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Ireitag, den 26 . Juni
1896 .
. ^ Kür die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
WHeingotö.
Novelle von Cary Groß.
(Fortsetzung.)
IV.
Durch den Abzug der Studenten wurde der Aus-blick nach der Linde wieder frei; sogleich flogOttiliens Blick hinüber. Gottlob, der ganze Tisch warleer. Vermuthlich hatte die Gesellschaft der Frau Reh-wald den Aufstieg zur Thurmruine unternommen, dennShawls und Schirme waren auf den Stühlen zurück-geblieben; ein Kellner rüstete den Tisch für eine Bowle,Kuchen und Gläser wurden bereitgestellt.
So war anzunehmen, daß die Räthin und MißNich die Verlegenheit, in welche Ottilie soeben gerathenwar, gar nicht bemerkt hatten; sie brauchte weder Schaden-freude, noch Vorwürfe zu fürchten, noch um die der gutenMiß Nich verursachte Sorge sich selber Vorwürfe zumachen. — Nun konnte Ottilie wieder hoffen, daß dasganze Abenteuer trotz aller Zwischenfälle, auf die sienicht gefaßt war, noch einen harmlosen, sogar lustigenVerlauf nehmen würde und sie ihre Rolle unerkannt zuEnde führen werde. Aber gerade als sie mit dieser er-heiternden Zuversicht sich beruhigt hatte, bedrohte eineschlimme Gefährdung ihr Jncognito auf's Neue. Zwischenden Zuschauern, die der Studenten Lied und Abzug her-beigelockt hatte, sah sie plötzlich ein bekanntes Gesicht mitnamenloser Verwunderung auf sich gerichtet. — Es warein freundliches Frauenantlitz, das Ottilie zu jederandern Zeit mit Wonne erblickt hätte, denn es gehörteeiner lieben, fast mütterlichen Freundin Ottiliens an,der einzigen nahen Bekannten, die das junge Mädchenin dieser Gegend besaß, die sie aber ferne von Bonn geglaubt hatte. Doch gerade um Ottiliens willen warFräulein Hermine Stark von Düsseldorf zurückgekommen,wo sie auf Besuch gewesen war, und hatte sogleich zurPartie auf den Drachenfels sich einigen Freunden an-geschlossen, weil ihr gesagt wurde, daß Räthin Nehwaldmit ihrem Gast hinaufgefahren war. Hermine freute sichdarauf, Ottilie dort zu überraschen. Die Ueberraschungwar aber auf ihrer Seite, als sie, die wenig später alsdie Professorin Führer die Terrasse erreicht hatte, Ottilieam Tische des Sängers in fremdartigem Aufputz, mitder Guitarre in der Hand, erblickte. Sie hätte fast auf-geschrieen, denn Hermine Stark war lebhaften Fühleusund nicht gewöhnt mit dem Ausdruck desselben ängstlich
zurückzuhalten; aber sie schloß den schon geöffneten Mundwieder, denn blitzschnell hatte Ottilie die Gefahr erkanntund in bittender Geberde den Finger auf den Mund gelegt.Fräulein Stark war zeitlebens keine Spaßverderberingewesen; sie verstand sogleich, daß es sich hier um einenScherz handle, und fühlte dabei sich sogleich in ihremElement. Ohne eine Miene zu verziehen, suchte sie sichzu orientieren, wer bei der Sache mitwirkend war, wernicht. Sie näherte sich sachte, ohne aufzufallen, demTisch der Sänger, so daß Ottilie ihr zuflüstern konnte:
„Beste Tante Mina! Verrathen Sie mich nicht!Ich habe einen tollen Streich gemacht, kann nicht zurück.Helfen Sie mir ihn zu Ende führen. Miß Rich weißAlles. Sie sitzt bei der Räthin. Gehen Sie hin, schützenSie meine Stellvertreter in."
„Wer ist das?"
„Goldmunds Tochter."
„Wie lange?"
„Bis heute Abend. Schicken Sie mir Bruder Ottmaran die Trambahn. Hier soll er mich beileibe nichtkennen und nichts ausplaudern; bitte, bitte!"
Fräulein Hermine verwickelte sich absichtlich in demStuhlchaos und stellte sich an, als danke sie dem jungenMädchen für die kleine Hülfe, die es dabei leistete, so,daß die Worte unbemerkt gewechselt werden konnten.Jetzt erst trat sie an den Tisch, wo ihre beiden Neffen,'die Brüder Heermann, für sie und die Professorin Führernebst ihren Freundinnen längst Plätze belegt hatten.
„Du kommst spät, Tante Mina", rief man de<Ankommenden entgegen. Unter diesem Namen war die'heitere Dame, eine echte Nheinlandstochter, nickt nur ihren ^vielen Verwandten, sondern auch einer großen Zahl vor^Freunden bekannt. Der Name gefiel ihr, sie hatte ihnauch bei Ottilie, die bei einer Schweizer Badereise siekennen gelernt hatte, die Tante gespielt, und zwar umso lieber, da Ottiliens Vater ein alter Bekannter vonFräulein Stark war.
Als Ottilie die Freundin von den Brüdern Heer-mann Tante nennen hörte, brauchte sie daher nicht an-zunehmen, daß sie wirkliche Neffen Mina's seien. Erstallmählig wurde ihr die Beziehung klar, als FräuleinStark am Nachbartisch absichtlich laut sprechend die Herrenbegrüßte mit „Tag, Max! Lag, Walter! Danke Euch,mir den Platz bewahrt zu haben; kann aber nicht hierbleiben. Habt an Frau Professorin und den liebenFrankfurterinnen bessere Gesellschaft als an mir. Ich