Ausgabe 
(26.6.1896) 53
Seite
401
 
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ungen bekannt gemacht, würbe acceptiert von einer Schaargläubiger Anhänger. Dadurch ermuthigt, beglückte JoeSmith die Seinen mit einem neuen inspirirten Buche,das Offenbarungen von Engeln enthielt. Das he-bräische Original, das er von Engeln empfangen, habeer selbst übersetzt; er gab an, eine Wunderbrille zu be-sitzen, durch welche er hebräische und griechische Prophe-zeiungen ins Englische übersetzen könne. Auch diesesMachwerk fand Glauben.

Smith's Anhänger nannten sichdie Heiligen derletzten Tage.- Die Dogmatik dieser wunderbarenHeiligen behauptet Folgendes: Sion wird wieder her-gestellt. Christi Reich dauert 1000 Jahre; am Endedesselben erfolgt die Auferstehung der Todten. Gottist ein körperliches, mit Sinnen begabtes Wesen. Dieganze Welt mit allen Schätzen gehört den Mormonen.

Ihre Kirche besitzt die Gnaden und Wundergabendes Urchristenthums. Sie glauben an Gott, an JesumChristum, an die Erlösung durch ihn und an den heiligenGeist. Eine verschiedene Taufe ist nothwendig, eine fürSünder, eine für Kranke, eine für Todte. Die Taufegeschieht in der Kirche oder in Flüssen durch Untertauchen. Die Taufe der Todten befreit die Verdammten ausder Hölle. Nächstenliebe, Gehorsam gegen die Obrig-^rit, Mäßigkeit, Fleiß und Vielweiberei sind geboten.Das Priesterthum unterscheiden sie nach der Ordnungdes Mclchisedech und nach der Ordnung des Aron . DieHierarchie besteht aus Propheten, Aposteln, Bischöfen,Hirten, Großpriestern, Lehrern, Aeltesten und Dia-konen.

Der Platz, an dem das neue Jerusalem erstehensollte, wurde von Smith durch Prophetie bestimmt. Aneinem Orte im Staate Missouri , im Counth Jacksonsprach Smith:Wahrlich, ich sage euch, mein KnechtSidney Gilbert (ein mormonischer Apostel) soll sich andiesem Orte anbauen und einen Laden etablieren."So wurde dort 1833 Neu-Sion erbaut. Die Mormonengeriethen in Folge ihrer fanatischen Anmaßungen undHerrschsucht mit den übrigen Einwohnern in Conflikt.Ein gewaltiger Aufruhr entstand gegen dieHeiligen derletzten Tage", bei dem Joe Smith Nachts aus dem Bettegeholt und gelyncht wurde, in der Weise, daß man ihnmit Theer überschüttete und ihn sodann mit Federn um-hüllte. Nach dieser schimpflichen Behandlung zogendie Mormonen von bannen im Jahre 1834 und erbautenNauvoo am Mississippi. Die Gemeinde bestand damalsaus 15,000 Mann. Joe Smith gründete hier einenGottesstaat; er gab als Prophet, König und Hohepriesterseine Gesetze; bildete eine Miliz, baute einen prachtvollenTempel, der 1,000,000 Dollars kostete. Dieser Tempeltrug in goldenen Buchstaben die Inschrift:DaS HauSdes Herrn, erbaut durch die Kirche Jesu Christi, derHeiligen der letzten Tage. Begonnen am 1. April 1841."In diesem Tempel befand sich ein umfangreiches Tauf-becken aus Metall, das auf 12 Ochsen mit vergoldetenHörnern ruhte.

Da es Joe gelang, auf legislativem Wege vielebedeutende Privilegien zu erhalten, war er in seinemHochmuth so vermessen, daß er als Candidat der Präsident-schaft der Vereinigten Staaten auftrat.

