Ausgabe 
(30.6.1896) 54
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noch Felicie übersiedeln dürfe, denn Ottilie wollte morgigenTages schon mit Miß Rich nach Trier reisen, das sienoch nicht kannte. Sie zog vor, dort und nicht in Bonn die Rückkehr ihres Vaters zu erwarten, damit nicht ihrDebüt auf dem Druchenfels in der Gegend bekannt undbesprochen würde.

Die Räthin war mit dieser Bestimmung nur imInteresse Leberts einverstanden. Sie fühlte sich ihmgegenüber schuldbewußt, da sie es an Muth und Geschickhatte fehlen lassen, ihn rechtzeitig von dem Austausch derMädchenrollen zu benachrichtigen. Sein Benehmen hatteaber selbst ihr mißfallen. Dies trug bei, sie mit Ottilienstollem Streich auszusöhnen und endlich Ottiliens Bittennachzugeben, Luft und Unterhaltung gegen ihre Migränezu erproben und sich dem munteren Kreis zu gesellen,der sich im Gartensalon versammelte. Dort gestand siebald zu, daß ihr bisheriger Günstling gestern eine garzu klägliche Rolle gespielt hatte. Erst als Ottmars Auf-treten Dr. Lebert belehrt hatte, in welchem Irrthum ersich befunden, versuchte er es zwar noch mit einer Eifer-suchtsscene, um seinen kläglichen Rückzug zu decken, mußteer aber einsehen, daß er sich lächerlich machte, denn erschützte plötzlich Krankenvisiten vor, um nicht mit derRäthin nach der Villa fahren zu müssen.

In der Morgenfrühe aber hatte einBillet seineKlientin benachrichtigt,DoktorLebert sei mit einem Patienten nachBerlin gereist und werde einige Tagefortbleiben.

Der wäre außer Schußweite", sagteTante Mina, als die Räthin halb be-lustigt, halb mitleidsvoll das MißgeschickLeberts besprochen hatte.

Er ist übrigens nicht der einzige,der Stadt und Gegend verlassen mußte,ehe er über die Komödie der Irrungenaufgeklärt wurde. Mein Neffe Max istauch über Hals un) Kopf abgereist, inWahrheit gezwungen durch eine Archiv-arbeit in Mainz , die er vollenden muß,bevor der Congreß in Frankfurt angeht,denn dort hat er sein Erscheinen zugesagt. Er soll inder schlechtesten Laune gewesen sein, als er gestern Abendspät das Telegramm vorfand, das ihn abrief. Ingrimmigist er mit dem ersten Zug heute abgefahren. In seinenArchiven wird er schwerlich Dokumente finden, die ihmdie gestrige Komödie erklären. Vielleicht hat er später mehrChancen in Frankfurt ."

Ein bittender Blick Ottiliens auf die muthwilligeSprecherin machte Tante Mina verstummen. Frau Reh-wald erfuhr nichts von den Erlebnissen des bösen Max.Sie gönnte es ihm, wenn auch er von Ottilie ein wenigmysttfictrt worden war. Ihr Frieden mit Ottilie wardum so vollständiger. Die Migräne verschwand, und sienöthigte Goldmund und sein Töchterchen in ihrem gast-lichen Haus zu bleiben, bis gegen Abend alle ihre GästeFelicie nach Nonnenwerth begleiten könnten.

Ottilie und Mina hatten tagsüber verschiedene ge-heime Abmachungen mit Goldmund, der sich eine MengeAdressen und Notizen in ein scharf von beiden Damencontrollirtes Taschenbuch schreiben mußte.

Die arme Felicie wäre über dieser Geheimnißkrümereifast vergessen worden, wenn nicht zum Glück OttmarGrube Zeit gefunden hätte aus Bonn herüber zu kommen,

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Gerhard Uosilfs ch.

nur um einmal nach dem Rechten zu sehen. Er übernahmauch die Pflicht, das Mädchen auf dem etnftündigen Wegnach Nonnenwerth ausschließlich zu unterhalten, und esgelang ihm so gut, daß Beide höchlich überrascht waren,als sie an der Fähre gegenüber von Nonnenwerth ange-langt waren. Der Weg war ihnen sehr kurz erschienen.

Der Abschied ging nun zu rasch, als daß GoldmundZeit gehabt hätte, sich wieder in trübe Stimmung zuvertiefen. Noch einmal nur mußte Felicie ihm feierlich,angesichts der ewigen Berge", versprechen, den Schleiernicht zu nehmen! Sie that es unbefangen. Als dabeiihr Blick zufällig den Studenten streifte, erröthete sienoch mehr als gestern Abend beiOr.HeermannsVorstellung,und dies wohl bedeutungsvolle Zeichen hatte die Kraftdie tiefe Falte zu glätten, die Ottmars junge, aberenergische Züge verdüsterten, seit die Klostermauern inSicht waren.

Nur Ottilie und Frau Rehwald fuhren mit Feliciezur Insel hinüber. Tante Mina machte ganz harmlosdem jungen Grube den Vorschlag, sich zum Erwartender Nückkehrenden eine Hütte zu bauen, an gleicher Stelle,wo auf dem Rolandseck ein gewisser Ritter geharrt undgehofft habe. Sie fing auch wirklich an das Rezept zubesagtem Bau und geduldiger Bewohn-ung desselben aus Ritter Toggenburgzusammen zu suchen, so gut sie sichihres Schiller noch erinnerte. Ottmarließ sie aber nicht zu Ende kommen.

Ein Zelt würde genügen", meinteer.Solider Hüttenbau rentirt sichnicht. In anderthalb Jahren bin ichmit der Jurisprudenz fertig, machemeinen Doktor, und dann wenn nichtfrüher! kann das Zelt zusammen-gefaltet werden. Statt der Hütte baueich mir dann ein Haus." Er sagte eslachend, warf aber den Kopf trotzig zu-rück, und aus seinen Augen leuchteteein gewisser Strahl, der ihn seinerSchwester ähnlich machte.

VI.

Acht Tage später saß im Mittagsschnellzug, der vonMainz nach Frankfurt fährt, schweigsam, ungesellig ineine Ecke gelehnt, Professor Max Hcermann. Er hattevermieden mit Bekannten zusammen zufahren, als wäre er eineinsiedlerisch beanlagter Mann und nicht der muntereGesellschafter, den man so gern aufsuchte. Er mußte sich,statt mit Menschen, heute mit seinen Gedanken beschäf-tigen, denn er hatte seit acht Tagen seine liebe Nothmit ihnen. Sie waren rebellisch geworden, ließen sichgar nicht mehr zusammenhalten und nicht mehr in diegewohnten Bahnen des Studiums lenken. Kaum hattensie bei den dringend nothwendigen Arbeiten, die vor demGelchrten-Congreß in Frankfurt erledigt sein mußten,nothdürftig parirt. Hielt Dr. Heermann nur einen Augen-blick die Zügel weniger stramm, so rasten sie fort, dennFlügel wuchsen ihnen und trugen sie über Berg undThal, rheinabwärts immer zu. bis sie auf dem Drachen-fels anlangten. Dort suchten sie ein schönes Mädchen,lauschten seinen klugen Reden, seinem herzgewinnendenLachen und seinem herrlichen Gesang. Kehrten sie endlichzu ihrem Herrn zurück, so vermehrten sie seine Qual,weil sie ihm nur immer dieselben Dinge vorführten, die