Ausgabe 
(16.6.1896) 50
Seite
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Es müßte wohl sein, aber das Herz dieser Frauwar so hart, wie ein Mühlstein. Vielleicht ist sie wiederauf der Jagd nach einem Schwiegersohn."

Herr Ambach kehrte bald mit seinen Damen indie Heimath zurück, und Martha beeilte sich, zum erstenMal Mademoiselle La Rochette aufzusuchen. Die alteDame küßte ihre frühere Schülerin, und Thränen schim-merten in ihren Augen.

Ich merkte erst, wie sehr Du an mein Herz ge-wachsen wärest, nachdem ich von Deinem Verschwindenhörte. Ich halte im Allgemeinen nicht viel von jungenHerren, aber dieser Jnspector Wildenthal hat mir gutgefallen. Na, Martha, Du brauchst nicht gleich er-rathen; ein Jeder kann ja leicht denken, daß Du In-teresse für ihn hast, er aber noch mehr für Dich. Duwirst bald heirathen, denn Du bist viel zu gut, um ledigzu bleiben. Da Du aber von Kindheit an unter meinemSchutze weiltest, bitte ich Dich, mir Deine Verlobungmitzutheilen, sobald sie stattfindet."

Ich werde niemals heirathen", versicherte das jungeMädchen,Fräulein Ambach will mich stets in ihremHause behalten, und sie zahlt nur mir ein so hohesSalair, daß ich mit der Zeit hoffe, meinen Verpflichtungengegen Ihren Bruder nachzukommen."

Denke nicht daran; mein Bruder bedarf das Geldgar nicht. Im nächsten Monat schickt er mir zwei seinerTöchter in Pension; Du mußt die Kinder oft besuchen,Martha, sie sind ja Deine Schwestern."

Martha Adair ging gedankenvoll nach Hause undahnte die Ueberraschung nicht, die ihrer dort harrte.Weder Herr Ambach noch seine Schwester waren imSalon, doch sobald sie eintrat, sah sie die Gestalt einesHerrn mit ausgebreiteten Armen auf sich zukommen.

Martha!"

Leo!"

In diesem Augenblicke erinnerte sie sich, daß sie ihnmit seinem Vornamen genannt habe, und ihre Wangenfärbten sich purpurroth, doch er zog die schlanke Mädchen-gestalt fest an sich und flüsterte ihr zu:

Geliebte! Willy Berghaupt hat sterbend DeinGlück in meine Hände gelegt. Ich liebte Dich schonlange, aber da ich das Geheimniß meines Freundeskannte, schien es mir ein Verrath, offen mit Dir zusprechen. Solange der Grabeshügel noch so frisch war,wagte ich auch nicht von meiner Liebe zu reden, aberalle meine Gedanken und mein Herz weilten bei Dir.Mein Liebling, willst Du mir Dich anvertrauen undspäterhin meine geliebte Gattin werden?"

Sie zögerte einen Augenblick.

Weißt Du auch, daß meine Mutter eine Schau-spielerin war, und daß ich von meinem Vater gar nichtsweiß", stammelte sie endlich.Du bist jetzt ein reicherMann, ich bin keine passende Gattin für Dich."

Was hindert es, daß Deine Eltern arm waren!Gott im Himmel weiß, wie arm meine Pflegeelternwaren. Ich liebe Dich, und wenn Du nicht meineGattin werden willst, ist mein ganzes Lebensglück ver-nichtet. Findet denn meine heiße Liebe kein Echo inDeinem Herzen?"

Sie antwortete nicht, aber ihr Haupt sank auf seineSchulter, und sie weinte Thränen des Glückes und derFreude.

Unter den zahlreichen Freunden, die bei dieserfrohen Nachricht das Haus des alten Commercienraths

förmlich^bestürmten,'.um^den Verlobten Glück zu wünschen,fand Mademoiselle ^La Rochette sich zuerst ein. Sieüberreichte der glücklichen Braut einen umfangreichenBrief, der noch nicht geöffnet und mit fremdländischenBriefmarken versehen war.

Auf ihrem Sterbebette wünschte Deine Mutter,daß dieser Brief an Deinem Verlobungstage, oder wennDu Dein einundzwanzigstes Lebensjahr vollendet habest,in Deine Hände gelegt werden sollte", sagte die alteDame feierlich.Aber, mein Kind, befolge meinen Rathund wirf das Schriftstück ungelesen ins Feuer. Es ent-hält gewiß Nahrichten über Deinen Vater, und es istsicher besser. Du weißt gar nichts, als schlechte Neuig-keiten zu hören."

Doch Leo und Martha theilten nicht die Meinungder alten Dame; sie hatten keine Geheimnisse vor ein-ander und öffneten daher das Schriftstück gemeinschaftlich.Zuerst fiel ein Brief in ihre Hände, der mit dem NamenMartha La Rochette" unterzeichnet war, und denMartha's Mutter geschrieben hatte, als sie ihr Endeherannahen fühlte.

Es war ein langer, liebevoller Brief, und jede Zeileathmete heißes Verlangen nach dem abwesenden Kinde.Sie erzählte, daß ihre drückende Armuth sie veranlaßthabe, ihren Namen aufzugeben und ihren früherenMädchennamen anzunehmen.

Dein Vater war ein stolzer, deutscher Edelmann",schloß der Brief,und stammte aus einer gräflichenAdelsfamilie. Dein richtiger Name istMartha vonWildenthal", und vielleicht leben noch Dein Großvateroder Deine Verwandten im südlichen Deutschland . Ichschreibe Dir dieses in der Hoffnung, daß die GewißheitDeiner Herkunft im späteren Leben für Dich von Wichtig-keit sein wird."

Diesem Briefe waren zwei wichtige Papiere einge-schlossen: der Trauschein des Grafen Hans von Wilden-thal mit Martha Adair und der Geburtsschein ihrer TochterMartha.Nun ist die arme, kleine Erzieherin der Berg-haupt'schen Familie sogar eine reiche Erbin", scherzteLeo,hätte ich das früher gewußt, so würde ich nichtgewagt haben, meine Augen zu Dir zu erheben."

Herr Ambach war hocherfreut. Er erklärte, dasGeheimniß längst errathen zu haben, denn Niemandhabe der guten Frau Marlitz so ähnlich gesehen, wieMartha, nur haben ihm die Beweise gefehlt.

Ehe der Winter ins Land zog, fand im Hause desalten Commercienraths große Hochzeit statt, bei der auchMademoiselle La Rochette und der Lehrer mit seinenKindern zugegen war. Frau Berghaupt konnte nichtüberredet werden, an der Festlichkeit Theil zu nehmen,und schützte ablehnend die Trauer um ihren Sohn Willyvor. In Wahrheit wollte sie das Glück der Liebendennicht mit ansehen, denn sie konnte es Leo nicht vergeben,Martha vor ihren eigenen Töchtern den Vorzug gegebenzu haben. Die beiden kleinen Stiefschwestern der Brautstreuten Blumen auf dem Wege zum Traualtar undfreuten sich schon auf die kommenden Ferien, die siefortan auf dem Schloß Wildenthal zubringen sollten.

Es war der jungen Frau eine große Freude, mitEinwilligung ihres Gatten ihrem Stiefvater alles Geldmit Zinsen zurückzuzahlen, das er für ihre Erziehunggegeben hatte, und sie war fest entschlossen, ihren kleinenStiefschwestercheu alle Liebe zu bieten, die sie in ihrerJugend so schmerzlich entbehrt hatte.