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den Vater der jungen Dame ihr die pflichtschuldige Artig-keit erzeige. Was hindert mich sonst in der Nähe derLinde unsern Platz zu wählen?"
Jetzt bemerkten die jungen Männer Ottilie amSängertisch, die aus Interesse an dem Gehörten ihre Vor-sicht vergessend, ihr Gesicht ihnen zugewendet hatte.
„Schau, Max, welche Schönheit! Das wäre einModell für meine Poesiel" Der Aeltere sagte es, denBruder anstoßend, so laut, daß Ottilie es hören mußte.Jähes Roth flog wieder über ihr Gesicht und sie wandtesich unmuthig ab. Wie hatte sie so unbehutsam seinkönnen! Was durfte man von ihr denken, wenn sieselber die Leute anstarrte?
Sie sah den mißbilligenden Blick nicht mehr, dender jüngere Herr dem lauten Sprecher zusandte; dagegenfiel ihr das verstörte und aufgeregte Aussehen Gold-munds auf, der eben von der unteren Terrasse heraufihr zuschritt. Lautes Lachen tönte zugleich von untenihm nach. AIs Goldmund bei Ottilie anlangte, mußte er dieneugekommenen Herren am nächsten Tisch bemerken. Sieerkannten ihn und grüßten höflich. Er besann sich einenAugenblick, dann eilte er zu ihnen hin.
„O Herr Professor vr. Heermann, welche Freude,Sie hier zu sehen I Wie schön, daß Sie mich erkannten!"hörte Ottilie den Alten sagen, dem sie um alle Weltnicht nachblickte. Sie vernahm nur, daß man ihm Platzbot, worauf er weiter redete: „Danke, danke, ich sitze ganzgut so I Freut mich, Herr Ör. Heermann, daß ich beidiesem Anlaß auch Ihren Bruder kennen lerne. Wohlin Bonn ansässig? Künstler, Kunsthändler oder Beides?Um so schöner! Wie wohlthuend, daß ein so feinerHerr sich des alten Goldmund, trotz seiner Erniedrigung,noch erinnert! Es ist freilich noch nicht lange her, seitSie mich in Freiburg auf der Bühne sahen. Herr Pro-fessor, es ging rasch abwärts mit mir! Tenore dauernnicht lang, wie Sie wissen. Krankheit, häusliches Un-glück beschleunigten den Sturz, nahmen die Ersparnisse".
Des alten Mannes Stimme zitterte, der eben er-littene Spott hatte ihm weh gethan. Die unerwarteteFreundlichkeit eines geachteten Herrn bewegte nun sein Ge-müth in Rührung.
In Ottilie regte sich sofort wieder nichts als herz-liches Mitleid mit dem armen, halb verwirrten Greis.Es that ihr wohl, wie wenn er ihr wirklich nahe stände,daß sie dieselbe Regung in Stimme und Wort bei demjungen Mann bemerkte, der schonend und mit äußersterHöflichkeit Rede und Antwort mit Goldmund wechsclte-
„Jch wähnte, Sie hätten sich auf Unterrichten ver.legt?" sagte er, „warum blieben Sie nicht dabei, HerrGoldmund?"
„Es ging nicht mehr recht. An manchen Ortengewann ich Ruhm als Lehrer, mußte aber immer wiederfort, bald der kranken Frau, bald der Söhne wegen,die ich leider verlor. Zuletzt mußte ich die Tochter ab-holen, die ich sorgfältig erziehen ließ, die sich aber dochnoch kein Brod verdienen kanü. Nun ist es Sommer,da sind nirgends feste Verhältnisse. Es gilt, mir hierGeld zur Weiterreise zu verdienen oder Bekanntschaftenzu machen, die mir ein neues Heim für mich und dasKind gründen helfen. — Hier am Rhein regte sich auchdas alte Künstlerblut in mir. Man sehnt sich darnachgehört zu werden, so lange man uoch gefällt."
