Ausgabe 
(26.6.1896) 53
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muß zu Frau Näthin Rehwald, habe derliebenEmma" versprochen, Bowle mitzutrinken; fahrewohl auch mit ihr nach der Villa, zum Abendessen.Kommst Du nicht auch hinüber an den Tisch der Näthin,Max? Sie hält bekanntlich viel auf Deinen Besuchund liebt Dich sehr!"

Wie sollte sie nicht? Wir kennen einanderlängst gut", entgegnete lachend der junge Mann.Er-laube mir jedoch, daß ich Dir später nachkomme, Tante,um derlieben Emma" aufzuwarten und zugleich michProfessor GrubeS Tochter vorzustellen. Das läßt sichBeides nicht umgehen."

Nun so zögere nicht lange, denn ich glaube, dieNäthin bricht bald auf." Unter lebhaftem Bevauern derAndern verabschiedete sich Tante Mina.Man mußden Freunden Wort halten", sagte sie bedeutungsvollund blickte dabei auf Ottilie, als sie an dieser vorbeisich zur Linde begab."

Das junge Mädchen war froh, der Eingebung ge-folgt und Tante Mina als Wächter!» zu der Näthingeschickt zu haben. Jetzt konnte von dort kein Ueberfallkommen, selbst von Ottmar nicht, der sein Erscheinenohnehin nicht fest zugesagt hatte.

Im Mfühl vermehrter Sicherheit beängstigte es nunOttilie keineswegs, als Frau Professor Führer den Sängeraufforderte, mit seiner Tochter an ihrem Tisch Platz zunehmen und Thee mitzutrinken. Die Damen und Herrenhatten bereitwillig Platz gemacht, so daß Ottilie zwischenDr. Heermann und Frau Schwitz aus Frankfurt zusitzen kam.

Tante Mina, die nur hübsch langsam, da und dortBekannte grüßend, sich entfernte, sah diese Veränderungnoch von weitem; ein lustiges Lächeln überflog ihreZüge.Hml" dachte sie bei sich,wenn Neffe Maxwüßte, daß er sich gar nicht weit zu bemühen brauchtum Grubes Tochter kennen zu lernen, ja, wenn sie ihmschon gefällt, ehe er nur weiß wer sie ist, so wäre daseine allerliebste Geschichte I Der Mensch denkt und Gottlenkt! Tolle Streiche sind schon oft der Vorsehung Leit-kxile geworden."

In bester Laune kam Tante Mina bei der Näthinan, deren bekümmerte Miene ihre Heiterkeit vollends her-vorrief.

Frau Proffessor Führer aber beschäftigte sich,Während sie den Thee bereitete, mit Goldmunds ver-meintliche Tochter.

Kein Wunder", sagte sie zu dem Alten, der nebenihr saß,daß Ihr schönes Kind den Studenten auffiel!Wäre sie bei dieser Schönheit auch noch mit Stimmebegabt, so könnte man ihr Glück wünschen zu einerglänzenden Künstlerlaufbahn. Singen Sie wirklich nicht,mein Fräulein?"

Gewiß, ich singe!" erwiederte Ottilie, die sich beeiltedem die Sänger Gelegenheit zu neuen Verwirrungen abzu-schneiden.Ich bin ja Schülerin von Papa Goldmund!Aber ich konnte und wollte mich nicht zwingen lassenan einem Ort zu singen, wo mein eigentlicher PlatzNicht ist."

Sie hatten recht. Aber ich kann sagen, wo Ihreigentlicher Platz ist, Fräulein! Wenn Sie die ent-sprechende Stimme haben, so ist Ihr Platz das Theater,Mo Ihnen glänzender Erfolg sicher ist."

Ottilie lächelte muthwillig.

»Ich zweifle ob mein Vater damit einverstanden wäre!"

Wie, Herr Goldmund, Sie, ein Künstler, könntenIhrer Tochter die Künstlerlaufbahn wehren?" so wandtesich die Professorin entrüstet gegen Goldmund.

