritt, von dem erscharf angeblickt wurde, und sehr viel Worte machte, alser mittheilte, er sei der dem hochlöblichen Polizei-Präsidiumvom Magistrat in Schwiesen angekündigte Bürgermeister,der zu dem in dem Schreiben angedeuteten Zwecke nachBerlin gekommen und dem fördernden Wohlwollen derhohen Behörde empfohlen sei.

Der war heute Morgens da!" rief der Polizei-Präsident, der überzeugt war, daß er einen Betrüger vor sichhabe.

Der Bürgermeister von Schwiesen konnte nicht miß-verstanden haben und traute doch seinen Ohren nicht.Der Polizei-Präsident klingelte. Stuppke erschien. Schallowsollte kommen. Schallow kam sofort.

Kennen Sie den Mann, Schallow?" rief derPolizei-Präsident diesem entgegen.

Schallow sah den Bürgermeister von Schwiesen ge-nau an. Nein, er kannte ihn nicht, und er kannte dochdas Verbrecher-Album genau. Er wollte es aber noch-mals durchsehen, vielleicht fand sich ein Porträt darin,das auf die Spur führte. Er ging wieder fort, umsich an die Arbeit zu machen.

Der Polizei-Präsident blieb mit dem Bürgermeisterallein und nahm diesen in ein scharfes Verhör. DerBürgermeister war gestern Abends von Schwiesen mitdem Acht-Uhr-Zug angekommen und war imCentral-Hotcl" abgestiegen. Merkwürdig, genau wie der Andere.Er wäre schon in der Frühe auf das Polizei-Präsidiumgekommen, wenn ihm nicht ein vertrauenerweckenderMann, der auf der letzten Station in sein Coups ge-stiegen und mit dem er ins Gespräch gekommen war,gesagt hätte, daß der Herr Polizei-Präsident sich in denVormittagsstunden nicht sprechen ließe und vor demzweiten Frühstück nicht recht genießbar sei. Das habeihm der Mann wie jemand gesagt, der es genau wisse,und der Mann habe überhaupt einen so guten Eindruckauf ihn gemacht, daß er ihm seinen Namen genanntund mitgetheilt habe, zu welchem Zwecke er nach Berlin fahre. Er habe ihm einfach eine Copte des Briefes desMagistrates gezeigt, welche er als Legitimation mitgebrachthabe.

Der Bürgermeister von Schwiesen hatte bereitsdiese Copie aus einer colossalen Brieftasche herausgesuchtund hielt nun das Dokument in der zitternden Hand.

Ist ja unglaublich!" sagte der Polizei-Präsidentaußer sich.

Mir dürfen Sie Alles glauben," versicherte treu-herzig der Bürgermeister,ich lüge nicht."

Der Polizei-Präsident sah den Mann an, der wirk-lich den Eindruck der Ehrlichkeit machte.

Ist es denn möglich!" rief der Polizei-Präsident.

Was soll denn unmöglich sein?" fragte der Bürger-meister und fuhr dann fort:Mein neuer Freund kannteBerlin genau, das merkte ich sofort, und ich war daherganz froh, als er mir anbot, mit mir den Abend zuverbringen, denn er sei Strohwittwer und mochte nichtallein sein. Ich ging also in's Hotel, machte mich sauberund schloß mich wieder dem Manne an, der vor demHotel auf mich wartete. Nun bummelten wir in derStadt herum, bis wir Hunger bekamen. Da standen wirdenn auch zufällig vor einer Weinstube, die mir meinFreund als sehr solide empfahl, und wir traten ein"

Weiß schon", fiel der Polizeipräsident sehr aufge-regt dazwischen.Da wurde Klavier gespielt und gesungen,und da saßen an Ihrem Tisch noch einige LandsleuteIhres Freundes, die ein Spiel spielten, das eigentlichkein Spiel war, sondern ein Kunststück mit dem Pique-Buben, der nie da lag, wo man ihn sicher vermuthete

o dieser Pique-Bube hat es in sich und nachdemIhr neuer Freund mehrmals gewonnen hatte, wurden SieIhr ganzes Geld los! Weiß Alles! Und nun kommenSie und wollen nicht nur Beamten haben, der Sie mitden Geheimnissen des Bauernfangs bekannt macht, sondertauch Credit in Anspruch nehmen."

So ist eS freilich", sagte der Bürgermeister, obschoner eigentlich sprachlos vor Staunen hätte sein müssen,daß der Polizei-Präsident dies Alles so genau wußte.

Der Polizei-Präsident ging um seinen Schreibtischherum. Er war reingefallen, das war ihm klar. Er sagtealso zu dem Bürgermeister, indem er vor diesem still-stand:Lieber Freund, Sie sind reingefallen, sind Opfereines Bauernfängers geworden, haben Bauernfang gesternAbends gründlich kennen gelernt, können ruhig wiedernach Schwiesen fahren, werde Ihnen hundert Mark fürRechnung des Schwiesener Magistrats anweisen lassen."

Der Bürgermeister war in einen Stuhl gesunken,

und der Polizei-Präsident hatte seine Fassung wieder-gefunden, als er sagte:Sehe klar in der Sache, bin nichtzu täuschen, kenne die Schliche dieser Gauner!" Dereintretende Schallow sah den Bürgermeister wieder scharfan wie vorher und meldete, er habe in dem ganzen Ver-brecher-AIbum keine unter all den Galgen-Visagen ge-funden, die dem anwesenden-

Der Polizei-Präsident ließ ihn nicht ausreden.Esist gut, Schallow", unterbrach er ihn.Führen Sie denHerrn zur Kasse und lassen Sie ihm gegen seine Quittunghundert Mark auszahlen." Dann setzte er leise hinzu:Wie die Dreihundert, die der heute Morgens be-kommen hat, zu buchen sind, werde ich noch bestimmen."

Schallow sah den Polizei-Präsidenten an und sagte:Zu Befehl!" Ein feines Ohr mußte so etwas wie einAch so!" heraushören.

Der Polizei-Präsident drückte nun dem sich ver-abschiedenden Bürgermeister von Schwiesen die Hand, in-dem er sagte:Sehr angenehm gewesen!" Das war abernicht wahr, es war ihm durchaus nicht angenehm ge-wesen, und als er nun allein war, zündete er feineCigarre wieder an, goß sich einen Cognac ein und be.