er sich als Bekannten und Schüler ihres Vaters vor-stellte, denn Felicie verbeugte sich verlegen und erröthete.
„Wenn ihA die Tochter meines Vaters dort drübenbesser gefällt wie hier", gestand sich Ottilie — „so istes nicht schmeichelhaft für mich — würde mir auchweniger belustigend vorkommen, als es bei Dr. Lebertder Fall wäre."
Der ältere Heermann beobachtete gleichfalls was amTische der Näthin vorging.
„Alle Wetter!" rief er auf einmal, „das hatte ichnicht erwartet. Kellner, besorgen Sie eine feine Erd-beerbowle mit Champagner für unsern Tisch! Maxkehrt wirklich zu uns zurück."
Ueber dem Lachen und Beifallklatschen Aller be-merkte man nicht, daß Ottiliens schönes Gesicht freudigerstrahlte. Aufs Lustigste wurde der wiederkehrende Maxbegrüßt und mit Fragen bestürmt, wie er ProfessorGrubes Töchterlein gefunden habe.
„Hübsch genug, aber nicht interessant. Allerdingskann ich nicht urtheilen in so wenig Zeit", sagte er ab-lehnend. „Jedenfalls gefällt sie meiner Tante Minasehr. Sie will mit Frau Näthin, die einen Platz freihat, zurückfahren und den Abend in ihrer Gesellschaftverbringen."
„Macht Fräulein Grube mehr Glück bei Damenals bei Herren?" fragte Frau Schruitz. »Ich möchtegern dem Vater, wenn ich ihn in Frankfurt sehe, eineganze Liste von Eroberungen melden, die seine Tochterin der Bonner Herrenwelt gemacht hätte."
„Dann schreiben Sie nur getrost den elegantenDoktor Lebert auf die Liste", scherzte Max. „Er siehtganz ingrimmig aus, wenn das Fräulein mit seinemeigenen Bruder, dem jungen Grube, plaudert, der aller-dings auffallend munter ist. Die Geschwister scheinensich besonders gut zu verstehen. Ich war jedenfalls über-flüssig und stelle mich als eintägiger Freiwilliger wiederzu Diensten."
„Das muß solenn gefeiert werden", sagte Frau Pro-fessorin Führer und schlug vor, die Bowle lieber in denhübschen Gartensalon bringen zu lassen, wo keine Gästeseien und man nicht befürchten müsse, von der Abendkühlezur Eile getrieben zu werden. „Ein Klavier ist auch dort,und wer weiß, ob wir nicht unbehelligt von ungebetenenZuhörern ein Liebchen von jugendfrischer Stimme zuhören bekommen l" schloß sie, Ottilie freundlich ansehend.
Diese blickte diesmal nicht streng auf bei der An-spielung. AIS die Tafelrunde in dem eleganten Saaletablirt war und fast alle Gäste von den Nachbartischensich verloren hatten, erhob sich Goldmund, sein Notenbuchzu holen. Aber Ottilie hielt ihn zurück, und ihm ihrGlas zuschiebend, griff sie nach der Guitarre und erklärteselbst singen zu wollen.
„O, Welt, wie bist Du so wunderschön!" klang esglockenrein in Jubeltönen durch den Saal. — Entzücktlauschte die gewählte Gesellschaft der Musikfreunde, unddes Beifalls und Lobes ihrer Stimme wie ihrer vor-trefflichen Schulung im Vortrug wollte es kein Endewerden. — Als Ottilie mit dem alten Goldmund auchnoch ein Duett aus Schumanns Genovefa gesungen hatte,das die Professorin wünschte und selbst auf dem Klavierbegleitete, steigerte sich in Frau Führer das Entzückenzu Enthusiasmus, und sie rückte sogleich mit dem ganzenKunstfeucr vor, um GoldmundS unbegreiflichen Widerstandgegen den Künstlerberuf seiner Tochter zu besiegen, wo-
bei sie von den Uebrigen unterstützt wurde. NurDr. Heermann verhielt sich ruhig. Er horchte um sogespannter auf das, was Ottilie selbst entgegneie, undverleitete daher diese, als sie es bemerkte, zu der Schel-merei, zu sagen, sie werde Hiebei sich ganz von der Ein-sicht ihres Vaters leiten lassen, der bisher den Wunschnoch nie geäußert habe, sie auf der Bühne zu sehen.
