Ausgabe 
(26.6.1896) 53
Seite
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Treiben der munteren Gesellschaft machte uns viel Ver-gnügen. Da, eines Tages gesellte sich ein dicker Buchfink zuder kleineren Vogelschaar. Ohne Ansehen der Person hackter rechts und links um sich und treibt alle in die Flucht,bis er sich selbst gesättigt hat. Ein solch unverschämtesAuftreten erregte natürlich unseren gerechten Zorn; zusteuern war jedoch dem Unfug nicht, und dann hatte dasThterchen auch wohl großen Hunger, und so ließen wires gewähren. Damit die anderen nicht zu kurz kamen,hingen wir noch mehrere Sonnenblumen auf, streutenaußerdem Brodkrumen und verschiedene Samen auf dieFensterbank. Aber auch hier behauptete der Dicke baldseinen Platz als Alleinherrscher. Als es draußen zu grünenund zu knospen begann, stellten wir das Füttern ein.Mit diesem Verhalten war jedoch der Buchfink keineswegseinverstanden.

Eines Tages sitzen wir beim Kaffee, da fliegt einVogel außen an den Fensterscheiben auf und ab, als be-gehre er Einlaß. Wir öffnen das Fenster und streuenSamen auf den Blumentisch. Der Dicke er war es bedenkt sich nicht lange, sondern hüpft lustig hineinund verzehrt Alles, was wir ihm hingelegt. Von demAugenblick an wurde er täglich kühner und unternehmender.Wenn er uns von außen bei Tisch erspähte, krallte ersich gegen eine Scheibe an und klopfte mit dem Schnabelan's Glas. Sobald wir ihm dann öffneten, kam erherein, sogar bis auf den Eßtisch, und holte sich die Brockenvon unseren Tellern. Unser früherer Ingrimm gegen denfrechen Gesellen verwandelte sich so allmälig in Liebe undAnhänglichkeit. Wir hatten uns mit der Zeit derart anden gefiederten Gast gewöhnt, daß wir ihn recht schmerz-lich entbehrten, als er vergangenen Herbst plötzlich ganzausblieb. Da auch Buchfinken bei uns überwintern, soglaubten wir nicht anders, als das Thierchen fei durcheinen Sperber oder eine Katze ums Leben gekommen oderinfolge zu guter Nahrung eingegangen. Wir sprachen nochManchmal bereits in der Vergangenheit von demnetten Kerlchen, und den vielen Bekannten, die sich nachihm erkundigten, mußten wir stets dieselbe traurige Ant-wort geben:Unser lieber Dicker kommt nicht mehr."

Dieses Frühjahr nun, vor mehreren Wochen, alsdie Sonne so prächtig und warm schien, höre ich einenBuchfinken im Garten singen. Der etwas herausforderndeSchlußton dünkt mich bekannt. Ich trete an's Fensterund rufe:DickerI Dicker!" Siehe da: es währt nichtlange, so sitzt unser Dicker auf dem Fenstersims, hüpftgleich darauf geschäftig auf den Blumentisch, zum Ka-narienvogel, zum Papagei, auf den Eßtisch als seier erst gestern noch dort gewesen! Im ganzen Hauseherrschte Freude über die Rückkehr des Todtgeglaubten.Er besucht uns nun Tag für Tag. Wo Jemand sichblicken läßt, sei es im Wohn- oder-Zimmer, in derKüche oder den Schlafräumen, sofort ist der liebe Dickeda und klopft und ruft, bis man ihm aufmacht. Ver-spürt er besonders tüchtigen Hunger oder hat er Eile,dann setzt er sich auf den Kirschbaum vor dem Hause undschreit aus Leibeskräften. Tritt man an's Fenster, sofliegt er Einem schon entgegen. Seine Kühnheit nimmtstetig zu. Mehrere Male hat er mir schon aus der Handgefressen. Man merkt jedoch seinem Wesen an, daß erdieses Unternehmen selbst für ein großes Wagniß hält;dagegen scheut er es gar nicht, mir auf den Schooß zufliegen und dort gemüthlich zu speisen, während ich arbeiteund mit ihm spreche.

