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paar Gläser Wein zu Kopf gestiegen waren, die Iden-tität der Mädchen.
„Wer hier singen soll, darüber entscheidet doch wohlder Direktor des Etablissements, der mich berufen hat",sagte er, mit einer Geberde voll Stolz das Geldstück zu-rückweisend. „Meine Tochter braucht hier nicht zu singen.Sie ist für's Kloster erzogen und nicht für's Wirthshaus."
„Für's Kloster? Hört! Der alteNarr! Ist hier oben ein Kloster?
Ist sie vom Nonnenwerth druntenherausgeflogen? Ein schöner Vogelist sie allerdings. Wäre schade fürsie, im Kloster zu bleiben. Werwill Ritter Toggenburg sein?"
So schwirrten Gelächter und lustigeReden durcheinander, spottend blicktendie jungen Leute dem Alten nach,der, sich in die Brust werfend, lang-sam nach seinem Platz zurückkehrte.
Ottilie hatte nichts von diesemVorgang bemerkt. Ihre Aufmerk-samkeit war nach einer anderen Seitegelenkt worden. Sie hatte dort denNamen der Frau Räthin Rehwaldnennen hören, und zwar von Herren,die ganz in ihrer Nähe einen Tischaufsuchten. Ihr däuchte zu hören,daß sie dieser Ostseite der Terrasseden Vorzug gaben, weil die Räthinam andern Ende saß. Sie hattenalso das gleiche Interesse wie Ottilieselber; drohte hier die Gefahr, mitBekannten zusammenzutreffen?
Sie faßte die Ankömmlinge in'sAuge. Beide waren ihr unbekannt.
Der jüngere, der noch nicht gesprochenhatte, mochte Anfang der Dreißigsein. Er hatte ein geistreiches, fein-geschnittenes Gesicht, blickte mit leb-haften, fröhlichen Augen um sich,hatte gewandte, jugendliche Beweg-ungen. Er war der Typus einesRheinländers, dessen natürliche An-lagen durch feine Sitten und geistigeBildung veredelt und erhöht sind.
Der ältere Herr glich ihm ein wenig,war aber größer und weniger ver-feinert in Kleidung und Haltung.
Er mochte ein Künstler sein oderauch der Geschäftswelt angehören.
Seine Manieren waren weniger be-herrscht, seine Rede lauter, als dergute Ton es gestattet.
„Du wirst Dich neuerdings schlechtanschreiben", sagte er, auf einenvon seinen Gefährten gewählten Tischzuschreitend, „die Frau Räthin hälts Dich ohnehin fürunverbesserlich."
„Es geht auf die alte Rechnung", antwortete derJüngere leichthin, indem er noch einige Stühle herbei-holte und sie um den gewählten Tisch lehnte, als Plätzefür Nachzukommende. „KZ - s-j
„Weißt^Du^denn, ob^unsere Damen mit diesemabgelegenen Plätzchen zufrieden sein werden?" hub der
Andere wieder an. „Die Tante wenigstens säße lieberin der Nähe der Rehwald. Unter der Linde weilt auchDr. Lebert. Mit dem neckt Tante sich gern; das heißtsie „zieht ihn auf", den Gecken!"
„Sie kann sich da drüben einfinden und dort bleibensolange es sie freut. Die Frau Professor sitzt dagegenlieber hier und gewiß auch die Frankfurter Damen.
Ich selber werde drüben nur aufZ einen Augenblick michvorstellen."
„Also wirllst Du Dich doch beimachen? Gewiß umdem Besuch aus Graz zu gefallen. Hm, Du bist schlauerals Du gestehen willst?"
„Warum schlau", war die halblaute Antwort, inder ein wenig Aerger vernehmbar war. „Ich bitte Dichkeine Absichten zu vermuthen, wenn ich aus Rücksicht für
Ute kleine Kehrcrin. Nach dem Originalgemälde von E. Schuback.
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