Ausgabe 
(26.6.1896) 53
Seite
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Million Seelen, die auf diesem Wege der wahren KircheChristi verloren gehen. Mögen die vielen Zerwürf-nisse, Spaltungen und Uneinigkeiten innerhalb der Secte,sowie unserseits beharrliches Beten und Arbeiten für dieKirche Christi krüftigltch dazu beitragen, daß die armenbetrogenenHeiligen " zur Erkenntniß der Wahrheitkommen, damit die Entstellung und Verunglimpfung derchristlichen Religion vom Erdball verschwinde.

Stcckeichrocesslon" und StaLchfer. *)

In den kleinen Mittheilungen von Nr. 24 desBayerland" war von einem ehemaligen Krcuzgange derPfarrei F. nach Mühldorf die Rede, welche man denStcckenkrcuzgang nannte,weil jeder Theilnehmer miteinem Stecken versehen sein mußte, der in Mühldorf ineinen hölzernen Behälter des Gottesackers geworfenwurde". Leider hat der Einsender dieser Notiz es unter-lassen, sich über Zweck und Charakter jener Processivnweiter zu äußern. Er fügt nur noch die Vermuthungan, daß jener eigenthümliche Brauch mit einem Ereignisseim Schwcdcnkriege zusammenhänge.

Das Letztere möge dahingestellt bleiben. Doch seies gestattet, auf weitere Thatsachen aufmerksam zu machen,welche darthun, daß ein eigenthümlicher Gebrauch vonStäben bei Processionen und Wallfahrten weder einesinguläre Erscheinung, noch jungen Datums sei.

Auch in Negcnsburg cxistirt eine Procession, welcheganz ebenso wie jene in F. bei Mühldorf im Volks-munde dieSteckenprocession" heißt. Sie wird ver-anstaltet von der marianischen Cougregation und bewegtsich von der ehemaligen Dominikanerkirche aus, in welchedie Cougregation nach dem Brande der JcsuitenkircheSt. Paul (1809) verlegt wurde, über den Vismarcks-platz zur Kirche zurück. Nur Männer bcthciligen sichan derselben, und zwar entsprechend der großen Zahl derCongregationsmitglieder sehr viele von Stadt und Land.Da sieht man nun allerdings, wie fast ein jeder ent-weder mit seinem städtischen Spazierstocke oder seinemurwüchsigen, in Strauch und Wald geschnittenenKruüen-stccken" in der Hand cinherwaudelt, wie eben sonst auch.Doch davon allein kann die Procession nicht recht wohlSteckenprocession" genannt worden sein. Der Namemuß irgend welchen historischen, nunmehr vergessenenGrund haben, der vielleicht noch um ein gutes Stückhinter der Zeit zurückliegt, da die Jesuiten die genannteProcession in Negcnsburg einführten.

Längere Stäbe, welche oben mit einem farbigenTuche nach Art eines Fähnleins und in der Regel auchmit irgend einem frommen Emblem aus Metall ge-schmückt sind, werden allenthalben in Süddeutschland voneinzelnen Bruderschaftsmitgliedcrn bei feierlichen religiösenUmzügen mitgetragen. Jeder, der die Fronleichnams-procession in München kennt, erinnert sich der als Pilgergekleideten Gestalten, welche derartige Stäbe führen. Dochscheint dieser Brauch mit dem Stcckenkrcuzgang von F.nichts gemein zu haben und eher daran zu gemahnen,daß gewisse kirchliche Vergünstigungen, wie Ablässe, welcheehemals an eine Pilgerfahrt an entfernte Orte geknüpftwaren, allmälig auch an Bruderschaften übergingen undvon deren besonderen Andachtsübungen abhängig gemachtwurden.

*) Aus der ZeitschriftDas Vayerland"..

Eine große Aehnlichkeit mit dem genannten Stecken-kreuzgang von F., bei welchem man die Stäbe am Zieleder Pilgerfahrt deponirte, finde ich dagegen bei den Wall-fahrten zum Grabe des heil. Bischofs Ulrich von Augs-burg , welche bereits kurz nach dessen Tod (973) begannen.Propst Gebehard, welcher zwischen 983 und 993 dasLeben und die Wunder des hl. Ulrich beschrieb, erzähltuns davon. Nach ihm hätte der eigenthümliche Gebrauch,Stäbe am Grabe des hl. Ulrich niederzulegen, auf Ver-anlassung des Propstes bei St. Afra, Wiksred, seinenAnfang genommen. Zu diesem sei ein fieberkrankerMann, Reginwalech, aus der norischen Provinz gekommen,ein Mittel gegen seine Krankheit zu erhalten. Da sprachWiksred:Geh' und hole Dir einen Stab und trage ihnZum Grabe meines Herrn, des hl. Ulrich, zur ErlangungDeiner Gesundheit!"Und dieser ging, schnitt sich einenStab von Birkenholz und brachte ihn zu dem genanntenPropste, welcher ihn zu dem heil. Grabe führte und ihnanwies, den Stab darauf zu legen. Zur Stunde wurdeer sodann, der auch auf das Gebet der Geistlichen ver-traute und durch ihre Unterweisung im Glauben bestärktwurde, fieberfrei und gesund."

Daraufhin kam eine unglaubliche Menge von Leuten,die ebenfalls von einem damals herrschenden Fieber be-fallen waren, zum Grabe des Augsburger Bischofs,dieeinen mit Stäben, andere auch noch mit anderen Opfer-gaben". Die Stäbe wuchsen begreiflicherweise zu einersolchen Zahl an, daß sie in den Ecken der Kirche nichtmehr Platz fanden und in dem Balkenwerke des Dachesaufbewahrt werden mußten (ok. Volssri opp. Nürn-berg 1682: Llircreuka. 8. Hckalrioi x. 574 ss.). Offen-bar galten sie als die schlichteste und einfachste Art vonWcihegcschcnkcn, als ein bloßes Zeichen der Verehrungund des Dankes gegen den Heiligen, nicht als dieDarangabe eines wirklichen Werthes an sein Heilig«thum. **)

Sollte sich nicht auch anderwärts in der Ueber-lieferung oder in geschriebener oder gedruckter Literaturdie Erinnerung an eine ähnliche Sitte erhalten haben?Geht sie vielleicht zurück auf einen urgermanischen, nochheidnischen Gebrauch? Dr. E. in N.

Alis dem Vogelleben.

Eine fesselnde Skizze aus dem Vogekleben theilt derKöln. Volksztg." ein Leser aus Gymnich mit. Es han-delt sich darin um merkwürdige Erlebnisse mit einem Buch-finken. Der Winter 1894P5 führte bekanntlich, so er-zählt der Vogelfreund, ein recht strenges Regiment, na-mentlich blieb der hart gefrorene Schnee andauernd liegen,so daß die armen Vogel, denen es am Nothwendigstengebrach, dichter um die Wohnungen der Menschen sichansammelten. Wir hatten im Spätherbst die zur Reifegelangten Sonnenblumen abgeschnitten und sie an einemluftigen Ort zum Trocknen aufgehängt. Diese wurdenjetzt hervorgeholt und an den Bäumen unseres Gartensbefestigt. Es währte nicht lauge, so kamen die Meisenherbei und pickten mit hurtiger Geschicklichkeit die schwarzenSamenkörner aus ihrem Versteck heraus. Das geschäftige

**) Unwillkürlich erinnert man sich an die Redensart,welche von einer Sache, die gar nichts werth ist, sagt:sie feikeinen Stecken werth".