Dies erschien hinwieder der Frau Professorin em-pörend, denn Goldmunds Tochter würde ein Stern erstenRanges am Bühnenhimmel werden. Da dem alten Gold-mund dabei wacker eingeschenkt wurde, zeigte er sich immernachgiebiger, versprach die Sache zu bedenken, erregteaber dadurch der Professorin Unmuth gegen die philister-haften Anschauungen der Neuzeit, die sogar Künstler be-denklich machten.
Der junge Heermann fand während der lebhaftenDiscussionen über Kunst und Beruf des älteren Ge-legenheit zu einem andauernden Gespräch mit Ottilie,deren Meinung er ebenso geschickt zu ergründen suchte,als sie verstand, einen Theil davon, und zwar gerade den,der ihn am meisten interessirte, zu verschweigen. Dagegenkonnte Max sich überzeugen, daß das junge Mädchengründlich und vielseitig gebildet war, viel gelesen undgedacht hatte, ein zutreffendes Urtheil und feinen Ge-schmack auf dem Gebiet der Litteratur und Kunst besaß.Max wunderte sich nicht mehr, daß eine so sorgfältigeErziehung dem alten Goldmund viele Opfer auferlegthatte; er staunte nur, daß eine Jnstitntserziehung einsolches Resultat gehabt hatte, denn die Auffassung deSjungen Mädchens war so frisch und ursprünglich, alshabe sie mehr durch Anschauung als durch schablonmäßigeSLernen sich unterrichtet, dabei auch volle Freiheit genossennach Liebhaberei und Talent sich zu entwickeln, wie esnur die Mnzelerziehung und diese nur unter den gün-stigsten Verhältnissen gewähren kaun.
Wahrlich, ein derart erzogenes und ausgebildetesMädchen hatte Alles in sich, um als Künstlerin nichtnur in Gefahren zu bestehen, sondern auch die Höhe zuerreichen, der ihr Talent entsprach. Dennoch widerstrebtees dem jungen Professor, die Frage der Professorin ein-fach zu bejahen, ob nicht ein außerordentliches Talentdie Verpflichtung auferlege, es bis zur Kunstvollendungauszubilden. Damit zog er sich aber die Ungnade vonFrau Führer zu, die, ihres guten Rufes gewiß, nichtslieber that, als von ihrer eigenen Laufbahn als Künst-lerin zu sprechen.
„MnnneregoiSmus ist es", eiferte sie gegen Max.„Ihr glaubt immer, die feinsten Blumen sollten nur dazudienen, Euer Haus und Eucrn Küchengarten zu schmücken.Mag ja sein, daß viel Schönes dort gedeihen und be-glücken kann, besser als anderswo. Aber den seltenen,den ungewöhnlichen Wunderblumen, wie Goldmunds Kindzu sein verspricht, ihnen gebührt die Stelle im Zauber-garten der Kunst, und zwar aui einer Höhe, wo Tausendesie bewundern können, wo sie Wonne und Veredlung demFürsten und dem Volke spenden."
„Aber auch von plumpen Füßen zertreten, vomStaub der Oeffeutlichkeit belästigt und befleckt werdenkönnen."
„Altmodische Einwendungen! Solche Blumen schütztdie Höhe, oder auch die Hand der Liebe. Oder solltenauch Sie, Dr. Heermann, den ich trotz seiner Weiber-scheu, oder vielleicht wegen derselben, für einen Dienerdes Ideals und Verehrer edler Weiblichkeit halte.