Ausgabe 
(30.6.1896) 54
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den alten Goldmund schlecht! Was seine Verpflichtenbetrifft, dabei ist er vorsichtig wie der feinste Staats-mann. Mit Studenten würde ich mich nicht in diegeringste Erörterung einlassen. Anders ist es aber, wennein ernster, wohlfituirter, vortreffliches junger Mann,den alle Welt achtet, dessen Worten zu trauen ist, selbstwenn er weniger deutlich gesprochen hätte, sich um meineinziges Kind bewirbt, dann muß ich die Möglichkeitwohl in Erwägung ziehen, wie es anzustellen ist, daßer ihre Liebe gewinne! Ihnen darf ich ihn schon nennen.Sie kennen ihn auch; es ist kein Geringerer als derliebenswürdige, geistreiche Professor Dr. Max Heermann."

Max Heermannl" Ottilie wiederholte den Namenmechanisch, wie ein Echo. Ein Schatten senkte sich vonden langen, dunklen Wimpern auf die leicht, ganz leichterblassende Wange.Kannte er Fclicie schon lange?"fragte sie, wie traumbefangen.

Schon lange? Nicht daß ich wüßte. Aber ersah sie gestern auf dem Drachenfels , und da machte sieihm sofort einen tiefen Eindruck, wie ich es nimmer vondem unfertigen Mädchen vorausgesetzt hätte. Doch es istThatsache . Ich wurde sagen er habe eine Leidenschaftfür sie gefaßt, aber das ahnt man nur. Er ist zu vor-sichtig, sein Gefühl herauszulassen, wie unsereiner thunwürde. Die verhaltene Gluth bemerkt man aber in jedemWort und Blick dennoch. Gestern Abend, als Sie michkaum verlassen hatten, trafen wir zusammen, und erwollte fast mir den Schwur abzwingen, meine Tochternicht auf's Theater zu lassen, so viel man mich auch be-reden würde!"

In die dunklen Augen war längst der goldeneSchimmer zurückgekehrt; um die Lippen, die einen Augen-blick schmerzlich gezuckt hatten, spielte wieder jener schel-mische Zug, der dem schön geformten Mund so gut ließ.Ottilie beugte sich nieder und betrachtete die wunderlichenZeichen, die ihre Sonnenschirmspitze in den Sandgrub, während der Alte auf ihre Bitte geordnet er-zählte, daß gestern Abend, nachdem Ottmar die Schwesteran der Tramstation in Königswinter abgeholt hatte undGoldmund auf das letzte Dampfschiff nach Bonn wartete,die Brüder Heermann zu ihm gestoßen seien. Der einehabe sich zu seiner jungen Familie nach Mehlem begeben,wo diese ein Sommerfrischhäuschen bewohne; der andere,der Professor, sei mit Goldmund auf dem Schiff nach Bonn gefahren, habe ihn mit Artigkeiten überhäuft, mit ihm in Bonn im Hähnchen zu Abend gegessen, habe ihn mit echtem Rhein-wein bewirthet und allerlei Fragen über den Aufenthaltder Tochter gestellt, die er, Goldmund, nur auf die dis-kreteste Weise beantwortet habe, zumal er mit Rechtsagen konnte, sie wohne bei einer Dame in guterHut, die er nicht näher kenne. Alsdann habeder junge Herr zu verstehen gegeben, wie glücklich er seinwürde, sich dem jungen Mädchen, das einen unauslösch-lichen Eindruck auf ihn gemacht habe, nähern zu dürfen,und zwar um ihr Herz und ihre Hand zu gewinnen.Er habe es sogar ganz deutlich ausgesprochen, daß, so-fern er nur die Zuneigung des seltenen Geschöpfes ge-winnen könne, er sofort um sie anhalten würde, ja erhabe sich gewissermaßen ihm gegenüber gebunden, umdafür sein Versprechen zu erhalten, sie weder für's Theaterzu bestimmen, noch sie in der Ocffentlichkeit singen zulassen, wie gestern.

