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zu Jenen gehören, die sich die Gattin nur aus denReihen der im Schooße des Ueberflusses Erzogenen holenwürden ? Sind Sie nicht der Mann, zu begreifen, daßdie beste Liebe nur da sich entfaltet, wo das Weib umseiner Vorzüge, die ihm innewohnen, die unzertrennlichzu ihm gehören, gewühlt und gefreit wurde? Daß Geldund Rang gar nichts zum inneren Werth beifügen?"
Ottilie hatte, als die Rede der Professorin eineverfänglich ernste Wendung nahm, sich sachte entferntund am Klavier sich zu thun gemacht. — Dr. Heermannblickte verstohlen zu ihr hinüber, als er in halblautem,aber gleichfalls ernstem Ton antwortete:
„Ziehen Sie die gute Meinung nicht zurück, dieSie von mir hegen, gnädige Frau! Ich hoffe Sie nochzu rechtfertigen; aber verdenken Sie mir auch den Wunschnicht, sofern ich ein Kleinod von unschätzbarem Werthfände, es bei mir sicher zu bergen."
Ein wohlklingender Accord ertönte. Ottilie hattesich an's Klavier gesetzt und spielte die Einleitung zuder wunderbaren Widmung an die Musik von Franz.Jetzt ertönte von ihrer sympathischen Stimme das Lied:„Wenn die Schatten dunkeln." Mäuschenstill war esim Saale geworden. Als das Lied geendet war, eilteFrau Führer auf Ottilie zu und umarmte sie.
„Sie haben unsern Streit wunderbar geschlichtet,theures, hochbegnadrteS Geschöpf! Mit der Lehre, dieihre Widmung gibt, können wir Frieden schließen. Wersich der Musik weiht, ernstlich und für immer sich ihrhingibt, der dient der Kunst auch außerhalb des Theatersund bleibt geheiligt auch in seiner Oeffentlichkeit. —Aber Sie, liebe Sängerin, lasse ich heute nicht mehr vonmir. Sie müssen mit mir kommen in unser Tusculumnach Godesberg . Professor Führer wird glücklich sein Siekennen zu lernen, und wir verbringen einen wunderbarenAbend. Goldmund schließt sich den Herren an, indeßSie mit mir und den Damen vorausfahren. Ich ladesämmtliche Herren zum Abcndbrod in meine Villa ein."
Aber Ottilie lehnte die Einladung ab. Entschiedenerklärte sie, Papa Goldmund könne weitere Aufregungennicht ertragen, und sie selber müsse rechtzeitig in dieFamilie zurück, zu Freunden ihres Vaters, die ihr Schutzund Asyl gewährten. Goldmund bestätigte auf ihrenWink ihre Aussage. Ohne Zeit zu neuen Einwendungenzu geben enteilten beide dem Drachenfels auf den Weg,die zur nahen Trambahnstation führte, um den letztenZng abwärts zu benützen.
(Fortsetzung folgt.)
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Ueber das Mormonenlhnnr.
