M 54
1896.
„Augsburger Postzeitung".
Dinstag, den 30. Juni
Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg .
Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg (Borbefitzer vr. Max Huttler ).
MHeirrgolö.
Novelle von Cary Groß.
(Fortsetzung.)
V.
ES war noch lange nicht Zeit zum Besuch machen,als der Sänger Goldmund sich des andern Morgens amGartenthor der Villa Rehwald einfand. Auf sein heftigesLäuten erschien langsam ein Gärtner, der ihm bedeuteteFrau Räthin empfange so früh keine Besuche; auchwisse er, daß sie heute Migräne habe. Ihre Fensterseien noch fest verhängt. — Von den Gästen des Hauseswußte er nur, daß eine Mamsell schon früh ausgegangensei und vielleicht noch im Garten verweile. Jn's Haushabe er Niemand gehen sehen.
Wirklich kamen leichte Schritte den Kiesweg unterdem Rebengang herunter, und Ottilie eilte freundlich aufihren seltsamen Beschützer und Vater von gestern zu.Sie trug Hut und Sonnenschirm und erklärte, längstwohl ausgeruht zu haben. In ihrem Morgenkleid ausgrauer Leinwand, das eine schlichte Stickerei am Randdes Rockes verzierte, sah sie eben so elegant und an-muthig aus wie gestern. Das Abenteuer vom Drachen-fels hatte weder Reue noch Ermüdung hinterlassen.Ihre Augen glänzten wie die liebe Morgensonne, diedas schöne Rheinthal begnadete.
Sie führte Goldmund durch den Rebengang sachteaufwärts zu einem Steinsttz über der niederen Seiten-mauer, wo eine herrliche Aussicht sich bot. Zwischenglühenden Glycinen, die eine Gttterwand und Fenster um-spannen, zeigte sich das Siebengebirg noch beschattet induftiger Ferne.
Ottilie schob dem alten Mann einen Weidenstuhlzurecht, wo er bequem sich niederlassen und die Aussichtauf den Drachenfels genießen konnte. Freundlich ant-wortete sie auf des alten Mannes Entschuldigungen undFragen, die er mit unverkennbarer Aufregung vorbrachte.
„Sie sind ungeduldig, Felicie wiederzusehen. Ichhabe sie mit meiner getreuen Miß Rich in der ganznahe gelegenen Pension einlogirt, um die gute Räthin,deren Migräne ich verschuldet habe, in keiner Weise zubelästigen. Es geht der lieben Ltcie vortrefflich. Wirwaren schon zusammen in der Kapelle auf dem Kreuzbergin Begleitung der Miß natürlich. Ich kam allein her-über, um Ihnen eine Bitte vorzutragen, die IhremTöchterlein so sehr wie gestern am Herzen liegt."
„Jn's Kloster will siel Ich sehe es kommen",jammerte Goldmund. „Verhandelte sie doch schon inNonnenwerth alles Mögliche. Und das jetzt, wo es nöthigwäre, daß sie nicht abgeschlossen von der Welt sich undAndere prüft! Ich ahne schon den Einbruch meinerLuftschlösser, das Kloster steckt ihr einzig im Kopf!"
„Doch vorerst nur, um einige Monate, vielleicht einbis zwei Jahre dort gegen französischen Unterricht ihreeigene Fortbildung zu betreiben, vielleicht bis zumLehrerinnenexamen. Das sollten Sie aber um so liebergestatten, als Sie in der nächsten Zeit ihr noch kein ge-sichertes Heim bieten können, und als ihr Klosterberufzum mindesten unwahrscheinlich ist; mir wenigstens ist erseit gestern Abend sehr zweifelhaft."
Ottiliens Augen blitzten in froher Schelmerei, alssie ihre Rede schloß.
„Mir war er von jeher zweifelhaft. Vielleicht ur-theilte ich thöricht und aus Selbstsucht. Seit gesternAbend aber weiß ich, daß dem Kind außerhalb derneidischen Mauern, die schützen, aber auch trennen, einschöneres Glück blüht, als ich für Felicie zu träumenwagte. Sie ist doch keineswegs schön, kaum hübsch."
„Sagen Sie lieber — sie sei es noch nicht. Sieist, oder war bisher nur zu befangen, zu schüchtern. Sieist noch zu kindisch gewesen, um zu interesstren."
„So glaubte auch ich bis gestern. Aber sie hattrotzdem gefallen, hat es in einer Weise, die mein Staunenerregt. Es ist genug, wenn ich Ihnen sage, daß sicheine glänzende Versorgung für mein Kind bietet, glänzendwenigstens den vorzüglichen Eigenschaften und der ge-sicherten Zukunft des Bewerbers nach. Er bat quaoischon einen Antrag gestellt — eine sehr ernstgemeinteWerbung, wenn es sich auch zunächst erst um die Mög-lichkeit handelt, daß er ihr Herz gewinne; denn sie liebtihn noch nicht. Aber gerade darum ist es unmöglich,Felicie in ein Kloster zu sperren, und darum bedarf ichIhres Raths, Ihrer Hülfe, Fräulein Ottilie!"
Ottilie war überrascht. Sie fürchtete, es habe Je-mand mit dem Alten sich einen Scherz erlaubt; einer derStudenten etwa! Oder sollte ihr tollköpfiger Ottmarseine rasche Flamme schon dem Alten geoffenbart haben?Zögernd fragte sie:
„Wie ist das zugegangen? Ernst gemeint, sagenSie? Etwa von einem Jüngling, einem Studenten?"
„Fräulein Grube!" erwiederte Goldmund vorwurfs-voll und richtete sich gravitätisch auf. — „Sie kennen