In alle Welttheile sandte Joe seine Apostel aus,die neue Lehre zu verbreiten, und nicht umsonst.Ihre Propaganda hatte reichen Erfolg. Da die Mor-monen in ihrem Glück übermüthig wurden und ihre Gegner

mit schroffen Maßregeln angriffen und verfolgten, botder Staat Illinois seine Miliz auf, den Uebermuth derMormonen zu dämpfen. In diesem Aufruhr wurden JoeSmith und sein Bruder Hiram inS Gefängniß gebracht,und am 27. Juni 1844 drangen als Indianer ver-kleidete Männer ins Gefängniß und ermordeten dengroßen Propheten-König sammt seinem Bruder.

Nach dem Tode Joe's entstanden verschiedene Par-teien und Spaltungen innerhalb der Secte. Der nachlangem Streit gewählte neue Propheten -König BrighamDoung gab den Befehl, den bisherigen Wohnort zu ver-lassen. 1846 geschah die Auswanderung, einem un-bestimmten Ziele zu. Ein ganzes Jahr hindurch wan-derten sie unter Mühsalen und Entbehrungen, bis sieendlich in Utah , fern von allen'Verkehrswegen, in dem un-bewohnten Lande, das einer öden Wildniß glich, ihreWohnstätte nahmen, wo ein neues Sion gegründet undderGottesstaat" hergestellt werden sollte. Mit großem,energischem Fleiß haben die Mormonen das Land be-arbeitet und cultiviert; schon im Jahre 1850 besaßensie dort drei große Colonien und sehr viele Farmen.Ein neues Jerusalem wurde auf dem östlichen Ufer desFlusses, den sie Jordan nannten, erbaut. Großartigist die Stadt angelegt. Die Straßen sind 132 Fußbreit. Jedes Haus muß 20 Fuß von der Straßen-front abstehen; dieser Raum wird mit Sträuchern undBlumen bepflanzt. Durch jede Straße rinnt ein klaresBüchlein, dasselbe dient zur Reinhaltung der Straßenund zum Nutzen der Gärten. Der Bau eines colossal-großen Tempels wurde in Angriff genommen, der aberso bald seine Vollendung nicht erreichen wird, da eSder größte Tempel der Welt werden soll.

Nachdem sie sich nun eine blühende Hetmath gegründet,wurden viele Missionäre ausgefandt, um immer mehrGlaubenSbrüder zu gewinnen; sie verbreiteten kräftigltchden Glaubenssatz: nur auf dem heiligen Boden ihresLandes könne man selig werden. Im Jahre 1849 hattendie Mormonen sich eine demokratisch-theokratische Ver-fassung in ihrem Staate gegeben. Der Congreß ver-weigerte jedoch die Genehmigung und verlangte einenuichtmormonischen Gouverneur; dagegen sträubten sichaber die Heiligen. Es gelang ihnen durch eigene Zwischen-fälle, daß ihr Propheten -König Brigham Joung zumGouverneur ernannt wurde. Doch schon 1858 bestimmteder Congreß durch energisches Eingreifen einen Gouverneur,der Nichtmormone war, dadurch sollte insonderheit be-zweckt werden, der Vielweiberei ein Ende zu machen.Leider ist dieser Zweck bis jetzt noch nicht erreicht. DieGemeinde der Heiligen wird zunächst mit unumschränkterMachtvollkommenheit regiert von dem Propheten-König, dermit zwei ihm zur Seite Stehenden ein Triumvirat bildet.Sodann folgen 7 Apostel, 2085 Mitglieder des Sieben-ziger-Nathes, 715 Oberpriester, S94 Aelteste, 514 Priester,471 Monitoren und 227 Diakonen.

Das Missiouswerk der Mormonen ist ein über alleLänder der Erde verbreitetes. Nahe an 600 Missionäresind thätig. Im Jahre 1858 gab es 120,000 Mor-monen; 68,000 in Amerika, 39,000 in Europa , 3500auf den Sandwichinseln, 2400 in Australien , 1000 inAsien und 100 in Afrika. In Europa sind sie am zahl-reichsten in England, Dänemark, Schweden und Norwegen .Bemerkens- und bedauernswerth ist die Thatsache, daßJoe Smith im Jahre 1830 seine Secte organisirte mit30 Anhängern; in neuerer Zeit zählt sie über eine halbe