In der Küche hält er sich mit Vorliebe auf; dortgibt es so mancherlei auf der Anrichte und vom Bodenaufzupicken. Nie versäumt er es, meiner Schwägerin, dieaugenblicklich leidend ist, seinen täglichen Krankenbesuchabzustatten; bei der Gelegenheit fallen dann auch immereinige gute Brocken ab, die er auf dem Bette verzehrt.Ganz frei von Eigennutz sind also diese Besuche wohlnicht. Doch wie manches gute Werk verträgt eine ein-gehende Prüfung des Beweggrundes? Unsere anderenHausthiere dulden den Eindringling. Möpschen, derdraußen allen Vögeln nachstellt, betrachtet ihn als zurFamilie gehörig, und wenn ich mich nur dem Fensternähere, schreit Lora schon aus voller Kehle:Dekahr."Sie spricht dasDicker" wie ein Garde-Lieutenant auS. Eben jetzt, während ich über ihn schreibe, sitzt erneben mir auf dem Schreibtische und sieht mich mitseinen schwarzen klaren Aeuglein so klug und zutraulichan. Ja, du kleiner Schelm, die Hauptsache darf ich dochnicht von dir verschweigen: daß du nämlich ein sehr auf-merksamer Gemahl bist. Sobald nämlich fein Weibcheneinen Ton von sich gibt, horcht er auf, beim zweitenschon läßt er die feinsten Leckerbissen im Stich und fliegtmit augenscheinlicher Hast zu ihm hin in den großenKastanienbaum. Oder sollte er am Ende trotz seines selbst-bewußten Auftretens doch nur ein Pantoffelheld sein?

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Selbstmord eines indischen Fürsten . Ueberden Selbstmord eines indischen Fürsten wird derFranks.Ztg." aus Chandernagor geschrieben: Vor Kurzem ent-leibte sich der Maharadscha von Patna ; aber die Beweg-gründe, die ihn zu diesem verzweifelten Schritte getriebenhaben, sind erst jetzt bekannt geworden. Der Herrschervon Patna war ein sogenannterunabhängiger" Fürst.Jedem indischen Fürsten wird von der englischen Regie-rung ein sogenannter politischer Agent an die Seite ge-stellt, der den Verkehr des Fürsten mit der Regierungvermittelt und ihm in allen Angelegenheiten mit Rathund That beistehen soll. Der Maharadscha darf ohneausdrückliche Erlaubniß dieses Agenten keinen Europäereinladen, er kann keine Reise unternehmen, kein Festgeben, kurz, er befindet sich vollständig in den Händendes politischen Agenten. Nun mißbrauchte aber der po-litische Agent in Patna seine Stellung in ganz unglaub-licher Weise. Er untersagte dem Maharadscha selbst dieharmlosesten Vergnügungen. Eines Tages brachte ihmeiner seiner Spione einen Brief, in dem der Maharadschaden Vicekönig flehentlich M Abberufung des politischenAgenten ersuchte. Nun kannte seine Wuth keine Grenzenmehr; er beschimpfte den Maharadscha vor seinen Dienernmit den gemeinsten Schimpfwörtern. Jeder Tag brachteeine neue Beleidigung. In einem Briefe, den der Ma-haradscha wenige Wochen vor seinem Tode geschriebenhat, beschwert er sich darüber, daß man ihm Alles ver-sage, außerdem drückt er seine Furcht vor einer Tiger-jagd, zu der man ihn zwingen wolle, aus. Im Laufeder Jagd wHde ihm gewißunglücklicherweise" ein Armabgeschossen Enden. Zuletzt erhebt er noch die schwereAnklage, daß er fast mittellos sei, da der politische Agentund der Dewan des Staates sich seiner Kasse und allerEinkünfte bemächtigt hätten. Der Fall hat unter denanderen Fürsten eine ungeheure Aufregung hervorgerufen.