Ausgabe 
(5.6.1896) 47
Seite
356
 
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Er liebt Babette", jubelte eS in dem Herzen derglücklichen Mutter,aber beide Mädchen sollen heute imHause bleiben. Fräulein Adair wird mit den Kleineneinen längeren Spaziergang machen, damit wir ungestörtsind, und da mein Gatte in der Schule beschäftigt ist,wird Alles glatt ablaufen."

Pünktlich zur festgesetzten Stunde wurde Herr May-feldt in das kleine Empfangszimmer geführt, und miteinem Lächeln auf dem harten Antlitz trat Frau Berg-haupt ihm entgegen, mit der Versicherung, eS sei ihreine Freude, seine Wünsche erfüllen zu können.

Sie waren gewiß erstaunt, mich in letzter Zeithier so häufig zu sehen", begann der junge Freier inseiner offenen, ehrlichen Weise.Es ist ja nicht zuleugnen, Ihr Haus hatte eine große Anziehungskraft fürmich. Ich bin des Junggesellenlebens müde, und diejunge Dame

Er stockte verlegen, eS war doch schwerer, wie ergedacht, seine Wünsche in Worte zu kleiden; Frau Berg-haupt lächelte und half ihm bereitwillig, indem sie selbstseinen Satz vollendete und sagte:Die junge Dame istmir lieb und theuer; sie gehört unserer Familie an, undda haben Sie gedacht, ich könnte Ihnen am besten helfen.O Herr Mayfeldtl eine Mutter ist nicht blind und er-räth leicht kleine Herzensgeheimnisse. Schon seit Wochenhabe ich dieses Geständniß von Ihnen erwartet; sie sindbeide wie für einander geschaffen, und das liebe Kindwird Sie glücklich machen."

Absichtlich nannte sie nicht Babette's Namenimmerhin konnte es noch Floreniine sein, daß es aberkeine von beiden war, kam der guten Mutter gar nichtin den Sinn.

Sie sind sehr gütig", versetzte Herr Mayfeldt mitaufrichtiger Herzlichkeit.Sie halten also meine Liebenicht für hoffnungslos? Wollen Sie mir Gelegenheitgeben, bei ihr meine Sache selbst zu führen?"

Ich darf nichts verrathen", gab die glücklicheMutter geheimnißvoll zurück,sprechen Sie selbst mitdem lieben Kinde, Herr Mayfeldt, meiner Zustimmungkönnen Sie gewiß sein."

Bis jetzt hatte ich noch nie eine Gelegenheit, alleinmit ihr zu sprechen; sie scheint mich sogar absichtlich zuvermeiden. Oft kann ich mich des Gedankens nicht er-wehren, daß sie meine Gefühle ahnt und mir deßhalbausweicht. Vielleicht will sie mir durch ihr Benehmenzeigen, daß meine Hoffnungen grundlos sind."

Frau Berghaupt biß sich auf die Lippen. Esmußte also doch wohl Floreniine gemeint sein, denn siehatte ihm zu häufig zu einem ungestörten tsta-ä-tötsmit Babette Gelegenheit gegeben; noch vor wenigenTagen bei einem längeren Spaziergange hatte sie dafürgesorgt, daß der Gutsherr der Begleiter ihrer ältestenTochter war.

Sie ist noch sehr jung und"

Und bezaubernd in ihrer berückenden Schönheit",fiel Herr Mayfeldt ihr in's Wort,von dem erstenAugenblick an, da ich sie sah, gehörte ihr mein ganzesHerz und meine Liebe. Ich glaube gern, daß sie inIhrem Hause zufrieden ist, daß sie Liebe und Freund-lichkeit genießt, aber sie ist doch in abhängiger Stellung,Md da möchte ich sie so gern recht bald als Herrin inMeinem Hause einführen."

Während dieser letzten Worte war Frau Berghaupthleich geworden. Ihre Zähne bohrten sich in die Unter-

lippe, daß sie blutete, und nur mit großer Anstrengungkonnte sie ruhig erwidern:

Sie wollen also Fräulein Adair heirathen?Wissen Sie auch, daß sie eine Waise und gänzlich ohneVermögen ist?"

Herr Mayfeldt wunderte sich, wie schnell dasInteresse für das »liebe Kind" abgekühlt war, aberjetzt konnte er ganz offen sprechen und fuhr deßhalb un-beirrt fort:

Ich bin reich genug und sehe nicht auf das Ver-mögen meiner Gattin. Ich liebe Martha Adair, undgerade ihre Einsamkeit in der Welt veranlaßt mich, sieschon recht bald heimzuführen."

Sie sind sehr edelmüthig", höhnte Frau Berg-haupt.Natürlich möchten Sie gern Fräulein Adairselbst sprechen, um ihre Antwort von ihren eigenen Lip-pen zu hören. Ich will sie rufen lassen."

Sie erhob sich und zog die Schelle.

Fräulein Adair soll sofort kommen sie kanndie Kinder im Schulzimmer lassen," befahl sie dem ein-tretenden Hausmädchen.

Die Antwort kam schnell zurück.

Fräulein Adair und die Kinder sind nicht imSchulzimmer. Fräulein Babette sagt, sie machen einenlangen Spaziergang."

Ah! sie gehen regelmäßig in den Klostergarten",sagte Frau Berghanpt, wiewohl sie ausdrücklich gebotenhatte, die entgegengesetzte Richtung einzuschlageen.Dortwerden Sie Fräulein Adair treffen, Herr Mayfeldt.Schicken Sie die Kleinen heim, dann haben Sie einungestörtes täta-ü-tsts. Sollten Sie zufällig die Be-gegnung verfehlen, so erwarte ich Sie zum Abendbrod;ich werde inzwischen die junge Dame vorbereiten."

Er war fort, Frau Berghaupt brauchte sich nichtlänger einen Zwang auferlegen. Unwillig stampfte siemit dem Fuß den Teppich, und ihre Augen flammtenzornig. Herr Mayfeldt, der einzige heirathsfähige Jung-geselle im ganzen Umkreise, hatte ihre eigenen Töchterübersehen und seine Blicke auf die Gouvernante ihrerKinder geworfen, das war empörend, unerträglich l Diebeiden Schwestern sahen den Gast davonreiten, sie warenvon der Mutter nicht in das Wohnzimmer gerufen wor-den, jetzt konnten sie die Ungeduld nicht länger zügeln,und sie kamen unaufgefordert.

WaS in aller Welt ist geschehen, Mama ", begannFloreniine ungestüm,Du siehst aus, als habest Dueinen Geist gesehen."

Beruhige Dich", fiel Babette boshaft ein,wenner Flora vorzieht, so kommt doch wenigstens eine vonuns unter die Haube. Dank Tante Angela's Güte sindwir ja nicht gezwungen zu heirathen."

O, meine Kinder, meine armen beleidigtenKinder", schluchzte die Mutter unter Thränen.Werhätte jemals geahnt, daß Herr Mayfeldt so falsch undhinterlistig sein könnte! Oh! hätte ich ihm meine Meinungnur ganz offen gesagt, aber diese falsche Schlange sollnoch heute unser Haus verlassen."

Mama Mama", riefen beide Mädchen bestürzt,Du sprichst in Räthseln, so sage uns doch, was ge-schehen ist."

(Fortsetzung folgt.)