«47.
Ireltag» den 5. Juni
1896.
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbcfitzer vr. Max Huttler ).
Kchickfalsivege.
Erzählung von Clarisse Borges.
(Fortsetzung.)
Der junge Arzt schaute enttäuscht im Gemache um-her, doch Lilli beantwortete seine unausgesprochene Frageund sagte:
»Ich will in'S Schulzimmer gehen und FräuleinAdair zum Abendessen rufen," doch die Mutter hielt sievon ihrem Vorhaben zurück.
»Bemühe Dich nicht," sagte sie schroff, »FräuleinAdair weiß, daß pünktlich um acht Uhr gespeist wird,darnach kann sie sich richten."
Noch vor wenigen Monaten hatte sie sehnlichst ge-wünscht, ihre Töchter zu Lehrerinnen oder Gouvernantenauszubilden, damals fehlten aber leider die Mittel dazuund jetzt — — sah sie eine weite Kluft zwischen ihrenTöchtern und deren Erzieherin, die ja für ihr täglichesBrod arbeiten mußte!
Martha Adair war bereits im Speisezimmer. Willybot ihr zum Gruß die Hand und stellte Leo vor, docher war entrüstet, daß weder Mutter noch Schwesternwährend der Mahlzeit auch nur ein Wort an sie richteten.Die junge Dame hatte sich in den wenigen Monaten,seitdem sie in der Lehrerfamilte weilte, sehr zu ihremVortheil verändert. Der matte, müde Ausdruck ausihrem Antlitz war verschwunden und hatte einer lebhaftenFrische Platz gemacht, nur ein melancholischer Ausdrucklagerte noch oft auf ihrem lieblichen Gesichtchen, wennsie an den plötzlichen Tod ihrer Mutter gedachte, die sieso gern in diesem Leben noch einmal wieder gesehenhätte.-
Leo von Wildenthal konnte kaum seine Blicke vonder lieblichen Erscheinung abwenden. So unmuthig undbezaubernd in ihrer kindlichen Bescheidenheit hatte erkaum in seinem Leben eine junge Dame gesehen, undjetzt verstand er Willh'S Gefühle, die von dieser seltenenSchönheit mächtig angezogen waren.
Und doch fühlte sich Martha Adair entäuscht inihrem neuen Wirkungskreise. Die Kinder liebten sie undmachten gute Fortschritte; der Lehrer und der Arzt kamenihr mit zuvorkommender Höflichkeit entgegen, aber FrauBerghaupt und die beiden ältesten Töchter suchten dieneue Hausgenossin in „ihre Schranken" zurückzuhaltenind zeigten ihr bei jeder Gelegenheit den großen Unter-
schied, der zwischen ihrer Familie und der armen Er-zieherin bestand.
Martha selbst konnte diesen gewaltigen Unterschiebnicht gnt einsehen. Sie erinnerte sich genau der Zeit,da Jenny Berghaupt in ihrem fadenscheinigen, ärmlichenKleide Mademoiselle La Rochette angefleht hatte, sie dochals Handarbeitslehrerin zu behalten, sie wolle ja keinGeld beanspruchen, sonderu nur um das tägliche Brodarbeiten. Wie sie dann nach vergeblichen Bitten schluchzendbei Martha Adair Trost gesucht und geklagt hatte, daßdie Eltern jetzt nach ihrer Rückkehr wieder ein Kindmehr zu beköstigen haben würden.
Es berührte den jungen Inspektor seltsam, daß diedrei Herren die Kosten der Unterhaltung ganz alleintragen mußten; Frau Berghaupt und ihre beiden Töchterverhielten sich ganz schweigsam, und wenn das Wort ansie gerichtet wurde, antworteten sie einsilbig und stockend,man merkte es ihnen an, daß sie in großer Zuriickge-zogenheit gelebt hatten und dadurch ihre Ansichten be-schränkt und ihr Gesichtskreis ein enger war.
Leo bemitleidete die arme Gouvernante, deren LooSin dieser Familie gewiß nicht zu beneiden war, er fandkeine Gelegenheit mehr, mit ihr zu sprechen, und baldnachher trat er mit Willy den Rückweg an.
„Nun?!"
Leo verstand wohl dieses kleine an ihn gerichteteWörtchen und wußte, daß Willy sagen wollte: „Wiegefällt sie Dir?" aber er beantwortete nicht die unange-sprochene Frage und sagte nur:
„Dein Vater gefällt mir sehr gut; er ist daS echteBild eines biederen deutschen Lehrers."
„DaS ist er," pflichtete der Sohn bet, „so lang.ich denken kann, hat er sich bemüht, uns Kindern einliebevoller Vater zu sein. Meine Mutter ist auch gut,aber sie hat oft sehr beschränkte Ansichten."
„Sie hat vielleicht bittere Erfahrungen im Lebengehabt."
»Deshalb darf sie aber nicht hart und ungerechtsein, und meine beiden Schwestern sind ebenso wie sie.Leo, es hat mich empört, wie rücksichtslos sie FräuleinAdair behandelten."
»Sie waren gerade nicht freundlich gegen sie," gabLeo zu, »es ist doch sonderbar, daß Frauen gegen es«schönes Mädchen oft so hart und rücksichtslos sind."
»Hältst Du sie wirklich für schön?"
„Sie ist entzückend. Lieber Willy, siehst Du denn