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Der alte Goldmund hörte diese Reden nicht. DerBlick in sein zufriedenes Gesicht hatte Ottilie rasch be-lehrt, wie viel ihm der Beifall werth war, den er sichallein zuschrieb. Sie sagte sich, daß sie durch Auflehnunggegen Huldigungen statt ihm zu nützen, ihm schadenwürde. Wollte sie ihrer großmüthigen Absicht getreubleiben, so mußte sie die unbedachten Folgen ihresSchrittes ertragen. Es regte sich auch das muthtgeTrotzgefühl ihres Herzens wieder. Hatte ihr Wille schonoft gegen kalte Erwägungen gesiegt, bisweilen sogar zumNachtheil Mancher, so konnte und sollte es diesmal auchsein, wo es galt ein gutes Werk durchzuführen. Daßsie das Gute auf andere Weise hätte thun können, warihr nicht eingefallen. Jetzt wollte sie die verspätete Ein-sicht nicht mehr in Beachtung nehmen. Niemand sollteerfahren wie bald sie ihren raschen Entschluß bereuthatte, am wenigsten Frau Rehwald. Sie wollte dassüßsaure Lächeln nicht sehen, mit dem diese sagen würde:„Es war Ihres distinguirten Vaters, eines Professorsnicht würdig, soweit hinabzusteigen!" Lieber wollte sietaub und blind sein für weitere Ungehörigkeiten. —So gut wie möglich suchte Ottilie sich hinter Tischenund Stühlen im Schatten Goldmunds und seines Noten-pults zu bergen, bemühte sich, recht gleichgiltig und ge-langweilt auszusehen beim übermäßigen Beifall muth-williger Hörer, der offenbar nicht dem Sänger galt, ob-gleich er mit immer größerem Aufwand von Gefühl undLeidenschaft seine abgedroschenen Rheinverherrlichungensang. Wenn nur Frau Rehwald nicht in die Nähe kam, odergar Miß Rich I Die Gute wäre im Stande, herbeizu-eilen, um Ottilie aus der Verlegenheit zu retten. Nochhatte diese Felicie und die Damen nirgends erspäht undebensowenig ihren Bruder Ottmar, den Bonner Studenten,der gegen Abend auf den Drachenfels zu kommen ver-sprochen hatte, ein Umstand, der Ottiliens Jncognitoübel gefährden konnte!
Jetzt ergab sich durch Verschiebung einiger Tischeund Aufstehen mehrerer Gäste ein Durchblick durch dieMenge zum entgegengesetzten Ende der obern Terrasse.Dort unter der Linde, deren Schatten durch einige Zelt-vorhänge vergrößert war, gewahrte Ottilie mit Herzklopfenden hochgethürmten Spitzhut mit den gelben Akazien-blüthen der Frau Räthin. Sie thronte inmitten einer zahl-reichen Gesellschaft, die sich um ihren Tisch gereiht hatte. AuchMiß Rich ward sichtbar. Sie und Frau Rehwald saßenmit dem Rücken gegen Ottilie gewendet. Sicher wardas nicht zufällig geschehen; dagegen sah Ottilie in dasschmale Gesichtchen von Goldmunds echtem Töchterlein.Es kam bisweilen unter der himmelblauen Hutfederzwischen den Schultern von Miß Rich und ihrer Nach-barin zum Vorschein. Die Kleine schien zuzuhören, kurzeAntworten zu geben auf die Reden eines neben ihrsitzenden Herrn. Diesen konnte Ottilie gut sehen; erwar groß, beugte den langen Rücken, der in einem tadel-los eleganten Sommerrock stak, unermüdlich, um demkleinen Fräulein Aufmerksamkeit zuzuwenden. Er hatteein langes, fahles Gesicht, vom dunkelschwarzen Henri-quatre noch verlängert. Das mußte der Frau Rehwaldinteressanter Doktor sein! Ottilie erkannte ihn nacheiner Photographie, die sie bei seiner Gönnerin gesehenhatte. Mit dieser Erkennung kehrte Ottiliens Lustigkeitzurück und half ihr über die Schrecken der Gegenwarthinweg. „Wenn Dr. Lebert sich dort drüben unter derLinde in meine Stellvertreterin verliebt", dachte sie be-
