Ausgabe 
(16.6.1896) 50
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schüft, und dieser Gedanke erfüllte mich mit frischemMuth."

Er sprach von seiner Liebe, sie nur von Freund-schaft. Die Augen der Sterbenden sehen scharf, und indiesem Augenblick erkannte Willy Berghaupt, daß erMartha's Herz nicht gewonnen hatte und ihre Liebe niegewinnen würde, selbst wenn er alle Schätze Indiensihr zu Füßen gelegt hätte.

Es ist besser so", sagte er, mühsam athmend,ichgehe jetzt ein in das Land des Friedens, wo alles Leidhinter uns liegt, und mir bleibt der Schmerz erspart,Sie als Gattin eines Anderen zu sehen."

Martha hielt seine fieberglühende Hand fest in derihrigen und erzählte ihm von ihrem neuen Leben.

Fräulein Ambach ist so gut", schloß sie ihrenBericht, .ich fühle mich dort so wohl, wie in meinemeigenen Hause, und sie will mich immer bei sich be-halten."

Glauben Sie das nicht, Martha", lächelte derKranke müde.Leo, bist Du da?"

Ja, der Doctor ist gekommen, und es ist Zeit,daß ich Fräulein Adair in den Gasthof zurückführe;sie wird morgen wieder zu Dir kommen."

Der Sterbende schüttelte traurig sein Haupt.

Ich will jetzt Abschied nehmen", hauchte er tonlos.Der Himmel segne Dich, Martha, sei glücklich."

Dann erfaßte er ihre Hand und legte sie in LeosRechte.Du mußt ihr ein treuerer Freund sein, alsich es werden konnte", flüsterte er,mache sie glücklich,und vergeht mich nicht in Eurem Glücke."

Ich komme morgen wieder", versprach Martha,und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie einenKuß auf die welke Hand des Sterbenden drückte. Aberfür den jungen Arzt brach kein irdischer Morgen mehran, denn als die letzten goldenen Strahlen der unter-gehenden Sonne sich durch das Fenster stahlen, öffnetensich ihm die Pforten des Paradieses.

Herr Commercienrath Ambach kehrte gleich am fol-genden Tage Ebersheim den Rücken, er wollte weder dieVersicherung der Reue Frau Berghaupts noch die Klagender Familie über den Tod des Sohnes anhören. Dochda Martha Adair von den letzten Ereignissen zu sehrangegriffen, die Witterung aber sehr günstig war, be-schloß er, seine Schwester mit seinem Schützling nachder Schweiz zu schicken, damit er für den kommenden10. Mai in aller Stille seine Vorbereitungen treffenkönne.

Der wichtige Tag kam herbei. Der alte Graf vonWtldenthal und sein Pflegesohn Leo wurden von demCommercienrath eingeladen, ebenso der Anwalt der Ver-storbenen, Herr Ruthberg. Herr Rieding und sein SohnMartin erschienen ungeladen.

Herr Ambach erklärte, die Güter und das Stamm-schloß der gräflichen Familie Wildenthal durch Ankauferworben zu haben. Das für die zehn Nichten bestimmteCapital sei in Staatspapieren sicher angelegt, es handlesich also nur um die Vertheilung des Hauptcapitals.Doch Herr Rieding unterbrach den Sprecher unwillig.

Was geschieht mit dem Schlosse und den Gütern?"fragte er höhnend.Sind diese Besitzthümer etwa derLohn für Ihre Mühe?"

Schurke I" kam es leise von den Lippen des altenGrafen, doch Herr Ambach schien die höhnende Bemerkunggar nicht gehört zu haben und fuhr unbeirrt fort:

Es war der Wille meiner verstorbenen Freundin,die Besitzungen zu erwerben und dieselben am heutigenTage mit der Hälfte deS Vermögens demjenigen ihrerdrei Neffen zu übergeben, der dieses Erbes würdig ist.Lieber Leo", wandte sich der alte Herr an den jungenJnspector,Sie sind der Erbe, und sobald einige noth-wendige Formalitäten beobachtet sind, können Sie Besitzdavon ergreifen. Ich gratulire Ihnen zu diesem Glück,das Sie wohl verdient haben."

Es kommt mir vor, als beraube ich meine Pflege-eltern", stammelte Leo verwirrt, doch der alte Graf be-ruhigte ihn.

Es ist der schönste Tag meines Lebens", versicherteer,wie wird sich Deine Mutter über diese Botschaftfreuen, und wir sind ganz zufrieden in unserer einfachenHäuslichkeit."

Das ist schon Alles gut", warf Herr Rieding unwillig ein,aber was erhält mein Sohn? wie großist sein Antheil? bekommt er die andere Hälfte des Ver-mögens?"

Ihr Antheil, Herr Martin, ist nichts! Dieandere Hälfte des Vermögens gehört den Kindern desin Amerika verschollenen Bruders Hans."

Warum wird mein Sohn von der Erbschaft aus-geschlossen? Ich nenne das eine himmelschreiende Unge-rechtigkeit", rief Rieding empört aus.

Er hat sich seinen Verlust selbst zuzuschreiben;durch sein Benehmen hat er jedes Anrecht auf den Besitzverscherzt", erklärte der alte Herr.Wäre Willy Berg-haupt noch am Leben, so wäre das Vermögen in dreigleiche Theile getheilt worden, denn er war ein edler, tugend-hafter Mensch, der wohl einen Preis verdiente."

Die Herren entfernten sich, nur Leo von Wildenthalblieb noch zurück.

Sobald Fräulein Adair zurückgekehrt ist, werdeich häufig Ihr Gast sein", scherzte er.Ich liebe Martha,aber es scheint mir herzlos, jetzt schon von meiner Liebezu sprechen, da kaum das Gras auf Willy's Hügel wächst."

Sie liebte ihn gar nicht", beruhigte Herr Ambach,aber ich verstehe wohl Ihre Gefühle Sie wollenjetzt noch nicht von Ihren Hoffnungen sprechen, da IhrFreund erst so kürzlich geschieden ist."

Als er starb, legte er ihr Glück in meine Hand",gestand Leo.Er kannte meine Empfindungen, und fürihn war doch jede Hoffnung geschwunden."

Nach diesem ereignißreichen Tage reiste Herr Am-bach zu seinen Damen.Ich will Dir schon jetzt sagen,wie eS werden wird", sagte er zu der Schwester.Wirwerden die Kleine nicht mehr lange behalten, aber alsLeos Gattin wird sie sehr glücklich werden. Es ist zwarhart für uns, Ulrike, denn ich hätte Martha gern alsTochter adoptirt."

Die alte Dame lächelte überlegen.Martha istwie geschaffen als Herrin auf einem Schlosse. Natürlichwerden wir sie schmerzlich vermissen, aber vorläufig bleibtsie noch bei uns, und später findet sich vielleicht dieTochter des verstorbenen Bruders Hans, die dannMarthas Stelle bei uns einnehmen kann."

Ich fürchte, das Kind ist todt", seufzte der alteHerr.Alle Nachforschungen sind vergebens; Mutterund Kind scheinen spurlos von der Erde verschwundenzu sein."

Ob wohl Frau Berghaupts Herz durch den Todihres Sohnes erweicht ist?" fragte sie sinnend.