„Was wissen Sie von den Mormonen?" DieseFrage wurde mir unlängst vorgelegt. Ich konnte nureine kurze Antwort geben, wenig mehr, als auf das vonden „Heiligen der jüngsten Tage" (wie sich die Mor-monen nennen) erbaute neue Jerusalem und auf einigekurze Glaubenssätze hinweisen. Diese unvollständige Ant-wort bewog mich, das Leben und Treiben dieser Sectedurch eingehendes Studium diesbezüglicher Schriften kennenzu lernen. Da manche der geehrten Leser vielleicht auchnicht mehr zu antworten wissen, als ich seinerzeit wußte,so zeige ich mit kurzen Notizen das Lehren und Treibender Mormonen . Joe Smith, geboren am 23. Sep-tember 1605 zu Sharon im amerikanischen Staate Ver-
mont , ^ist der Stifter dieser abergläubischen, schwärmer-ischen/ jüdifch-christlich-mahomedanischen Secte; — erwar der Sohn eines Landmanns und empfing, den ein-fachen Verhältnissen gemäß, nur eine dürftige Schul-bildung, nach derselben widmete er sich dem Kaufmanns-stande. Durch sein religiös gestimmtes Gemüth und seinForschen nach religiöser Wahrheit getrieben, las er inseiner freien Zeit viel die Wesleyanischen Predigten unddie Bibel, gerieth aber in einen Wirrwarr von Wider-sprüchen und Zweifeln, darin er sich nicht zurecht findenkonnte. Da er eine positive Abneigung gegen die katholischeKirche besaß, suchte er Belehrung und Rath bei der prote-stantischen, — englischen, — puritanischen, — metho-distischen Kirche; doch konnte ihn keine dieser Religionenbefriedigen, daher erklärte er alle Religionen und Con-fessionen für falsch und beschloß eine neue Religion zustiften. — Joe Smith behauptete, mit Gott und denEngeln in Rapport zu stehen und göttliche Offenbar-ungen empfangen zu haben. In seinem 17. Jahre (1820),gab er an: eine Stimme vorn Himmel habe zu ihm ge-sprochen und alle bestehenden Religionen für falsch er-klärt. — Da er als ein Abgeordneter Gottes geltenwollte, kam er mit vielen religiösen Sectenpredigern inStreit, die ihn als einen Betrüger und Schwärmererklärten. Diesen gegenüber vertheidigte er seine Stellungdurch folgende Mittheilung: Am 21. September 1823habe ihm ein Engel gesagt, er solle die an einer be-stimmten Stelle der Erde vergrabenen Tafeln der Offen-barungen aufsuchen; er habe jahrelang gesucht und end-lich eine auf goldene Platten mit ägyptischen Buchstabengeschriebene Urkunde gefunden, die eine Ergänzung derheiligen Schriften des alten Testamentes sei und derenVerfasser „Mormon " geheißen. Bei diesen Platten hättenzwei transparente Steine gelegen, die ihm als Instrumentgedient, den Inhalt der Urkunde zu übersetzen. DieseUebersetzung der Urkunde, — das Buch der Mormonen,— sei der heiligen Schrift gleich zu achten; — eS be-richtet die Geschichte der Ureinwohner Amerikas , die nachdem verunglückten Thurmbau zu Babylon aus Asien ge-wandert, um sich in Amerika niederzulassen. — Weiterwird erzählt, daß Christus nach seiner Auferstehung zu-erst den Amerikanern erschienen und bei ihnen seineKirche gegründet habe. — Im vierten und fünften Jahr-hundert n. Chr. wurden die Christen aber, ihrer Sündenwegen, ausgerottet. Mormon, der letzte christliche Pro-phet, schrieb eine Geschichte der amerikanischen Christen,ihre Lehren und Weissagungen und grub dieselben injene Platten ein, die Joe Smith gefunden. Mormon'sSohn Morant empfing, als auch er verfolgt wurde, vonGott den Befehl, die von seinem Vater geschriebenenTafeln zu vergraben; Gott selbst wolle dieselben in Schutznehmen und erst „in den jüngsten Tagen" wieder an'sTageslicht befördern. — Thatsächliche Untersuchungendieser eklatanten Betrügerei haben festgestellt, daß imJahre 1812 ein anglikanischer Prediger in Neu-Salem,Salomon Spaulding , einen Roman geschrieben über dieUreinwohner Amerikas und die Abenteuer der in Amerika zerstreuten Stämme Israels. Das Manuscript diesesRomans kam in den Besitz eines Freundes Smiths,Namens Sidney Rigdon. Beide Freunde fabricirten nachdem Manuscript in betrügerischer Weise die Urkunde desMormon und nannten dies Werk die „goldene Bibel".Der werthvolle Fund dieser, die göttlichen Offenbarungenenthaltenden „goldenen Bibel", durch amerikanische Zeit-