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Willy athmete erleichtert auf. Er bemerkte garnicht, daß Leo nicht gesagt hatte: „Ich liebe sie nicht",aber er vertraute ihm und freute sich, keinen Nebenbuhlerin ihm zu finden.
„Morgen soll sich mein Schicksal entscheiden," sagteer ernst, „Du hast Recht, Gewißheit ist besser wie Un-gewißheit, und dann komme ich gleich zu Dir und sageDir das Resultat."
Aber das war für Leos Edelmuth zu viel. Darumfiel er eifrig ein: „Nein, nicht morgen. Ich habe sehrviel zu thun und muß in Geschäften nach der Residenz.Sage mir später von Deinem Erfolg."
Er wollte erst warten, um selbst ruhiger zu werden,und lieber in angestrengter Thätigkeit seinen Schmerzbetäuben und Vergessenheit suchen. Wie lag doch seinLeben so öde und trostlos vor ihm! Er war ja nichtblind gegen die Regungen in seinem Herzen, er liebteMartha Adair und wußte, daß diese Liebe hoffnungslossei. Aus eigenem freien Willen war er zurückgetreten,um dem Freunde den Weg zu ebnen. Er zweifeltekeinen Augenblick daran, daß sie Willh's Herz und Handannehmen würde; sie war so einsam und verlassen; aberdennoch regte sich eine Stimme in seinem Herzen, under fürchtete, daß Martha nicht an der Seite des jungenArztes glücklich werden würde.
So oft er Willy sah, stieg unwillkürlich der Gedankein ihm auf, daß seinem Leben bald ein Ziel gesetzt sei.Er war so bleich und abgemagert, seine Gestalt gebeugt,und deutlicher denn je brannten die rothen Flecken aufseinen Wangen. Er war ein kranker Mann — erwürde niemals durch angestrengte Thätigkeit ein reicherMann werden, sein einziges Lebensglück bestand in seinerLiebe; würde diese ihm geraubt, so versetzte man ihmden Todesstoß.
„Nein!" rief er aus, die Hand gegen die brennendeStirne drückend, „ich konnte und durfte nicht andershandeln. Es wäre ja feige und ehrlos gegen Willy ge-handelt. Aber meine kleine Martha, meine einzige Liebe,sie soll nie den Kampf erfahren, den ich heute Abenderrungen und bestanden habe."
Am nächsten Morgen lagen die Sorgen der ver-gangenen Nacht centnerschwer auf seinem Herzen. DieSonne hatte ihren Schein, die neu erwachenden Naturihren Reiz für ihn verloren. Mit verdoppeltem Eiferlag er seinen Pflichten, ob und gegen Mittag eilte ernach der Station, um nach der Residenz zu fahren. Aufdem Wege dorthin begegnete er dem Pfarrer des Ortes.
„Ich war gerade auf dem Wege zu Ihnen," be-gann der geistliche Herr in feiner leutseligen Weise.„Kommen Sie mit mir, hier in dieser Allee sind wirungestört. Ich muß mit Ihnen über unsern jungenArzt sprechen."
„Willy! was ist mit ihm? Ich sprach noch gesternAbend mit ihm, aber da hatte sich nichts Besonderesereignet."
„Ich glaube, er stirbt," flüsterte der alte Herrsichtlich bewegt, „und es wäre mir lieb, wenn Sie seinerFamilie diese Nachricht schonend überbringen wollten."
Leo erschrak. „Er klagte gestern gar nicht undschien sogar heiter und hoffnungSfreudig. Irren Sieauch nicht, Herr Pfarrer?"
Der Pfarrer erzählte alles, was er selbst wußteund gesehen hatte. Der junge Arzt war früh im Kranken-hause beschäftigt gewesen und hatte dort drei Mal eine
anhaltende, tiefe Ohnmacht gehabt. Ein Arzt sei schnellzur Hülfe gewesen, der größte Ruhe und Schonung an-empfohlen habe, jedoch der Patient selbst halte seinenZustand keineswegs für bedenklich und rechne seineSchwäche allein dem angreifenden Frühlingswetter zu.
„Ich hielt seinen Zustand schon lange für bedenk-lich," schloß der Pfarrer, „und ich denke, Sie könnenam besten die Eltern auf diese Nachricht vorbereiten."
„Sind Sie auch ganz sicher?"
„Ganz entschieden. Er kann seine Pflichten nichtlänger im Krankenhause erfüllen, der Doctor schlägt ei»südliches Klima vor."
„Aber wir sind doch glücklich über den Winterhinaus."
„Wir sind erst im März," verbesserte der Pfarrer.„Der Frühling ist die schlimmste Jahreszeit für Schwind-sucht."
„Ist es denn — Schwindsucht?"
Der Pfarrer nickte. „Der Doctor hat den Krankenvon Kindheit an in Behandlung gehabt, und er wundertsich selbst, daß er bis jetzt sein Leben erhalten hat. Nun,Herr Jnspector, gehen Sie schnell und bereiten Sie denLehrer schonend vor."
„Man wird mir kaum glauben, — Herr Pfarrer,lassen Sie uns zusammen gehen — es wird zu schwer."
„Es wird ihnen ein harter Schlag sein, aber viel-leicht empfinden sie ihn nicht so schmerzlich, da eS ihnendoch bedeutend besser geht. Es ist sonderbar, seitdemdie Mädchen geerbt haben, sind Mutter und Töchter weitweniger liebenswürdig wie früher.
„Ich kannte die Familie früher gar nicht. Willyund der Lehrer sind meine Freunde."
„Auch die meinigen. Sie dürfen aber nicht sosprechen, junger Freund, denn ich hörte, Sie seien imBegriffe, sich mit Florentine zu verloben. Die Ver-lobung ist zwar ein offenes Geheimniß, aber da dieSpatzen auf den Dächern davon zwitschern, begehe ichgewiß keine Jndiscrction, davon zu sprechen."
Leo erbleichte. „Dann wissen die Leute mehr, wieich selbst," sagte er entschieden. „Es ist mein festerEntschluß, niemals zu hetrathen."
„Dann rathe ich Ihnen, das Haus Ihrer Freundenicht so oft zu besuchen", warnte der Pfarrer, „oderes steht der Familie eine große Enttäuschung bevor.Doch eilen Sie jetzt; Sie treffen Frau Berghaupt nichtan; ich sah sie erst mit der Gouvernante zur Bahn-station fahren."
„Dann muß Willy sein Vorhaben aufschieben",dachte Leo, als er sich vom Pfarrer trennte. Er ahnteja nicht, was sich inzwischen im Lehrerhause zugetragenhatte. — Der Großgrundbesitzer Mayfeldt war ein reich be-güterter, in der ganzen Umgegend hochgeachteter und be-liebter Herr. Erst seit kurzer Zeit war er ein häufigerGast der Lehrerfamilie, und Frau Berghanpt vermuthetemit Recht, daß der reiche Junggeselle sich aus ihremHause eine Gattin heimführen werde.
Gerade an diesem Morgen, der für Fräulein Adatrso verhängnißvoll werden sollte, hatte sie ein Briefchenvon ihm erhalten, welches ihr stolzes Herz mit triumphtren-der Freude erfüllte. Es war nur kurz und geheimniß-voll und theilte ihr nur mit, daß er gegen 11 Uhr amselbigen Morgen kommen würde, in der Hoffnung, mitihr eine Sache von größter Wichtigkeit, sein zukünftigesLebensglück betreffend, zu besprechen.