„Und deshalb? — Hm! — Ihre Tochter begleitetSie? Singt sie nuch?"
Es war der ältere Heermann, der mit dieser zwei-felnden Frage herausplatzte. Ottiliens Köpfchen senktesich sofort auf das Notenblatt herab. Sie hätte jetztweit weg sein mögen. — Der Name des Doktor Heer-mann war ihr bekannt. Sie wußte nun, weßhalb ervorhin erklärt hatte, daß er der Tochter ihres VatersArtigkeit zu schulden glaube. Der alte Grube schätzte ihn,hatte sogar an ihn den Sohn empfohlen, als Ottmarauf die Universität kam. Wie hatte sie nur so toll seinkönnen, sich hier im Rheinland unter lauter Wildfremdenzu wähnen, wie etwa in einem neuentdeckten Welttheil.
Die Frage des älteren Heermann verwirrte aberGoldmunds Kopf noch mehr.
„Singt? Ob sie singt? Ja freilich singt sie. Istja meine Schülerin und hat eine weiche, klangvolleStimme. Aber eigentlich singt sie nicht. Im Klostervernachlässigte man absichtlich ihr Talent. Wohl ausFurcht vor der Welt, in der ich lebte; dazu kommt noch,daß sie allzu schüchtern ist. Begrübe sich am liebsten inKlostermauern."
„Wäre Schade", warf der Kunsthändler wieder da-zwischen.
„Schade? — Ja, das sage ich auch, wenigstenstraurig für mich wäre es. Eigentlich schön ist dasMädchen ja nicht und paßt nicht auf's Theater."
„Nicht schön? Na da muß ich bitten! Ein Künstler-auge, wie meins, versteht sich doch wohl auf Formenund Farben."
„Sie kennen Licie? Ach — ja so! — Sie sahen— wie? Was wollte ich doch sagen? Ich verstehe —ich vergaß ganz —"
„Sie vergaßen?"
„Daß ich wieder zu singen habe! — Viele Herr-schaften brechen früh auf, Andere haben noch nichts ge-hört. — Entschuldigen Sie, meine Herren."
Ottilie athmete leicht auf, als der Alte den ver-fänglichen Fragen ein Ende gemacht hatte und wiederneben ihr Posten faßte.
Lieb war ihr, daß seine Mittheilungen ihr gewisser-maßen ein Recht auf die schüchterne Rolle gaben, durchwelche sie der Annäherung an Bekannte ihres Vaterssich am besten zu entziehen hoffte. — Gefaßt griff siewieder zur Guitarre, als der Alte das beliebte Lied an-stimmte: „An den Rhein, an den Rhein ! geh' nicht anden Rhein , mein Sohn, ich rathe Dir gut."
Er that Wunder. Die leichte Melodie lag inseiner Stimme; die Nähe von Dr. Heermann rief ihmbessere Stunden zurück; er verfiel in keine Uebertreibung,sondern sang das Lied mit einfacher Fröhlichkeit zu Ende.
„Herrlich! Bravo!" brüllte aber jetzt ein vielstim-miger Chor am Rand der unteren Terrasse, wo dieKöpfe der Studenten sich zeigten. „Bravo ! Alter vomBerge! Aber auch Bravo Dein schönes Wunderkind.Ein neuer Salamander steigt ihr, der Schönsten derSchönen!"
Ottilie raffte ihren Muth zusammen. Sie sagtesich, daß Sprödigkeit das Uebel nur schlimmer machenwürde und sie ihrer Rolle gemäß sich zu verhalten habe.In nächster Nähe einen Menschen zu wissen, der ihrenVater kannte, dem sie sich nur zu nennen brauchte, umseines Schutzes gewiß zu sein, gab ihr zugleich einigeRuhe.
Wie zum Dank, neigte sie das Haupt gegen dieBeifallklatschenden. Sie hoffte damit genug gethan zu