Als der Alte diese Worte ausgesprochen, mochte ihmdas schalkhafte Lächeln Ottiliens, die sich rasch aufge-

richtet halle, doch auffallen. Er hielt plötzlich innesah mit offenem Mund Ottilie an, bis er endlich her-vorstieß:

»Ja so das waren ja Sie, die gestern sang! O ich alberner Schwachkopf! Der Wein dieSorge die Neuheit und Verwicklung der Lage ver-wirrten mich I Wie konnte ich an eine solche Gunst desGeschicks glauben? Wie annehmen, daß mein armes,scheues Täubchen je solche Eroberung machen würde!Sie gehört nicht zu den sieghaften Erscheinungen, dieman steht und sich ihnen gefangen gibt - oft fürimmer."

Sie würden das nicht sagen, wären Sie gesternAbend mit mir und Ottmar nach Villa Nehwald ge-kommen, hätten miterlebt wie wein Bruder Studiosusihr seine ganze frische und, wie ich gewiß weiß, auch aus-dauernde Jugendneigung zuwandte und nichts lieber ge-wollt hätte, als sich rasch mit ihr zu verloben. Voneinem Freier, den sie mir abspänstig gemacht hat, garnicht zu reden. Niemand außer der Räthin glaubt, daßauch dieser tief verwundet das Haus verließ."

Man schellte an der Gartenthüre. Ottilie bog denKopf durch die Ranken der Glycinen, um nach dem Ein-gang zu sehen.Tante Mina ist's! Die kommtgerade recht zur Berathung! Papa Goldmund, bitte,erwarten Sie mich hier!"

Der Sänger blieb aber lange allein. Er verkürztesich die Zeit mit einem Gabelfrühstück, das der Dienerin die Laube brachte. - Es wollten ihm aber weder Weinnoch Fleischspeisen gut munden. Er fühlte sich beschämtdurch seinen Irrthum und bedrückt durch die Vernichtungseines schönen Traums.

Sein trüber Muth verschwand aber doch vor demsonnigen Lächeln Ottiliens, als diese mit der freundlichenHermine Stark endlich wieder kam. Die Freundinnenhatten viel inzwischen besprochen. Es mußte Ernstesund Heiteres gewesen sein, denn in den Augen derAclteren wie der Jüngeren schwamm noch ein verrätheri-sches Naß, beglänzt vom Sonnenschein innerer Freude.Dem alten Herrn hatte Tante Mina Gutes zu berichten.In der Pension Harling verlangten reiche Engländerinneneinen Singlehrer ersten Ranges. Statt der Stelle aufdem Drachenfels sollte Goldmund diesen Unterricht über-nehmen, der ihm gutes Honorar abwarf. Auch Ver-pflegung und Wohnung wurden ihm in dieser Pensionbei guten, aufmerksamen Wirthen zugesichert, und erkonnte somit die Tochter eine Zeit lang entbehren, dienirgends besser versorgt sei als in Nonnenwerth .

Daß Felicie immer noch dahin verlangte, versichertesie ihm bald selber. Sie sah dabei so fröhlich aus, wieGoldmund die Kleine noch nicht gesehen hatte. Sieschien seit gestern gewachsen und verschönt. War dawirklich etwas vorgegangen, was des Kindes Sinn vomKlosterleben abgewendet hätte? Seiner krankhaftenFurcht davor konnte der arme Alte nur deshalb nichtlos werden, weil es ihm mit Verlust des einzigen Kindesgleichbedeutend war. Aber er konnte sich weder dem herz-lichen Wort Ottiliens verschließen, von deren Sympathieer einen so glänzenden Beweis hatte, noch den süßenBitten seines Töchterchens, das ihm zugleich versprach,gewiß nur der Fortbildung und gesicherten Schutzeswillen für einige Zeit in Nonnenwerth zu leben.

Er willigte also in die Vorschläge, die man ihmmachte, endlich ein. Es wurde beschlossen, daß heute