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„Augsburger PostMung".
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Dinstag, den 23. Juni
1896 .
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
WHeingotö.
Novelle von Carl) Groß.
(Fortsetzung.)
III.
Der Wirthschaftspächter vom Drachenfels mustertezufrieden die Anzahl seiner Gäste, die schon in früherNachmittagsstunde Bergbahn und Wägen heraufbeförderthatten und die besten Tischen auf den geräumigen Terrassenbesetzt hielten. Die bald in noch größerer Menge er-warteten Fußgänger würden sicherlich alle übrigen Plätzeeinnehmen. Dabei wunderte er sich, daß die bei ihmhochangesehene, gastfreie Räthin Rehwald mit ihrer Ge-sellschaft sich am äußersten Rand der obern Terrasse aneinem Tische niedergelassen hatte, der meist wegen Zug-luft und Sonne gemieden war, den vom Wirth ihr be-wahrten Platz verschmähend, den sie doch sonst vorzog,wo sie zugleich Schatten, Aussicht und die Lieder desBurgsängers hätte genießen können. Ja, sie hatte ver-drießlich ' und verwirrt ausgesehen, als der geschäftigeWirth ihr zuraunte, es debütire heute ein berühmterMusiker, der von einer bildhübschen Tochter begleitetwerde, die vermuthlich auch ein Lied zum Besten gebe.Der Alte hatte bereits für seinen ersten Vortrag großenBeifall geerntet. Noch sonderbarer war, daß die Rälhinheute nur Kaffee bestellte und nichts von einer Pfirfichbowlverlautete, vielmehr einschärfte, die Pferde sollten gut ge-füttert werden, um zu baldiger Weiterfahrt bereit zusein. — Indeß hatte der Drachenfelssänger schon mehrereLieder gesungen, die laut beklatscht wurden. Goldmundfühlte sich beglückt und gehoben. Reminiscenzen an ein-stige Triumphe belebten sich in dem verborgenen Herzens-winkel, wo sie, gleich welken Lorbeerkränzen, aufgespeichertruhten. Stolzer erhob der Alte das lockenumwehte Haupt.Daß der Klang seiner Stimme zurückgekehrt war, wagteer sich nicht einzureden; aber er nahm an, daß seineSchule und sein Vortrag von dem guten Accompagnementseiner Begleiterin unterstützt, heute zur Geltung kamen.Hatte er doch alle Feinheiten der Compositionen beob-achtet und dort, wo keine vorhanden waren, sie hinein-gelegt. Er hatte das: „O Rhein, mein Rhein , meinschöner Rhein ", mit rührender Innigkeit gesungen undvoll Enthusiasmus die verwitterten Reste des Drachen-fels als größte Rhetnherrlichkeit gepriesen. Goldmundfühlte sich also berechtigt Beifall anzunehmen und dachtenicht entfernt daran, daß er ihn dem schönen Mädchen
neben ihm verdanke. Die Lautenschlägerin that aberauch gar nicht dergleichen, als habe sie den mindestenTheil an des Sängers Erfolgen. In sich gekehrt, sprach-los, verschüchtert saß sie da, wie die wirkliche Felicie esnicht mehr hätte sein können; Wangen und Stirn warenmit Roth überflogen, das nicht aus Beschämung, sondernvon Zorn über Verletzung ihres Zartgefühles hervorge-rufen worden war. Sie suchte zu verbergen wie ihrzu Muth war und hatte deshalb das abscheuliche Hütchentief in die Stirne gedrückt das sie erst aufsetzte, alsVorübergehende ihre Goldhaare und ihre dunklen Augenlaut bewunderten. Leider wirkte das Hütchen mit seinenFlitterrosen erst recht als wie das Aushängeschild einerechten Bänkelsängerin, so daß Schmeichelworte immerfreier um Ottilie laut wurden.
Gar bald schon, nachdem sie ihren Platz nebenGoldmunds Notenpult am Sängertisch der obern Terrasseeingenommen hatte, war ihr das Bedenkliche ihres Unter-fangens klar geworden. Ihr Muth sank und mit ihmdie frohe Laune. Sie hatte nicht geahnt, daß man ihrje — in ganz anderer Weise nahen werde, als zu Hausbei ihrem, sie zwar vergötternden, aber sorglich schützen-den Vater. Dort wurde zwar auch ihrer Schönheitgehuldigt, aber diskret, vorsichtig. Man wußte ja, daßsie beanspruchte, ebenso wenig dieses, nur äußeren Vor-zugs wegen aufgesucht zu werden, als um ihrer Glücks-güter willen.
Mit einem Schlag sah sie sich nun in eine ganzandere Welt versetzt, als die sie bisher gekannt hatte.In der über Erwarten zahlreichen Menge der Lustfahrcrwaren junge Männer genug, die weder durch feine Sitte,noch durch Hochachtung des weiblichen Geschlechtes sichauszeichneten. Sie wähnten, plumpe Huldigungen würdenvon jeder Frau gerne angehört und dürften ohne Rück-sicht einer wandernden Mustkantin geboten werden, derenErscheinung Aufsehen erregte. Nie hatte Ottilie geglaubt,daß es so lästig sei ein schönes Gesicht und eine schöneGestalt zu haben, als jetzt, wo sie ihr aufdringliche Be-wunderung zuzogen. Zornig hatte sie aufgeblickt, als zu-erst ein Vorübergehender sie mit „Holde Schöne" anredete.Aber ihre Augen senkten sich rasch wieder, nicht nurweil sie bemerkte, daß sie vom arglos lächelndenGoldmund keinen Schutz erwarten konnte, sondern auch,weil ihr gegenüber ein frecher Jüngling laut ausrief:„Donnerwetter, welche Augen! Es blitzt ja drin wiebeim Gewitter l"