Ich bewahre nein!" sagte dieser halb er-schreckt.Ich nicht! Sie selber will nicht. Sie paßtauch nicht für's Theater. Ihre Schüchternheit ist un-überwindlich, dazu ihre klösterliche Erziehung." Er hieltinne; er merkte, daß er wieder von Fettete sprach.

Frau Professorin blickte erstaunt von einem zumandern ihrer Gäste. So taktvoll und bescheiden Ottilieauftrat, war doch von Schüchternheit ihr nichts anzu-merken. Zur klösterlichen Erziehung stimmte auch diegeschmackvolle Kleidung nicht, die mit großer Eleganz ge-tragen wurde; ohne das Hütchen, da§ Ottilie nun ab-gelegt hatte, würde man sie für eine Dame aus feinerGesellschaft gehalten haben.

Dr. Max Heermann hatte Aehnliches gedacht undzugleich wahrgenommen, daß zu wiederholten Malen schondas junge Mädchen durch Goldmunds Mittheilungen inVerlegenheit gebracht und vom Eingehen auf ungezwungeneUnterredung abgehalten worden war; deßhalb zog er denalten Goldmund in ein Gespräch über Musikpublikationenmit seinem Bruder und hatte bald die Genugthuung zusehen, daß seine Taktik dem jungen Mädchen nützte.Ottilie verkehrte ungezwungen und anmuthig mit denDamen, sobald sie Goldmunds Einrede nicht mehr fürchtete,und Max suchte und fand Anlaß sich am Gespräch mitheiterem Humor zu betheiligen. Es gelang ihm, derwenn er wollte, von Witz und Geist sprudelte, bald dieächte lustige Rheinlandstimmung hervorzurufen. DieZeit verging im Fluge; im Publikum verlangte mannicht mehr nach dem Sänger. Die Gäste, welche dasDampfschiff erreichen wollten, brachen auf, ebenso Andere,die noch weite Wege zu Fuß vor hatten. Auch amTisch unter den Linden schien man sich zum Weggehenvorzubereiten. Max Heermann sah es zufällig und er-innerte sich seines Vorhabens, die Näthin zu grüßen.

Sie werden uns untreu", riefen, als er aufstand,die Damen mit Ausnahme Ottiliens.Die kleine Grubesoll reizend sein. Sie wird Sie drüben fesseln."

Ich bin ein Aal, der jeder Fessel entschlüpft."

Bis er einmal in eine Grube fällt", lachte seinBruder ihm nach.Ich wette eine Bowle, daß er drübenbleibt und mit Näthin Nehwald nach der Villa fährt."

Eine Erdbeerbowle! Sie müssen sie zahlen, wennIhr Bruder zurückkommt!" bestimmt Frau Schwitz.

Ottilie vertauschte ihren Platz mit einem andernneben Goldmund. Unauffällig konnte sie von dort denTisch unter der Linde beobachten. Neben GoldmundsTöchterlein entdeckte sie diesmal eine blaue Cerevismütze.Die Mütze saß auf dem Lockenkopf ihres Bruders.Gewiß hatte Hermine Stark Wort gehalten und Ottmarwar von ihren Bestimmungen benachrichtigt, und somitwar auch ihr Rückweg gedeckt. Vermuthlich war dasAbenteuer ganz nach Ottmar's Geschmack. Er hatte sichmit einem Anschein von brüderlicher Vertraulichkeit nebenFettete niedergelassen und plauderte lustig zu ihr. Dasjunge Mädchen hörte offenbar vergnügt zu; sein Gesicht-chen schaute nicht mehr so blaß wie vorhin unter derhimmelblauen Feder hervor, sondern strahlte von kind-lichem Frohsinn, der seine Lieblichkeit erhöhte. Soebentrat Dr. Max Heermann, der zuerst die ältern Damenbegrüßt hatte, vor Felicie hin. Ottilie war sicher, daß