lustigt, „so ist der Beweis geliefert, daß auch ein an-deres Genre, als das meinige, ihm gefallen kann, undFrau Rehwald kann dagegen ihre Behauptung aufrechthalten, vr. Lebert strebe nicht nach Mitgift, wenn erder kleinen Felicitas auch morgen noch die Cour macht."Ottilie hätte laut auflachen mögen, wenn sie sich vor-stellte, welche Sorge der Irrthum vr. Leberts im jetzigenAugenblick der armen Räthin bereite, die sicherlich keinMittel fand unter der Bewabung von Miß Rich ihrenGünstling aufzuklären. — So gut Ottilie im Allge-meinen die Meinung der wohlwollenden Räthin zu schätzenwußte, diese Belehrung und kleine Angst gönnte sie ihrfür ihr aufdringliches Heirathsttften. — Völlig erheitertgriff sie wieder zur Guitarre als Goldmund sie darumersuchte und präludirte mit kräftiger Hand. Sie be-achtete ihre nächste Umgebung gar nicht mehr, suchte nurdie Gesellschaft unter der Linde, so gut es anging, imAuge zu behalten. Mehrfach wechselten die Besucherder Terrassen.
An Stelle Fortgehender kamen neue Zuhörer. UnterLetztem waren auch mehrere Bonner Corpsstudenten.Sie hatten eine Tour in die Berge gemacht und kamenetwas angeheitert, folglich zu Uebermuth geneigt, aufdem Drachenfels an, um dort zu rasten. — Auf dertieferen Terrasse, just unterhalb des Standorts desSängers, hatten sie Plätze eingenommen, ohne daßOttilie es beachtete. Auch Goldmund sah sie erst, als ermit dem Sammelteller, über dem ein Notenblatt gelegtwar, die Runde an den Tisch machte.
„Alte Lerche, hat Dein lahmer Flügel Dich bisauf diese Höhe getragen, so begieb Dich wieder in DeinNest!" apostrophirte ihn einer der lautesten von denAnkömmlingen. „Siehst Du nicht, daß Du überflüssigbist, jetzt wo eine ganze Schaar Rohrdommeln hier ein-gefallen sind >und nach ihren eigenen Schnäbeln singenund flöten werden. Du kannst zwar mitpfeifen, wennDu willst, aber unentgeltlich. Silberfedern haben wir nichtund lassen uns auch nicht rupfen."
Beschämt und unmuthig wandte sich der alte Sängervon dem ausgelassenen Burschen hinweg. Während ersich einen Weg durch das Stuhllabyrinth bahnte, flüsterteein Kellner einem der Studenten etwas ins Ohr. Diesersprang rasch auf einen Stuhl, um die obere Terrassebesser zu übersehen.
„Tausend und eins, die ist freilich schön!" rief erlaut und winkte den Kameraden seinem Beispiele zufolgen. „Der schönen Tochter zu lieb mag der Altesammeln. Wir lassen der Jungen für ihre Prachtaugeneinen Salamander steigen. Wollt Ihr?"
„Einverstanden!" schrien belustigt die Andern, diegleichfalls auf Stühle gestiegen waren und neugierignach Ottilie blickten. „Meinetwegen kannst Du singen,Alter, Deine abgedroschenen Rheinlieder oder was Duwillst", rief der erste Sprecher, dem die Uebrigen zu-stimmten, „aber Dein holdselig Töchterlein muß auchsingen; dafür erhältst Du einen blanken Thaler aus derVeretnskasse I — Hier ist er schon bereit für Dich.Geh' und sag' ihr anzufangen."
Im alten Sänger erwachte, ob der rohen Scherze,das künstlerische Würdegefühl früherer Tage. Zugleichregte sich in ihm das Bewußtsein, daß er ritterlich ein-zutreten habe für das Mädchen, das sich unter seinemSchutz befand, ob sie seine Tochter war oder nicht.Er verwechselte ohnehin, seit ihm der Erfolg und ein