Ausgabe 
(23.6.1896) 52
Seite
394
 
Einzelbild herunterladen

394

Corps lustiger, freier deutscher Jünglinge l Gibt es keinLied für solche? Schweig', Alter! Dich haben wirgehört. Hier ist sogar Silber für Deinen Sang; gewißnimmst Du den Thaler jetzt, wenn Deine stolze Tochterihn Dir überreicht."

Ermuthigt durch den Beifall der Kameraden, legteer den Thaler vor Ottilie nieder. Sie richtete sich auf,die schüchterne Rolle war nicht länger nach ihrem Sinn.

Warum nicht?" sprach sie, die dunklen Augen ruhigund ernst auf die Jünglinge richtend.Dem Künstlergebührt größerer Lohn als dieser für die lange, ehren-volle Laufbahn, die er hinter sich hat. Freie deutscheJünglinge ehren den Künstler auch noch im Mißgeschick undverlangen nicht mehr von ihm und den Seinen, als waser freiwillig bietet."

Verlegen trat das schwarze Schnurrbärtlein zurück;aber die hinter ihm Stehenden drängten vor. Sie hattendes feurigen Weines zu viel genossen, um so schnell ihreerhitzten Köpfe zu beugen.

Aber wenn wir Gold böten statt Silber! Wasdann?" hörte Ottilie sie fragen, hörte aber zugleich auchhinter sich am Tische ihrer Nachbarn warnend flüstern:Was willst Du thun, Max? Es sind Corpsstudenten,die hören nicht auf Dich. Es gibt Unannehmlichkeiten."

Aber schon stand Dr. Max Heermann neben demalten Goldmund. Die meisten Studenten kannten ihn.Er war kein Corpsstudent gewesen, war Philister einernicht farbentragenden Verbindung, deßhalb murrten Einige,aber sie achteten den jungen Privat-Dozenten genugsam,um ihn zum Wort kommen zu lassen.

Ganz recht, meine Herren. Selbst Gold ist nurverdienter Lohn für den wackern Sänger. Herr Gold-mund ist durch sein Verdienst berechtigt, es ohne weitereLeistung anzunehmen. Ich denke, wir veranstalten eineSammlung für ihn, ganz extra für sein schönes Lied, indem die rheinischen Männer ein adlig Geschlecht genanntwerden. Nur Gold darf gespendet werden. Wer kein ge-prägtes hat, gebe dafür das Gold edler deutscher Jugendlust,die den Sänger und die Frauen zu ehren weiß, undstimme ihnen zu Ehren einen schönen Chorgesang an."

Ein Goldstück fiel aus Heermanns Hand auf denTeller, dem rasch ein zweites sich gesellte. Eine feingekleidete Dame, deren ergrauendes Haar trotz der jugend-lich lebhaften Bewegungen und der sprühenden Augendie Matrone kennzeichnete, war an den Tisch getretenund hatte das Goldstück zu dem Heermanns in denTeller geworfen.

Dr. Heermann gibt das rechte Losungswort", sagtesie, den Teller nehmend, den sie zwei Damen entgegen-hielt, die mit ihr gekommen waren; diese zögerten nicht,ihrem Beispiele zu folgen.Dem Sänger werde Goldgespendet von Seiten der Alten und Reichen und Achtungvon Seite der Jugend", schloß die Dame mit ihrersonoren Stimme.

Die Studenten waren achtungsvoll zurückgewichen.Die Sprecherin war Allen bekannt als die Gattin einesbeliebten Bonner Professors, die in ihrer Jugend Sängeringewesen war und jetzt in ihrem gastlichen Haus oftMusikfreunde versammelte, auch der akademischen Jugendgern schöne Feste bereitete und freundlich für sie eintrat.

Im Augenblick war die kampflustige Stimmung derStudenten zu einer friedlichen umgeschlagen.

Vivut der Kunst! Vivat der Frau ProfessorinFührer! Vivat allen schönen deutschen Mädchen und

edlen Frauen!" scholl es aus den Reihen der jungenLeute. Sie entfernten sich dabei von dem Tische, wo dieGoldstücke im Teller blinkten, sammelten sich aber aufden Stufen der Terrasse, wo sie auf einen Wink derallerverehrten Dame das schöne Lied anstimmten:

In allen guten Stunden,

Bewegt von Lieb' und Wein."

Als die Strophen zu Ende gesungen waren, zogensich die Studenten zurück, im Hochgefühl, doch noch an-ständig aus einer schwierig gewordenen Lage herausge-kommen zu sein. Sie grüßten und schwenkten die Mützenwährend sie nach dem Ausgang gegen Honnef zogen undauf dieser Seite den Berg verließen.

(Fortsetzung folgt.)

--

Das Haus der seligsten Jungfrau in Ephesus .

L Smyrna, im Mai.

DerCourrier de Smyrnä" vom 29. April bringtfolgende interessante wörtliche Einzelnheitcn über die in denBlättern bereits kurz angezeigte Auffindung des Wohn-hauses der Mutter Gottes in Ephesus :

Die Frage bezüglich des Hauses, in welches sichdie jungfräuliche Mutter des Heilandes nach dem gött-lichen Opfer am Kreuze zurückzog, in welchem sie seligentschlief (odäoriuitio) und von wo aus sie in den Him-mel aufgenommen wurde (assuirixtio), bildet gegenwärtigdas Tagesgespräch. Die Pariser Hauptblätter bringendarüber ganze Spalten. Die Cardinäle in Rom besprechendie Sache, der Papst bekundet das höchste In-teresse dafür und hat eine Untersuchung an-befohlen. Dies ist wirklich ein schöner Lohn für diefortgesetzten Bemühungen der Lazaristen - Väter, undwenn wir nicht wüßten, daß Pater Jung höhere Ideenhat, so würden wir sagen, er könne stolz sein auf seineEntdeckung: sie nimmt das Interesse der distinguirtcstenPersonen in Anspruch, sie bildet das Lieblings- undAttractionsthema in religiösen Kreisen. Nur in einemPunkte sind die Pariser und römischen Blätter, welcheüber die Auffindung des Hauses der seligsten Jungfrauberichteten, ungenau. Sie schreiben nämlich diese Entdeck-ung dem Pater Eisbach, Oberen des französischen Se-minars in Rom, und dem Pater Poulin, Oberen derLazaristen in Smyrna zu, und erzählen ihren Lesern,beide Patres hätten erst kürzlich bei einem Ausflüge nachEphesus von Bauern erfahren, daß in einiger Entfernungvon der Stadt, nicht weit vom früheren Dianatempel,sich Ruinen befänden, welche das Volk mit dem NamenPanagia Capouli" das Thor der seligsten Jungfrau bezeichne, und beide Patres hätten dann bei nähererUntersuchung gefunden, daß die Ruinen mit der Schilder-ung des von Anna Katharina Emmerich beschriebenenHauses übereinstimmen. Das ist insoferne ungenau, alsdie genannten Patres die schon aufgefundenen Ruinendes Hauses der Mutter Gottes nur besucht haben; ent-deckt hat sie lange vor ihnen der Lazaristen -Pater Jung von Smyrna.

Bekanntlich herrscht in den meisten Klostercommunitätendie Gewohnheit, bei den Tischzeiten laut vorzulesen. Sowurden auch 1891 im Nefectorium der barmherzigenSchwestern, welche unser französisches Hospital besorgen,die Visionen der Anna Katharina Emmerich vorgelesen. Eine Stelle in jenen Visionen siel der Oberin,Schwester de Grancey, auf. Diese Stelle bezog