nicht die Gefahren, die ihr drohen? Glaubst Du, daßDeine Mutter ihre Einwilligung zu Deiner Verbindungmit ihr geben wird?"
„So weit sind wir noch nicht. Es wird nochJahre dauern, ehe ich an eine Heirath denken kann."
„Wie soll es denn werden?"
„Was?" fragte der Arzt ahnungslos. „Ich ver-stehe Dich nicht."
„Du sagst selbst, eS sollen noch Jahre darüber hin-gehen? Glaubst Du denn, daß Du Deiner Mutter undDeinen Schwestern Dein Geheimniß solange verbergenkannst? Denke an meine Worte, Willy! Sobald dieDeinigen Deine Absicht erfahren, wird Fräulein Adairihr Haus verlassen müssen."
Der Arzt seufzte. „Daran habe ich nie gedacht,"gestand er. „Ich hoffte, Fräulein Adair würde so langebleiben, bis Anna fertig ist, und sie ist erst acht Jahrealt."-
Leo lachte herzlich. „Lieber Junge," scherzte er,„glaube doch nicht, daß eine so bildhübsche Dame fünfoder sechs Jahre von der Männerwelt unbemerkt bleibt.Entweder mußt Du Dich bald mit ihr verloben — oderauf sie verzichten."
V.
Es war sonderbar, daß nach diesem ersten Besucheder junge Inspektor seinen Weg sehr häufig nach Ebers-heim nahm, noch auffälliger, daß er zu den Besuchen inder Lehrersfamilie Stunden wählte, in denen er Willyin seinem Berufe beschäftigt wußte. Er wurde baldein Liebling der ganzen Familie. Die Kleinen freutensich, wenn er kam, denn er stellte sich niemals mit leerenHänden ei«. Der Lehrer verplauderte gern ein Stündchenmit ihm, sogar Frau Berghaupt und die beiden ältestenMädchen, Babette und Florentine, legten allmählig ihreSchüchternheit ab und empfingen den Gast mit allerFreundlichkeit, die ihnen zu Gebote stand.
Die mit Töchtern so reich gesegnete Mutter hattekeinen anderen Gedanken, als daß der reichbegabte Pflege-sohn ihrer Schwester Gefallen an einem ihrer Mädchengefunden habe, nur wußte sie nicht, ob er Babette oderFlorentine den Vorzug geben solle. Es war zwar traurig,daß das alte Stammschloß der Familie verloren gegangenwar, aber es schien ihr, daß Leo der Liebling ihrerSchwester Angela gewesen sei, und als ihr Erbe konnteer zweifellos die Güter wieder erwerben. Immerhin warer eine sehr gute Partie, aber ach! warum zögerte erso lange, sich offen zu erklären? Ihrem Gatten sagtesie kein Wort von ihrem Lieblingstraum, auch Willynicht, wohl aber ihren Töchtern, und alle drei Damenstimmten überein, daß Florentine die passendste Gattinfür Leo werden würde.
„Ich würde in bescheideneren Verhältnissen weit glück-licher sein," gestand Babette offen, „aber Florentine istwie geschaffen dazu, um ein Dutzend Dienstboten zu be-fehlen und in einem großen Schlosse zu herrschen; sieryuß Leo'S Gattin werden."
DaS lautete für jeden Unbefangenen selbstlos, aberfeit einigen Monaten hatte ein reicher Gutsnachbar, HerrMayfeldt, häufig den Lehrer Berghaupt besucht, und so-wohl Babette wie ihre Mutter hielten diese Besuche nichtfür absichtslos.
So war der Winter dem Frühling gewichen. DerLehrer schien für alle Vorgänge in seinem Hause blindzu sein; auch Willy hatte nur feine Augen für Martha
Adair offen und ahnte nichts von den Träumen seinerMutter, die Herrn Mayfeldt und Leo bereits wie ihreeigenen Söhne ansah. Mittlerweile wurde die Gouver-nante von Tag zu Tag bleicher; ihre glänzenden Augenblickten trübe, und nur mühsam konnte sie ihre täglichenPflichten erfüllen. Leo beobachtete sie scharf, und eswar ihm zur Gewißheit geworden, daß die Entdeckungvon Wtllh's Geheimniß diese traurige Veränderung her-vorgerufen habe.
„Hat Fräulein Adair niemals eine Ferienzeit?"fragte Leo den Lehrer, als er sich in der Familie zumAbendessen wieder einmal einstellte.
„Sie verlangt gar nicht darnach, da sie wederFreunde noch Verwandte hat, zu denen sie anch aufkurze Zeit Hinreisen könnte," lautete die Antwort.
„Aber sie bedarf einer Erholung," beharrte Leo,„ich wundere mich, daß Du als Arzt diese Veränderungnicht siehst, Willy; sie schleicht einher wie ein Schatten.Entweder hat sie großen Kummer oder sie ist ernstlichkrank."
Der junge Arzt war sichtlich erschrocken. BeimHeimweg lenkte er das Gespräch gleich wieder aufMartha Adair.
„Ich weiß wirklich nicht, wozu ich mich entschließensoll," begann er, „biete ich ihr jetzt schon Herz undHand an und sie schlägt meine Bitte ab, so ist meinElternhaus kein Aufenthalt mehr für sie; spreche ichaber nicht offen mit ihr, so habe ich kein Recht, nachihrem Kummer zu fragen."
„Sprich offen mit ihr," rieth Leo mit seltsambebender Stimme, „sie hat das Herz auf dem rechtenFleck. Wenn sie Dich liebt, wird sie entweder wartenoder ein Leben unter wenig günstigen Aussichten schonjetzt mit Dir beginnen."
Der auffallend bewegte Ton der Stimme ließ denArzt verwundert aufschauen. Plötzlich fiel es wie Schuppenvon seinen Augen, und er rief erschreckt aus:
„Oh Leo, sage mir nicht, daß Du sie auch liebst,das könnte ich niemals ertragen! Raube mir nicht daLeinzige Glück meines Lebens, denn ich habe nur dieeine Hoffnung, Martha's Liebe zu gewinnen."
ES entstand eine lange, peinliche Pause. Leokämpfte einen schweren Kampf; er liebte die bleiche,schöne Gouvernante mit allen Fasern seines Herzens,aber konnte er den Freund betrügen, der ihm vertrauthatte? Willy hatte ihm das Geheimniß feines Herzensgeoffenbart, ehe er Fräulein Adair gesehen hatte, undes wäre schlecht und niedrig von ihm gewesen, demFreunde die einzige Hoffnung und Lebensfreude zu rauben.Endlich brach er das Schweigen und sagte so ruhig alsmöglich:
„Von mir hast Du nichts zu befürchten, alterJunge; auf den Trümmern Deines Glückes würde ichnie das weinige aufbauen. Aber Andere sind vielleichtweniger gewissenhaft. Wie könnten sie es auch sein, daDein Geheimniß Niemandem außer mir bekannt ist?Folge meinen: Rathe und sprich gleich morgen mitFräulein Adair; es ist doch besser wir diese quälendeUngewißheit. Wenn Deine Mutter sie fortschickt, wasich fast befürchte, so wird Dein Vater sich doch um eineandere Heimath für sie bemühen. Sie scheint ohnehinnicht glücklich in Eurem Hause zu sein, und ich fürchte,daß Deine Schwestern ihr das Leben beträchtlich er-schweren."